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ZEITDIAGNOSE: Geistreiche Provokationen

Scharfzüngig analysiert der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann in «Bildung als Provokation» unsere Zeit. Seine anregenden Essays berühren die unterschiedlichsten Themen und folgen doch einem roten Faden.
Rolf App
Was sind das nun? Junge Menschen auf dem Weg zu wahrer Bildung, das heisst zur Mündigkeit? Oder nur angehende Konsumenten?

Was sind das nun? Junge Menschen auf dem Weg zu wahrer Bildung, das heisst zur Mündigkeit? Oder nur angehende Konsumenten?

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Fast jede Revolution zieht eine Blutspur hinter sich her. Fast jede Revolution erreicht die Ziele nicht, zu deren Verwirklichung sie angetreten ist. Vor allem das eine, grosse Ziel: Freiheit. Im Gegenteil: Im Namen der Freiheit hat das Leben des Einzelnen keine Bedeutung mehr, die Revolution erstickt im Schrecken. Trotzdem lieben wir sie. Wir lieben ihr Pathos, ihre Gestik, ihre Symbolik. Und schauen in unserer Euphorie gern über den Rest hinweg. Zuletzt geschehen beim Arabischen Frühling.

Liessmann formuliert mit messerscharfer Klarheit

Jener Enthusiasmus war «Ausdruck einer eklatanten Geschichtsvergessenheit, letzter Reflex einer unwissenden Revolutionsromantik». So seziert der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann in einem jener Essays, die jetzt unter dem Titel «Bildung als Provokation» erschienen sind, diesen hoch problematischen Glauben. Und zieht nur wenige Seiten weiter eine Verbindung in unseren Alltag, in dem dieselbe Gläubigkeit herrscht. Und in dem der ersehnte Fortschritt allzu leicht zur freiheitsverneinenden Karikatur verkommt. So dominiert denn in der nach 1968 befreiten Sexualität der Leistungsdruck, in der digitalen Kommunikation triumphieren die Überwachungsprogramme, und in der Forschung herrscht nicht die kreative Fantasie, sondern standardisierter Publikationszwang.

Nein, es gibt keine Erlösung für den Menschen. Nicht in den Augen dieses anregenden Geistes, der seine Gedankengänge mit messerscharfer Klarheit formuliert. Seine Texte zu lesen, sie auf sich wirken zu lassen, das macht Spass, auch wenn ihr Ergebnis allzu oft ziemlich bedenklich ausfällt. Etwa beim titelgebenden Thema Bildung. «Weder sollen sich Menschen bilden, noch sollen sie gebildet werden», stellt Liessmann lakonisch fest, «gefordert ist heute der Erwerb von ‹Kompetenzen› wie Teamfähigkeit, Kommunikationsbereitschaft, Innovationsfreude und digitale Fitness.» Bildung, ernst gemeint, «wäre heute eine Provokation», weil sie die allgegenwärtige Forderung nach Nützlichkeit, Anwendbarkeit und Verwertbarkeit niemals erfüllen könnte. Denn den Gebildeten kennzeichne «nutzloses Wissen», er lässt das ständig präsente Gefühl hinter sich, «von Märkten, Innovationen, dem Wettbewerb und der Konkurrenz getrieben» zu sein. Er pflegt das, was man, sehr altmodisch, Musse nennt. Diese Musse aber geht unserer Gegenwart ab, obschon wir über mehr freie Zeit verfügen als alle Generationen vor uns. Denn auch diese freie Zeit steht unter dem Imperativ unserer Tage, der Mensch habe «jederzeit all seine Ressourcen auszuschöpfen und seine Fähigkeiten zu optimieren».

«Man denkt mit der Uhr in der Hand»

Neu ist das nicht. Sondern vielmehr ein Kennzeichen der Moderne. Liessmann zitiert Friedrich Nietzsches «Fröhliche Wissenschaft» von 1882: «Man schämt sich jetzt schon der Ruhe; das lange Nachsinnen macht beinahe Gewissensbisse. Man denkt mit der Uhr in der Hand, wie man zu Mittag isst, das Auge auf das Börsenblatt gerichtet, – man lebt, wie Einer, der fortwährend Etwas ‹versäumen› könnte.»

Natürlich hat sich trotzdem viel verändert, keine Frage. Auch die Universität ist jetzt auf Effizienz getrimmt, man sammelt Bologna-Punkte und spart sich die vielen Umwege früherer Generationen von Wissbegierigen. Die Bildung aber ist, so Liessmann, zur «säkularisierten Religion» geworden und steht in jedem Wahlprogramm an prominenter Stelle: «In keinen Bereich des Lebens wird so viel Hoffnung gesetzt wie in den der Bildung», konstatiert der Philosoph. «Bildung gilt als unerschöpfliche Ressource rohstoffarmer Länder im globalen Wettbewerb, Bildung ist das Medium, mit dem Mädchen, Migranten, Flüchtlinge, Aussenseiter, Behinderte und unterdrückte Minderheiten emanzipiert, gefördert, integriert und inkludiert werden sollen. Wer heute von Bildung spricht, glaubt an Wunder.»

Natürlich gehört Liessmann selber zu den Ungläubigen, und so seziert er die «Heilige Dreifaltigkeit von Kompetenzorientierung, Individualisierung und Standardisierung», in der sich ein Widerspruch verbirgt: Dass das Bildungssystem dem Einzelnen in seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen gerecht werden, und ihn zum andern ausrichten soll auf die Erfordernisse der Märkte.

«Überzogen, zugespitzt, polemisch und ein wenig blasphemisch»

Natürlich, Konrad Paul Liessmann gibt es freimütig zu, «war das jetzt alles überzogen, zugespitzt, polemisch und ein wenig blasphemisch». Trotzdem, oder gerade deswegen sind seine Gedankengänge hochgradig anregend, ob er sich nun mit dem Lehrerberuf, mit dem Selbstporträt im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit («Erkenne dein Selfie!») oder mit der Zukunft der sozialen Demokratie befasst. Man merkt den Essays an, dass sie aus unterschiedlichen Anlässen entstanden sind. Das ist kein Nachteil. Im Gegenteil. Man spürt Liessmanns Bedürfnis, rasch auf den Punkt zu kommen, und lässt sich von seinem rhetorischen Schwung mittragen. Zum Beispiel wenn er im letzten Text zur Frage Stellung nimmt, ob wir eine neue Aufklärung brauchen.

Schon Kant hat gesehen, dass Faulheit und Feigheit viele Menschen zeitlebens unmündig bleiben lassen. Liessmann schreibt beredt dagegen an. Denn: «Von der Wiederkehr der Religionen bis zur Krise der Demokratie, von der Ablösung des mündigen Subjekts als Ziel aller Bildung durch den kompetenzorientiert ausgebildeten Konsumenten bis zur Errichtung feudaler Quasimonopole auf den globalisierten Märkten, von Verschwörungstheorien und Fake-News aller Art bis zum erhobenen Daumen und den Hass- und Empörungskonjunkturen der sozialen Netzwerke (...) reicht die Palette von Entwicklungen, die allen Konzepten der aufklärerischen Moderne hohnsprechen.»

Konrad Paul Liessmann: Bildung als Provokation, Zsolnay, 238 S., Fr. 29.90

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