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ZECKEN: Impfung schützt auch vor infizierter Ziegenmilch

Forscher entdecken neue FSME-Übertragungswege und zwar über die Auwaldzecke und infizierte Rohmilch und deren Produkte. Sie arbeiten an biologischen und digitalen Bekämpfungsstrategien.
Juliette Irmer

Auch die nächsten Tage lockt der Sommer zum Grillen, Wandern, Radeln. Wenn da nur die Zecken nicht wären: Die Spinnentiere ernähren sich von Tier- und Menschenblut und können beim Stechen Erreger wie Borreliose und Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) übertragen. Eine Infektion mit FSME-Viren kann zur Hirnhautentzündung führen, für die es keine Therapie gibt.

Der Gemeine Holzbock ist die gefährlichste und am häufigsten vorkommende Zeckenart in unseren Breiten. Nun haben Forscher nachgewiesen, dass daneben noch ein Spinnentier FSME-Viren überträgt: Die Auwaldzecke. Auwaldzecken galten bislang nicht als FSME-Überträger. Und da sie normalerweise Haustiere befallen, galten sie bislang auch als ungefährlich für den Menschen. Sie sind zwar seltener als der Holzbock, aber schon bei niedrigen Temperaturen, also früher im Jahr, aktiv. Wie viele Auwaldzecken FSME-Viren in sich tragen, ist momentan noch nicht bekannt.

Beim Holzbock sind es gerade einmal 0,5 bis 1,5 Prozent. Dennoch erkranken pro Jahr 100 bis 250 Personen an FSME in der Schweiz. Der grösste Teil der Erkrankten leidet nur an grippeähnlichen Symptomen, bei fünf bis 15 Prozent dringen die Viren aber ins Nervensystem ein und können zu bleibenden Schäden wie Lähmungen, in seltenen Fällen auch zum Tod führen. «Anders als bei Borreliose existiert bei FSME keine Therapie», sagt Ute Mackenstedt, Leiterin der Abteilung Parasitologie der Universität Hohenheim und empfiehlt deswegen die Impfung gegen FSME.

Diese schützt auch vor einer anderen Form der Übertragung: durch Rohmilch und deren Produkte. Sticht eine FSME-infizierte Zecke eine Ziege oder eine Kuh, zirkuliert das Virus bis zu zwei Wochen in deren Blutbahn. Während dieser Phase scheidet das Tier die Viren auch über die Milch aus. Wird aus der Milch Käse hergestellt, überleben die Viren auch dort eine Weile – wie lange genau, ist noch unklar. 2016 erkrankten in Süddeutschland ein Vater und sein Sohn nach dem Verzehr von Ziegenrohmilch und -käse an Hirnhautentzündung. Der Ansteckungsweg war aus Osteuropa bekannt, vor 2016 war in Deutschland aber noch nie ein Fall registriert worden. Auch in der Schweiz wurde – trotz Biowelle und Rohmilchfans – bislang kein solcher Fall beschrieben. «Generell ist es schwierig, sich über Rohmilch und ihre Produkte zu infizieren», sagt Macken­stedt.

Risiko schnellt nicht in die Höhe

Auch die Entdeckung, dass Auwaldzecken das FSME-Virus übertragen, lässt das Risiko, daran zu erkranken, nicht in die Höhe schnellen. «Die Auwaldzecke ist ein Zufallsüberträger», sagt Rahel Ackermann, Leiterin des nationalen Referenzzentrums für zeckenübertragene Krankheiten in Spiez.

Allerdings ist dafür der Holzbock in der Schweiz und Deutschland weiter auf dem Vormarsch. Und das nicht nur in Wäldern und Wiesen: «Wer aus der Haustür tritt, steht im Lebensraum der Zecke – auch im eigenen Garten», sagt Mackenstedt. Weswegen es zunehmend Bemühungen gibt, Zecken biologisch – und sogar digital – zu bekämpfen. Die biologische Strategie lautet dabei «Attract and Kill», also anlocken und abtöten. Grundsätzlich eignet sich diese Art der Bekämpfung nur für Gärten, Stadtparks oder beliebte öffentliche Grillplätze. «Eine grossflächige Zeckenbekämpfung ist nicht möglich, weil Zecken einen zu komplexen Lebenszyklus haben. Anders als Borkenkäfer können Zecken etwa nicht gezielt mit Pheromonen in eine Falle gelockt werden», sagt Jürg Grunder, Leiter der Abteilung Phytomedizin der Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften.

Mit Pilzen und Erzwespen gegen Zecken

Als natürliche Feinde gelten bestimmte Pilze, die Zecken durchwachsen, Fadenwürmer und Erzwespen, die ihre Eier in der Zecke ablegen. Die daraus schlüpfenden Larven fressen die Zecke von innen auf. «An einzelnen Bekämpfungsstrategien wird an Hochschulen geforscht. Ein markttaugliches, effizient wirkendes Produkt ist aber bis jetzt nicht auf dem Markt erhältlich», sagt Grunder. Was auch an der ­Biodzidverordnung liege, die seit 2015 mit der EU harmonisiert sei: So müssen vor der Zulassung eines biologischen Zeckenbekämpfungsmittels, das mit Hilfe eines Nutzorganismus wie Pilz oder Insekt gegen Zecken wirkt, langwierige Labor- und Freilandtests durchlaufen werden. Dabei muss nachgewiesen werden, dass das Mittel nur auf den gewünschten Zielorganismus, also Zecken, wirkt. «Noch ist die gezielte Forschung wohl ein zu grosses finanzielles Risiko. Wird das Zeckenproblem jedoch immer grösser, könnte sich das ändern», so Grunder.

Die digitale Zeckenbekämpfungsstrategie ist bereits erfolgreich: Die App «Zecke», an deren Entwicklung auch Grunder beteiligt war, wurde bislang über 45000-mal heruntergeladen. Sie bietet neben zahlreichen Tipps, etwa zur Entfernung von Zecken, ein Zeckentagebuch, in dem man Stiche notieren kann und in regelmässigen Abständen nach Borreliosesymptomen fragt. Ausserdem zeigt eine Gefahrenkarte – an der User mitwirken indem sie eigene Zeckenstiche melden und diese anonym verortet werden – das aktuelle Zeckenstich-Risiko einer Region an.

Juliette Irmer

focus@tagblatt.ch

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