ZEITDIAGNOSE: Der elektrisierte Mensch

Nicht nur Extrembergsteiger wie Ueli Steck suchen sie, sondern wir alle. Intensive Erfahrungen sind zu einem starken Motor der Gegenwart geworden – was nicht ungefährlich ist.

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@tagblatt.ch

Was treibt sie eigentlich an, diese Extrembergsteiger vom Schlage eines Ueli Steck? Ist es eine Art von Todessehnsucht? Das wird nach seinem Tod kontrovers und sehr, sehr heftig in den Leserbriefspalten diskutiert. «Wir Bergsteiger suchen das intensive Leben, nicht den Tod», hat einer, der es wissen muss, schon vor Jahren gesagt: Reinhold Messner. Und sein Bergkamerad, der Arzt Oswald Oelz, hat betont, es stecke hinter extremen Leistungen genau das Gegenteil eines Todeswunsches, nämlich «die Sucht nach einem intensiven Leben. Das Risiko dieser Sucht ist allerdings die Gefahr des tödlichen Scheiterns.» Dabei «das Leben möglichst intensiv zu erfahren und daraus Kraft für den Alltag zu schöpfen», darin liege die innere Triebkraft dieser Menschen – zu denen Oelz selber gehört, die er aber auch aus der Distanz betrachtet.

Schon drei Mal ist jetzt das Wort intensiv gefallen. «Das intensive Leben. Eine moderne Obsession» hat der französische Philosoph Tristan Garcia ein Buch übertitelt, in dem er sich einem von seinem aufs Kühl-Rationale ausgerichteten Fach bisher weitgehend ausgeklammerten Phänomen widmet. Dabei steht es im Zentrum menschlichen Strebens und Erlebens. Pausenlos werden uns Intensitäten versprochen, pausenlos suchen wir nach ihnen: im Sport und in den Drogen, im Glücksspiel und in der Kunst, im Orgasmus und im Schmerz, im schwärmerischen Glauben oder im inbrünstigen Engagement. All dies lässt uns die Monotonie des Daseins vergessen und den Morast der Routine. Und wenn es nicht das eigene intensive Leben ist, das wir zu optimieren suchen, dann wenden wir uns den Erlebnissen anderer zu. Zum Beispiel jenen von Menschen wie Reinhold Messner. Oder Ueli Steck.

Eine junge Frau wird unter Strom gesetzt

Was uns so selbstverständlich erscheint, hat aber eine Geschichte. Um das Jahr 1600 taucht das Wort «Elektrizität» auf. Noch lange rätselt man über das Phänomen, im 18. Jahrhundert dann ergötzt sich die gute Gesellschaft an Versuchen wie der «Venus electrificata» des Dichters und Physikers Georg Matthias Bose. Er schliesst eine schöne junge Frau an einen primitiven Generator an, bestreicht ihre Lippen mit einer leitenden Substanz und bittet einen der Anwesenden, die junge Frau zu küssen. Der bekommt einen Schlag, die Zuschauer aber sehen staunend einen Blitz. Energie entlädt sich – Energie, die, wie man später herausfindet, auch im Menschen steckt. Oder, in den Worten Tristan Garcias: «Leben hiess also, elektrisch zu sein.» Und weiter: «Man weiss genau, was die materielle Zivilisation der Elektrizität verdankt, aber man fragt sich weniger, wie sich die Elektrizität auf Denken und Moral der Menschen ausgewirkt hat.» Denn zur sichtbaren Welt hat sich jetzt eine unsichtbare gesellt, zum Aussen der Dinge ein Innen. Was wir wahrnehmen, das ist das Eine, was wir dabei empfinden, etwas Anderes. Und auf dieser Innenseite der Wahrnehmungen taucht jetzt ein Wort auf, das diese psychische Energie auf den Begriff bringt: Intensität.

Intensität ist etwas Flüchtiges. Sie braucht das Neue, nicht die Wiederholung. «Die Intensität ist das Mass des Einzigartigen», schreibt Tristan Garcia. Das moderne Leben werde «das Streben nach einer starken Erfahrung einer inneren Überfülle der wahrgenommenen Welt sein – es muss anschwellen und überschäumen, damit man sich lebendig fühlt.»

Gnade, Heil oder Wahrheit gelten nichts mehr

Ein neuer Typus taucht auf: der elektrisierte Mensch. Er ist «ein Wesen, das nicht mehr für die Verheissungen der Gnade, für das Streben nach dem Heil oder der Wahrheit empfänglich ist». Er vergleicht sich nicht mit anderen, sondern nur noch mit sich selber. Und bei sich selber sucht er die intensive Erfahrung, immer wieder. Deshalb führt er einen Kampf auf Leben und Tod gegen Überdruss, kleinliche Berechnungen, Routine und Normalität.

Der elektrisierte Mensch hat seine Geschichte. Im 18. Jahrhundert ist es der aristokratische Libertin, der die Lebensintensität sucht. Im 19. Jahrhundert greift dieses Bestreben auf das aufgeklärte, für die Romantik empfängliche Bürgertum über. Mit der Rock ’n’ Roll-Generation findet dann nach dem Zweiten Weltkrieg eine Demokratisierung statt. Und mit der Beschleunigung im Gefolge der Globalisierung wird das intensive Leben zum Vorbild aller und sogar zur Pflicht – ein Widerspruch in sich.

Erfolgreich ist dieses neue Ideal durchaus. Nur führt es in eine Sackgasse, ethisch und praktisch. Der ethische Imperativ unserer Zeit lautet: «Ob du Faschist, Revolutionär, Konservativer, Heiliger, Dandy, Ehrenmann, Betrüger oder Gauner bist – sei es energisch.» Verachtung verdient vor allem einer: der Laue, Mittelmässige.

Praktisch aber setzt die Suche nach einem intensiven Leben dessen fortgesetzte Steigerung voraus, was jeden Menschen überfordern muss. Das heisst: Gerade der Siegeszug des Intensiven ist ein Anzeichen für seine baldige Niederlage. Im Sport lässt sich das gut beobachten. Entstanden ist der moderne Sport aus dem Ideal eines an die Antike angelehnten neuen Menschen. «Schneller, höher, stärker» lautete die Devise, bald setzte eine Rekordjagd ein, in der nur mithalten konnte, wer zu verbotenen Mitteln griff. Oder wer «an die Bedeutung der Gefahr anknüpft», wie Tristan Garcia erklärt. So entstehen Extremsportarten. Extrembergsteiger wie Ueli Steck vollbringen immer extremere Rekorde.

Bis die wilde Natur dem abrupt ein Ende setzte. Dabei ist dem toten Bergsteiger die Bewunderung vieler sicher. Denn die intensiven Erfahrungen eines Ueli Steck greifen die Sehnsucht so vieler nach intensiven Gefühlen auf. Das Idol ist ein Spiegel ihrer Wunschvorstellungen.

Tristan Garcia: Das intensive Leben. Eine moderne Obsession, Suhrkamp 2017, 214 S., Fr. 36.90