Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel

Die Musikindustrie spricht seit Jahren von einer Krise. Obwohl nicht zuletzt dank Diensten wie Spotify oder iTunes immer mehr Musik gehört wird. Doch wer verdient hier überhaupt noch? Die Künstler sind es, so scheint es, jedenfalls nicht. Und wie berechnet man den Wert eines einzelnen Songs?

René Rödiger
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Geoff Barrow ist genervt. Ganze 1700 Pfund (2400 Franken) hat der Musiker für 34 Millionen gespielter Streams erhalten. Wenn ein solcher Künstler, der mit der Band Portishead in den 1990er-Jahren die Musikrichtung Trip Hop in den Mainstream gebracht hatte, nur so wenig bekommt, wie können kleinere Musiker überleben? Barrow selbst macht im Tweet, in dem er diese Zahlen verbreitete, verschiedene Parteien verantwortlich: Spotify, YouTube, Apple und insbesondere Universal Music, sein Plattenlabel.

Ein Drittel für Spotify

Der DJ Dan Le Sac hat für den Musikblog «Complete Music Update» am Beispiel Barrow und Spotify nachgerechnet: Der Streamingdienst streicht 30 Prozent, also fast ein Drittel des ganzen Geldes ein. Geoff Barrow gerade noch 6,75 Prozent. Der Rest geht an Labels, Verlage, Vertriebe und an weitere Institutionen. Dan Le Sac dazu: «Die Künstler sind zu Recht wütend. Für eine Industrie, die nur ein Produkt hat, die Musik von Leuten wie Geoff Barrow, scheint es nicht gerade fair zu sein, dass diese Künstler dann so wenig davon sehen.»

Portishead ist eine vergleichsweise grosse Band. Der australische Produzent und DJ Nick Thayer hat im letzten Jahr auf seinem Blog die Rechnung seines Albums «Like Boom» von 2012 veröffentlicht. Das Album stand im Genre-Downloadportal Beatport immerhin 13 Wochen auf Platz 2 der Charts. «Nach Abzug für die Verkaufsplattform und das Label habe ich für 12 722 verkaufte Alben 3673.50 Dollar verdient. Einnahmen von Spotify, YouTube und so rechne ich schon gar nicht. Da könnte ich mir nicht einmal ein Bier davon leisten», schreibt Thayer. Rechnet man noch die Produktionskosten dazu, habe der Australier im Endeffekt für ein Jahr Arbeit nur Ausgaben gehabt. Thayer: «Man macht diesen Job aus Liebe zur Musik. Geld verdient kaum jemand.»

Geld nur mit Live-Auftritten

Davon ist auch Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman überzeugt. Beim Musik-Branchenfestival «South by Southwest» sagte er in einer Diskussionsrunde mit der Band Arcade Fire: «Erfolgreiche Musiker verdienen noch immer am meisten Geld mit der traditionellen Methode: Live-Auftritte.» Und: «In Wahrheit verstehe ich noch immer nicht wirklich, wie die Bands, die ich mag, überhaupt überleben können.»

Dazu sagt der Musiker und Produzent Nick Thayer, der seine Kosten für Tournées errechnet hat: «Für neun Auftritte in drei Wochen habe ich nach Abzug aller Kosten 800 Dollar Gage.»

Klar ist, dass im Musikmarkt immer weniger Geld generiert wird. Mit Live-Auftritten verdienen nur die bekanntesten Künstler. Laut Midia Research machen Konzerte 56 Prozent des Einkommens für Künstler aus. Die Musiker-Vereinigung «Future of Music Coalition» kommt immerhin noch auf 28 Prozent.

Steve Knopper schreibt in seinem Buch «Appetite for Self-Destruction», dass 1983 ein Künstler von einem 9-Dollar-Vinyl-Album 8 Prozent davon verdiente, also gerade einmal 72 Cent. Im gleichen Jahr kam die CD auf den Markt und der Anteil für die Künstler sank auf unter 5 Prozent. Beim Preis von 17 Dollar für eine CD. Talking-Heads-Gründer David Byrne schrieb 2007 in einem Essay, dass er von 9.99 Dollar für ein iTunes-Album 14 Prozent bekam, also 1.40 Dollar. Mehr sind es wohl bei Künstlern, die bei einem Indie-Label unter Vertrag sind. Im Buch «Ripped» schreibt Greg Kot, dass diese bis zu 17 Prozent, also 1.70 Dollar der Einnahmen erhalten.

Ein Problem dieser Zahlenspielereien ist, dass die Musikindustrie in «Einheiten» rechnet. Streams und Albumverkäufe lassen sich schlecht vergleichen. Ist jeder Stream eine Einheit? Dann wäre jedes Abspielen einer Single ab CD auch eine Einheit und der Wert würde drastisch schrumpfen. Als Vergleich: Laut Damon Krukowski (Damon & Naomi, Galaxie 500) haben tausend Vinyl-Singles im Jahr 1988 gleich viel Einnahmen generiert wie 13 Millionen Streams im Jahr 2012.

Der Wert eines einzelnen Musikstücks lässt sich nur schwer berechnen. Das hat auch mit der Verschwiegenheit der Branche zu tun. Beim Copyright-Prozess um den Hit «Blurred Lines» von Robin Thicke und Pharell bekam man einen kleinen Einblick: Die Anwälte der beiden Seiten kamen zum Schluss, dass der Song nach Abzug aller Steuern knapp 17 Millionen Dollar eingebracht habe.

Die Industrie ist im Wandel

«Wasser ist gratis. Musik kostet», sagte Jay Z bei der Präsentation seines Musikdienstes Tidal. Doch wie hiess es früher beim Wasser und heute bei der Musik: «Evian» rückwärts gelesen heisst «naive». Klar ist nur, dass Musiker für ihre Arbeit entlöhnt werden sollen. Die Art, wie dies geschieht, hat sich im Laufe der Zeit immer wieder gewandelt. Sollten Streamingportale weiter wachsen und massiv mehr bezahlende Kunden bekommen, würden die Einnahmen der Künstler wieder steigen. Kaum mehr so viel wie in den «goldenen 1980er-Jahren», aber immerhin wieder so viel, dass sie davon leben können.