Zu viel Tempo

Unfälle Die meisten Unfälle verursachen junge Neulenker und ältere Menschen über 75. Die Gründe dafür sind unterschiedlich, die Art der Unfälle auch, wie bei den Crashtests in Wildhaus zu sehen ist. Unfallforscher schlagen die Einführung des Autofahrens ab 17 vor, allerdings nur in Begleitung – und Älteren reflektierende Kleider. Bruno Knellwolf

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Der Ausgang der Jugendlichen endet am Baum – und tödlich, wären die Insassen nicht Dummies der Crash-Tests in Wildhaus. (Bilder: Ralph Ribi)

Der Ausgang der Jugendlichen endet am Baum – und tödlich, wären die Insassen nicht Dummies der Crash-Tests in Wildhaus. (Bilder: Ralph Ribi)

Mit dem Rollator steht der alte Mann am Strassenrand, gleich will er die Strasse überqueren. Von links naht ein Auto, man sieht das Unglück kommen. Doch der Mann bleibt entgegen der Übungsanleitung einfach stehen und lässt sich nicht in die Luft schleudern. «Ein gescheiter Dummy, könnte man meinen», sagt der Unfallanalytiker Jörg Ahlgrimm vom deutschen Unfallversicherer Dekra.

Eigentlich hätte die von einer Seilwinde bewegte Puppe im ersten Crashtest in Wildhaus mitsamt Rollator vom Auto mit hohem Tempo erfasst werden sollen. Ein Unfall, der in den meisten Fällen tödlich endet, erklärt Ahlgrimm. «Auch weil ältere Menschen verletzlicher sind als 20-Jährige», ergänzt die Unfallforscherin Bettina Zahnd von der Axa-Winterthur-Versicherung.

«Ältere Leute sind oft schwierig erkennbar, weil sie häufig dunkle Kleidung tragen», sagt Ahlgrimm und ergänzt, dass Reflektoren an Kleidern und Rollator helfen könnten. Verschärfend kommt nach Zahnd hinzu, dass ältere Leute oft selbst Opfer von älteren Autofahrern werden. «Beide können die Fehler des anderen schlechter kompensieren als jüngere Autofahrer», sagt Zahnd.

Zwei Risikogruppen

Über 70-Jährige gehören zu den häufigsten Unfallverursachern, so wie auch die Neulenker zwischen 18 und 21. Alt und Jung sind zu 70 Prozent Hauptverursacher. «Allerdings an unterschiedlichen Unfällen und aus unterschiedlichen Gründen», sagt Bettina Zahnd. Sie zeigt Bilder von Autos, die in Schaufensterscheiben gelandet sind – exemplarische Fälle von «Altersunfällen».

«Immer mehr Ältere werden mit dem Auto unterwegs sein», sagt Ahlgrimm. Mit dem demographischen Wandel werde die Frage «Soll ich noch weiterfahren?» noch mehr zum Brennpunkt gesellschaftlicher Diskussionen. Allerdings sei nicht jeder ältere Fahrer eine Gefahr, es gebe auch 20jährige Geisterfahrer. Aber man müsse die alterstypischen Probleme im Auge haben.

Diese werden im zweiten Crashtest sichtbar: ein älterer Mann mit Hut lässt ein Auto, das von rechts kommt, passieren, schaut nachher nicht mehr nach links und wird dabei voll erfasst. Das verweigerte Vorfahrtsrecht ist die häufigste Unfallursache bei Senioren. «Sie verlieren die Übersicht, die Situation an einer Kreuzung ist zu komplex, sie haben Bewegungsprobleme, die Sehschärfe, das Hörvermögen haben wie auch die Reaktionsfähigkeit nachgelassen. Oft müssen Ältere einen Medikamentenmix einnehmen», erklärt Ahlgrimm.

Dieser Crash hätte zu einer Verletzung des Beckens führen können, denn auf der Seite hat ein Auto keine Knautschzone, welche die Energie des aufprallenden Autos aufnimmt. Die Fahrgastzelle ist dementsprechend eingedrückt.

Trotzdem sei die Mobilität im Alter ein berechtigtes Bedürfnis; und die Forderung, Ältere grundsätzlich so schnell wie möglich aus dem Verkehr zu ziehen, hält Ahlgrimm für falsch. «Es gibt kein bestimmtes Alter, mit dem man nicht mehr fahren sollte.» Man müsse jeden Fall einzeln betrachten. Dafür sollten die Hausärzte, die oft in einem Vertrauensverhältnis und damit im Clinch stünden, entlastet werden. Die Versicherer bieten deshalb einen unabhängigen Arzt zur Fahrtauglichkeitskontrolle an. «Wichtig für ältere Leute ist, dass sie sich geistig und körperlich fit halten», sagt der Unfallforscher. Dazu sollten sie sich frühzeitig mit Mobilitätsalternativen auseinandersetzen. Sei der Altersstarrsinn eingetreten, werde es kritisch.

Achtung, Übermut!

Bei den Jungen ist nicht der Starrsinn die Gefahr, sondern der Leichtsinn. Im dritten Crash sitzen vier Jung-Dummies im Auto nach einem Discobesuch. Dieser endet mit einem beeindruckenden Frontalcrash in einem Baum. Die Unfallforschung der Axa-Winterthur kann die Unfälle junger Fahrer dank ihrer Crash-Recorder-Datenbank analysieren. Dabei zeigt sich nach Zahnd, dass häufig das Abkommen von der Fahrbahn und übersetzte Geschwindigkeit zu Unfällen führen. «Jugendliche sind häufig in Alleinunfälle verwickelt – ohne, dass ein anderes Auto beteiligt ist», sagt die Unfallforscherin. Und ein Drittel der Selbstunfälle endet in einem Baum.

«Es gibt zwei Problemkreise. Zum ersten das Anfängerrisiko – die mangelnde Routine. Zudem können Junge nicht bremsen», sagt Zahnd. Warum das? Die Crash-Recorder-Analysen zeigen, dass von Hundert jungen Lenkerinnen und Lenkern nur eine Person eine richtige Vollbremsung in der Not gemacht hat. Zwölf Prozent drückten immerhin so fest aufs Bremspedal, dass es zu einer Notbremsung reichte. Der Rest und damit die allermeisten bremsten nur so, wie man vor einer Ampel bremst, was im Notfall zum Crash führen muss.

Junge brauchen gutes Auto

Als zweites gibt es das Jugendlichkeitsrisiko. Das ist der Übermut, der gehäuft an Wochenenden und nachts im Zusammenhang mit Geschwindigkeit und Alkohol zu Unfällen führt. Gegen das Anfänger- und Jugendlichkeitsrisiko schlägt Zahnd die Einführung des begleiteten Fahrens vor, wie es in Deutschland praktiziert wird. 17-Jährige dürfen dort in Begleitung Erfahrung beim Autofahren sammeln. Und Ahlgrimm setzt einen Tip für die Eltern dazu: «Die Jungen müssen das sicherste Auto haben, mit den meisten Fahrassistenten, und nicht das billigste, weil es sowieso verbeult wird.»

Vorfahrt missachtet, eine häufige Unfallursache bei Senioren. (Bild: (Ralph Ribi))

Vorfahrt missachtet, eine häufige Unfallursache bei Senioren. (Bild: (Ralph Ribi))

Der Dummy mit Rollator wird präpariert – er bleibt aber stehen. (Bild: (Ralph Ribi))

Der Dummy mit Rollator wird präpariert – er bleibt aber stehen. (Bild: (Ralph Ribi))