Zu perfekt für Kinder

Für einen kindergerechten Garten braucht es kein Trampolin. Sträucher, Sand, Wasser und etwas kindliches Chaos bringen viel mehr.

Katja Fischer De Santi
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Balancieren, klettern, sitzen, erforschen: Holzrugel bieten zig verschiedene Spielmöglichkeiten. (Bild: fotolia)

Balancieren, klettern, sitzen, erforschen: Holzrugel bieten zig verschiedene Spielmöglichkeiten. (Bild: fotolia)

Sie ziehen ins Grüne, damit die lieben Kleinen endlich mehr Auslauf haben zum Toben und Spielen. Ein eigener Garten ist das grösste Kinderglück, sagen sich die Eltern. Und sie haben recht: «Kinder brauchen die Natur. Sie ist so wichtig wie die Luft zum Atmen», schreibt etwa der Berliner Biologe und Naturphilosoph Andreas Weber. Er ist sich sicher: «Um ein ganzer Mensch zu werden, ist es besser, den halben Tag in der Erde zu graben als auf der Tastatur des Computers herumzuklicken.» Und der Schweizer Kinderarzt und Bestsellerautor Remo Largo ist berühmt für seinen Ausspruch: «Im Wald ist kein Kind hyperaktiv.»

Was läuft schief im EFH-Garten?

Also zieht, wer kann, mit Kind und Kegel in ein Haus mit Garten. Es wird Rasen angesät, eine Schaukel aufgestellt, etwas Sand in eine Kiste geschüttet und alles schön eingezäunt. Und dann heisst es: «Kinder, geht raus spielen!» Doch was macht der Nachwuchs? Er langweilt sich auf dem Rasen, schmeisst mit Sand, zerpflückt die hübschen Blumen und geht dann wieder ins Haus, während der Rasenmäher-Roboter einsam seine Bahnen zieht.

Was läuft also schief in unseren Einfamilienhausgärten? «Viele Privatgärten sind schlicht zu perfekt, als dass sich Kinder darin wohl fühlen und spielen können», sagt Markus Allemann. Der Landschaftsgärtner mit eigenem Betrieb in Schönholzerswilen befasst sich berufshalber intensiv mit der Gestaltung kinderfreundlicher und naturnaher Gärten. «Es genügt nicht, eine Plastikschale voller Sand und ein Spielhäuschen aus dem Baumarkt auf den Rasen zu stellen.»

Kinder wollen etwas tun, ihre Umgebung verändern, beobachten und forschen. «Am liebsten wäre es ihnen, der Garten würde eine permanente Baustelle bleiben, mit viel Dreck und Steinen, Mulden und Hügeln», erklärt Allemann. Tatsächlich haben diverse Studien schon in den 1970er-Jahren gezeigt, dass sich Kinder auf konventionellen Spielplätzen mit Rutschen, Schaukeln und Kletterstangen nur sehr kurz beschäftigen können. In ein vertieftes, manchmal stundenlanges Spiel versinken sie hingegen mit Sand, Wasser, Bäumen und lose herumliegendem Material wie Steinen, Ästen und Brettern.

So wenig Rasen wie möglich

Dinge, die in der Natur üppig vorhanden sind, aber aus den Gärten vieler Einfamilienhäuser verbannt wurden. Zu unordentlich wirkt es, zu sehr stört eine solche Buddelbaustelle das Auge des erwachsenen Betrachters. Stattdessen dominieren vielerorts kurzgeschnittene Rasenflächen das Bild. Zum Fussballspielen sind solche Flächen ganz praktisch, aber es gebe in fast jedem Quartier bessere Orte, um richtig Ball zu spielen, als in den eher kleinräumigen Privatgärten, gibt Markus Allemann zu bedenken. Auch der kürzlich verstorbene Schweizer Pionier in Sachen kindergerechte Gärten Alex Oberholzer rät in seinen Büchern, die Rasenfläche so klein wie möglich zu halten. «Rasen bringt wenig für die Natur und noch weniger für Kinder.» Besser sei es, den Garten mit Kiesflächen, Sträuchern, kleinen Plätzen und einer Wasserstelle in verschiedene Zonen zu unterteilen, welche genügend Versteck- und Rückzugsmöglichkeiten für alle Familienmitglieder böten.

«In der Praxis bringt es schon viel, die Rasenfläche mit einigen Sträuchern oder einer Strauchhütte zu unterbrechen», rät Landschaftsgärtner Allemann. Wenn dann noch ein Haselstrauch darunter sei, dessen Ruten man zum Schnitzen und Spielen gebrauchen könne, sei schon viel gewonnen. «Die Natur selbst liefert alles, was Kinder zum Spielen benötigen, wir müssen uns nur getrauen, sie wieder zuzulassen.»

Gelassenheit hilft

Gerade für ordnungsliebende Erwachsene keine einfaches Vorhaben. «Wappnen Sie sich von vornherein mit einer grossen Portion Gelassenheit. Was Sie als Chaos aus Sand, Steinen und Blätter empfinden, ist für Ihre Kinder das schönste Spielparadies», raten die Autoren von «Der Spielgarten» (Pala Verlag) schon im Vorwort. Kinder würden alles Schräge und Unfertige lieben, weil es sie anregt, kreativ zu werden. Darum ist es eher kontraproduktiv, wenn der Vater mit der Wasserwaage das perfekte Baumhaus baut. «Lassen Sie Ihre Kinder mitbauen – auch wenn das Projekt so ewig halbfertig bleibt», raten die Autoren.

Dass es sich lohnt, etwas Zeit in einen kinderfreundlichen Garten zu investieren, zeigt auch die Erfahrung Markus Allemanns. Immer wieder erhält er von Eltern, in deren Garten er eine Sand-Wasser-Buddelanlage erstellt hat, die Rückmeldung, dass nun die Kinder des ganzen Quartiers in diesem Sandhaufen sitzen würden. Und zwar Kinder jedes Alters.

Draussen fürs Leben lernen

Ein Garten kann also durchaus das grösste Kinderglück sein. Zumindest dann, wenn er den Kindern den Raum lässt, sich auszuprobieren, auch mal zu hoch zu klettern, zu tief zu graben, zu schwer zu schleppen und richtig dreckig zu werden. Also Kinder, geht raus spielen!

Mehr als ein Sandkasten: Matsch- und Baumulde mit Wasserhahn. (Bild: pd)

Mehr als ein Sandkasten: Matsch- und Baumulde mit Wasserhahn. (Bild: pd)