Zuerst die Frau, dann das Kleid

Zum 90-Jahr-Jubiläum der St.Galler Modefirma hat die amerikanische Museumskuratorin Valerie Steele ein Buch über Akris geschrieben. Es wird morgen am Pariser Défilé vorgestellt. Im Gespräch erklärt die Autorin, was sie an der Marke begeistert.

Yvonne Forster
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Von der Kunst zur Mode: Vom US-Künstler Franz Kline inspirierter Wintermantel 2012 von Akris. (Bild: Karim Sadli/Akris)

Von der Kunst zur Mode: Vom US-Künstler Franz Kline inspirierter Wintermantel 2012 von Akris. (Bild: Karim Sadli/Akris)

Sie ist Museumsdirektorin am Fashion Institute of Technology (FIT) in New York, hat über 20 Modeausstellungen kuratiert – zum Beispiel über die Gotik, die Geschichte des Korsetts und die japanische Mode – und hat zwölf Bücher über die Entwicklung der Mode geschrieben. Das neueste Werk von Valerie Steele ist ein Buch über die 90jährige Geschichte von Akris.

Frau Steele, was hat Sie dazu bewogen, über Akris zu schreiben?

Valerie Steele: Akris ist schon seit sechs Jahren auf meinem Radar. Seit ich erstmals ein Défilé von ihm besuchte, verfolge ich die Entwicklung der Marke. Die hohe Qualität der Kleider hat mich neugierig gemacht, den Designer persönlich kennenzulernen.

Kennen Sie denn noch andere Schweizer Marken ausser Akris?

Steele: Gibt es denn welche? Ich kenne nur Unterwäschefirmen.

Vor sechs Jahren hat man Akris auf der internationalen Modebühne noch kaum gekannt.

Steele: Akris wurde lange unter seinem Wert gehandelt. Ich habe aber immer wieder Gutes über die Marke gehört, vor allem vom New Yorker Warenhaus Bergdorf Goodman und vielen Kundinnen.

Was ist denn an Akris so anders als bei bekannten US-Marken?

Steele: Zum Beispiel die Hosen. Sie sitzen perfekt, nicht nur für Grösse 34, sondern auch für eine 42. Das ist eine Kunst. Als ich Albert Kriemler bei der Arbeit beobachtete, merkte ich, wie viel Überlegung er in die Entwicklung seiner Kleider steckt. Er hat dabei stets seine Kundinnen vor Augen und nicht in erster Linie den Effekt auf dem Laufsteg.

Also stehen praktische Überlegungen im Vordergrund?

Steele: Die Akris-Garderobe funktioniert immer: Für die Frau in leitender Position, aber auch für jene, die reist. Albert Kriemler fragt sich: Wie müssen Kleider sein, damit sie knitterfrei aus dem Koffer kommen? In welchen Kleidern fühlt sich eine Frau entspannt, ohne ständig ihre Garderobe in Frage zu stellen? Kleider sollen eine Art Wohnung für den Körper sein, in der man sich zu Hause fühlt.

Spürt denn die Kundin überhaupt die hohe Qualität der Akris-Kleider?

Steele: Es gibt nur wenige Frauen, die sich bei der Qualität der Materialien wirklich auskennen. Die meisten sind mit preisgünstigen Stoffen vertraut. In Amerika gibt es aber eine Kundschaft, die bereit ist, für Qualität mehr Geld auszugeben. Wichtig ist, dass man die Frauen auf diese guten Materialien aufmerksam macht.

Sie zitieren in Ihrem Buch Albert Kriemler: Man soll immer zuerst die Frau wahrnehmen und erst dann, was sie trägt.

Steele: Ja. Wenn sie das richtige Kleid trägt, sagt man spontan: Die Frau sieht toll aus! Erst später stellt man fest, wie vorteilhaft ihr Kleid für den Gesamteindruck ist. Akris-Kleider unterstützen die Wirkung der Persönlichkeit.

Aber man kann doch auch in einem auffallenden Prada-Modell gut aussehen?

Steele: Sicher, aber das ist ein anderer Approach zur Mode. Prada, Balenciaga oder Chanel haben eine DNA, die man sofort erkennt. Albert Kriemler will keine so vordergründige Wirkung erzielen.

Was beeindruckt Sie an der Person Albert Kriemler?

Steele: Er ist ein Ästhet, kultiviert, intelligent, empfänglich für jede Art von Kunst und Architektur. Er kennt fast jedes Museum.

Mode hat sich ja immer wieder an der Kunst inspiriert.

Steele: Jeder Designer hat irgendeinen kulturellen Hintergrund. Für den einen ist es Hip-Hop, für den anderen Trash. Welche Richtung er wählt, hängt von seinem Modestil ab. Albert Kriemler ist von der zeitgenössischen Architektur und Kunst begeistert. Nachdem Mode ein visuelles Medium ist, scheint es mir natürlich, dass er sich an Bildern inspiriert, zum Beispiel an jenen des Schweizer Malers Vallotton.

Minimalismus ist ein wichtiger Trend. Wie sehen Sie ihn bei Akris?

Steele: Minimalismus war in den letzten hundert Jahren immer wieder in Mode. Bereits Coco Chanels «Kleines Schwarzes» war in den 20er-Jahren Ausdruck von Minimalismus. In den 60er-Jahren führten Courrèges und Cardin eine Art futuristischen Minimalismus ein. In den Neunzigern war Jil Sander die herausragendste Vertreterin des Stils. Heute sind es Phoebe Philo bei Celine und Raf Simons. Bei Akris ist Minimalismus keine Frage des Trends, sondern Bestandteil seiner Mode.

Albert Kriemlers Schaffenskraft beginnt immer mit dem Stoff.

Steele: Absolut. Die Leichtigkeit, technische Virtuosität, die Dekoration als Teil des Stoffes, die unfehlbare Konstruktion, der selbstverständliche Luxus bequemer Materialien wie Cashmere, Double Face und Stickereien: All das macht Akris so speziell.

Was brachte den Durchbruch?

Steele: Entscheidend war, dass Akris vor 12 Jahren den Schritt nach Paris wagte. An den Prêt-à-porter-Schauen vergleichen sich die Modeschöpfer in hartem Konkurrenzkampf. Das wachsende Vertrauen in seinen eigenen Stil führte zu kühneren Kollektionen. Der grosse Durchbruch kam mit den Fotoprint-Kleidern. Die Motive des Grand Prix von Monte Carlo im letzten Jahr oder das schottische Gartenthema auf Seide und Pailletten waren grossartig.

Sie schreiben, dass Akris eine «No-Logo-Fashion» mache. Sind Logos nicht mehr begehrt?

Steele: Logomania kommt und geht. Im Moment geht der Trend eher zum unspektakulären Luxus. Das Etikett muss nicht mehr überall sichtbar sein. Heute ist es schick, etwas Luxuriöses zu tragen, das nur Insider kennen. Wie Taschen von Hermès und Akris.

Valerie Steele Museumsdirektorin am Fashion Institute of Technology, New York (Bild: Quelle)

Valerie Steele Museumsdirektorin am Fashion Institute of Technology, New York (Bild: Quelle)