Zum Säuli

Die Südfranzosen spielen Boule schon lange. Geschicklichkeit und eine gute Taktik führen zum Sieg. Aber Obacht: Nicht mit Pétanque oder gar Boccia verwechseln.

Seraina Manser
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Mit den Eisenkugeln möglichst nahe ans «cochonnet» (Schweinchen) heranzukommen, ist das Ziel. (Bild: Luca Linder)

Mit den Eisenkugeln möglichst nahe ans «cochonnet» (Schweinchen) heranzukommen, ist das Ziel. (Bild: Luca Linder)

Was machen vier Männer, acht grosse Kugeln und ein kleines Kügelchen bei schönem Wetter im Park? Sie spielen Boule. Und zwar nicht nur in Südfrankreich, sondern zum Beispiel auch im Leonhardspärkli in St. Gallen. «Im Sommer spielen meine Arbeitskollegen und ich über Mittag jeweils eine Partie Boule», erzählt dort einer. Ihm gefällt besonders, dass beim Boule eine ausgeklügelte Taktik und Geschicklichkeit gefragt sind.

Aus Südfrankreich

«Boccia, Boule und Pétanque sind verschiedene Bezeichnungen für ein und dasselbe Spiel» – so lautet ein weit verbreiteter Irrtum. Boule und Pétanque stammen zwar beide aus Südfrankreich, beim Boule (französisch für Kugel) jedoch bewegen sich die Spieler auf dem Spielfeld hin und her. Die nächste Runde beginnt jeweils dort, wo vorher das kleine Holzkügelchen gelandet ist. Bei Pétanque hingegen werfen die Spieler immer vom gleichen Ort aus. Die «bequemere» Variante des Boule wurde 1910 in Le Ciotat nahe Marseille erfunden. Jules Lenoir konnte wegen einer Gehbehinderung nicht am Boulespiel teilnehmen und entwickelte Pétanque. Der Name kommt vom provenzalischen Begriff «Ped Tanco», was «fixierter Fuss» bedeutet.

Die italienische Leidenschaft

Das italienische Boccia wird auf einer eingefassten Bahn von 25 mal 5 Metern gespielt. Es gibt den normalen Wurf oder den Zielwurf: Beim ersten Wurf darf keine andere Kugel weggestossen werden, beim zweiten muss vorher angesagt werden, welche Kugel getroffen werden soll. Ein offizielles Boulefeld ist 13 mal 3 Meter gross. Gespielt wir in zwei Mannschaften. Der erste Spieler zieht mit seiner Ferse einen Kreis in den Boden, dann wirft er das kleine Holzkügelchen, «cochonnet» (Schweinchen) genannt, ins Feld. Der gleiche Spieler versucht dann seine erste Kugel so nahe wie möglich zum «Schweinchen» zu bringen. Anschliessend ist die nächste Mannschaft dran. Geworfen wird immer vom Kreis aus. Wenn alle Kugeln gespielt sind, geht die Debatte los: Welche Kugel liegt am nächsten beim «cochonnet»? Grosse Distanzen misst man in Schritten, für kleine verwendet man eine Messschnur. Ist die Entscheidung gefallen, werden die Kugeln eingesammelt, und es geht von neuem los. Die faulen Spieler «fischen» mit einem Magnet, der an einer Schnur befestigt ist, die Kugeln vom Boden.

Mit Taktik zum Sieg

Ein französischer Schriftsteller meinte, dass ein «Bouliste» seine grösste Fertigkeit im Alter von etwa vierzig Jahren erreiche, erst dann habe er die Kraft und die Erfahrung, die nötig seien, um das Spiel wirklich gut zu spielen. Das ist Unsinn, Boule spielen kann jeder. Auch Frauen, die seit jeher beim Boulespiel in der Minderheit sind. Zum Sieg führt die beste Spieltaktik. Schmiegt sich die feindliche Kugel ans «Säuli», gilt es sie wegzuprellen. Die beste Methode ist, die Kugel hoch durch die Luft zu werfen, so dass sie auf der gegnerischen landet. Das gelingt nur geübten Spielern. Versucht dies ein Anfänger, sollten die Zuschauer in Deckung gehen. Eine Boulekugel wiegt nämlich stolze 900 Gramm.

In einer Serie beleuchtet die «zoom»-Redaktion die beliebtesten Sommerspielzeuge der Schweiz.