Zu beschäftigt für das Wir

Gibt es heute mehr Egoisten als früher? Konzentrieren sich viele tatsächlich nur darauf, ihr Leben zu leben, ohne Blick für die anderen? Was Wissenschafter und Psychiater vom Vorwurf der sozialen Kälte halten.

Diana Bula
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Typische Zugszene: Menschen ziehen das Handy oder den Laptop einem Gespräch mit Mitreisenden vor. (Bild: fotolia/kasto)

Typische Zugszene: Menschen ziehen das Handy oder den Laptop einem Gespräch mit Mitreisenden vor. (Bild: fotolia/kasto)

Er erzählte nach seiner Ankunft immer als erstes davon. Davon, wen er auf der viereinhalbstündigen Zugfahrt diesmal kennengelernt hatte. Heute hätte Grossvater wenig zu berichten. Die Menschen, die zufällig Platz nebeneinander nehmen, kommunizieren selten miteinander. Und das ist den meisten recht so. Lieber starren sie aus dem Fenster oder auf ihr Handy.

Onlinedating und das Vertrauen

Ist dieses Nicht-mit-Fremden-Reden ein Zeichen für die soziale Kälte, wie Gesellschaftskritiker sie feststellen? «Es wird doch viel gesprochen in den Schweizer Zügen», sagt Jörg Rössel, Soziologe an der Universität Zürich. «Ich glaube, das kommt daher, dass viele Arbeitskameraden miteinander unterwegs sind.» Rössel stammt aus Deutschland und seine Reaktion zeigt, wie subjektiv Menschen das Miteinander einschätzen. Nicht nur die Herkunft, auch der Charakter spielt eine Rolle, wie introvertiert oder extrovertiert jemand ist.

Nimmt man die Freiwilligenarbeit als Massstab, ist unsere Gesellschaft emotional erkaltet. «Gemäss dem Bundesamt für Statistik ist das freiwillige Engagement in den vergangenen 15 Jahren zurückgegangen», sagt Rössel. Einen Grund dafür sieht er darin, dass «die Aktivitäten sich verlagert haben». Weg von den Vereinen, hin zu Individualsportarten. Hingegen geben auf Wikipedia viele Menschen ihr Wissen weiter, indem sie Einträge erstellen – und «stiften damit Nutzen. Sie tun das meist, ohne zu profitieren.» Und wenn Menschen die grosse Liebe nicht mehr in der Bar oder beim Sport finden, sondern auf Online-Plattformen, so bedeutet auch das laut Rössel nicht, dass die Gesellschaft asozialer ist als früher. Im Gegenteil: «Menschen könnten sich auf diesen Portalen das Blaue vom Himmel versprechen. Wie wahr die Angaben sind, erweist sich ja erst beim Treffen. Dennoch scheinen diese Modelle zu funktionieren.»

Die Generation Y, die Jungen, die auf der Suche nach Lebenssinn angeblich alles wollen: Immer wieder werden sie als Egoisten bezeichnet. Zu Recht? Rössel will Generationen nicht miteinander vergleichen: «Wer sagt mir, wie die mit 55 sind?» Lieber verweist er auf die Forschung. Darauf etwa, dass der Mensch spendet, wovon er im Überfluss hat. Ältere geben Geld, Jüngere eher Blut.

«Sackgasse Individualismus»

Im direkten Kontakt aber bestehe Handlungsbedarf, meint Philippe Pozzo di Borgo, der Mann, auf dessen Lebensgeschichte der Kinoerfolg «Ziemlich beste Freunde» basiert. In seinem neuen Buch «Ich und du» träumt der Franzose, der mit 42 Jahren beim Paragliden verunfallte und seither im Rollstuhl sitzt, von Gemeinschaft jenseits des Egoismus. Während eines Jahres im Spital hat der Ex-Geschäftsführer der Firma Champagne Pommery über das Ich und Du nachgedacht: «Ich und Du, das macht drei! Ich, du, wir.» Lange hat sich Pozzo di Borgo die Frage nach dem Wir selber nicht gestellt, wie er schreibt. «Aus Nachlässigkeit, Sorglosigkeit, vielleicht sogar Furcht.» Der Individualismus führe jedoch in eine Sackgasse, wie Vereinsamung und Gier zeigten. Und die Sucht nach Erfolg erzeuge Neid sowie Egoismus. «Man betrachtet den anderen nur als Rivalen.» Um sich auf die Gemeinschaft einzulassen, empfiehlt er, im Moment zu leben. «Wenn ich immer nur mit Plänen beschäftigt bin, übersehe ich die anderen.»

Egoistisch im Schmerz

Auch die deutsche Neurowissenschafterin Tania Singer attestiert der Gesellschaft «ein mit Sucht verbundenes System des <Ich will mehr>». Jedoch zeige die soziale Neurowissenschaft, dass der Mensch kein Homo oeconomicus sei, der nur seine eigenen Bedürfnisse kenne, sagt die Leiterin des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in einem Interview mit «Die Zeit». So fühlen viele mit, wenn in den Nachrichten über ein Familiendrama berichtet wird. «Wenn ich jemand anderen Schmerzen erleiden sehe, aktiviere ich Teile eines Netzwerkes im Gehirn, das auch dafür zuständig ist, meine eigenen Schmerzen zu verarbeiten. Dadurch kann ich fühlen, wie es anderen geht», erklärt Singer gegenüber der «Süddeutschen». Rasch können Meldungen und Erlebtes deshalb überfordern, die Wissenschaft nennt das empathischen Stress. «Wenn ein Kind sich verletzt, die Mutter in empathischen Stress gerät, fängt sie an zu weinen. Dann schaukelt sich das hoch, damit ist niemandem geholfen», sagt Singer. Empathischer Stress hat Ähnlichkeiten mit Egoismus: «Es ist kein soziales Verhalten möglich, sondern man kümmert sich darum, dass es einem selbst besser geht.»

Eingeschränkte Hilfe

Die einen überreagieren, die anderen können nicht mitfühlen. «Es gibt Menschen, die sind vollständig seelenblind», sagt Psychiater Torsten Berghändler, der in Herisau und Gais eine Praxis führt. «Die Neuroforschung geht grundsätzlich davon aus, dass Mitgefühl aus einem angeborenen und einem erworbenen Anteil besteht.» Ob und wie man Mitgefühl zeigt, hängt von den Spiegelneuronen, Nervenzellen im Gehirn, ab. «Sie ermöglichen uns, einzuschätzen, was die Mitmenschen beabsichtigen», sagt Berghändler. So gelangen wir etwa durch die Fussgängerzone, ohne ständig andere anzurempeln. Die Spiegelneuronen bieten auch evolutionäre Vorteile. «Handeln wir ausschliesslich egoistisch, überleben wir nicht. Wir brauchen die Gruppe.»

Bestimmte Faktoren des Arbeitsstresses hindern daran, andere zu verstehen. Berghändler: «Angst und Konkurrenzkampf reduzieren die Tätigkeit der Spiegelneuronen.» Seine Patienten würden häufiger über soziale Kälte klagen. Früher hätten die Menschen vielleicht mehr Zeit gehabt, ob sie diese für die Mitmenschen nutzten, sei nicht erwiesen. «Soziale Kälte hat es wohl schon immer gegeben, nur gibt es heute mehr Möglichkeiten, sie zu artikulieren.» Als Psychiater habe er hingegen weniger Möglichkeiten zu helfen. «Die Leute sind seltener bereit, in Vereine zu gehen. Verbindliche soziale Strukturen werden zunehmend unmodern.»

Bild: DIANA BULA

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