Zaubern mit dem Zufall

Helge Thun ist Zauberer. Die Gegenstände, die der Deutsche für seine Tricks braucht, holt er sich im Publikum. Ab heute improvisiert er mit einem Beatboxer und zwei weiteren Magiern in Winterthur. Lukas G. Dumelin

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Ein gewisses Niveau unterschreitet er nicht: Helge Thun (42). (Bild: pd/Toofan Hashemi)

Ein gewisses Niveau unterschreitet er nicht: Helge Thun (42). (Bild: pd/Toofan Hashemi)

Helge Thun, heissen Sie wirklich so?

Helge Thun: So heisse ich – und ich war auch schon in Thun. Wenn ich dort im Hotel einchecke und sage, mein Name sei Thun, dann sind die Leute verwirrt. Weil sie denken, ich mache einen Witz.

Ihr Name erinnert aber auch an Helge Schneider.

Thun: Ich komme aus Norddeutschland, und Helge ist ein nordischer Name. Aber sogar dort trifft man selten einen zweiten Helge. Als dann Helge Schneider in den 90ern seine Karriere startete, dachte ich: Mist, der heisst wie ich, und der steht auch auf der Bühne. Aber ich mag ihn. Humortechnisch ist er eine Offenbarung. Er kann mehr als Katzenklo – und hat einiges revolutioniert.

Was denn?

Thun: Ähnliche Dinge wie Monty Python in England. Er bedient einfach keine Erwartungshaltungen. Ich kenne im deutschsprachigen Raum niemanden, der das in dieser Konsequenz tut.

Sie selber stehen ab heute in der Schweiz auf der Bühne…

Thun: …keine Angst, ich gehe wieder nach Deutschland zurück.

Sind Sie gern in Deutschland?

Thun: Naja, wenn man Kabarett macht, sucht man immer nach Sachen, die schief laufen. Und als Deutscher kennt man eh keinen Nationalstolz. Egal, wo man ist auf dieser Welt, immer muss man sich rechtfertigen für seine Heimat.

Erzählen Sie.

Thun: Vor ein paar Jahren war ich mit einer Amerikanerin verlobt. Ihre Familie ist jüdisch, sie kommt aus Berlin. Der Grossvater hat Buchenwald überlebt. Als er mir den Unterarm mit der tätowierten KZ-Nummer gezeigt hat, war Smalltalk nicht mehr angebracht. Gut ist nur, dass man als Deutscher sensibilisiert ist gegenüber nationalistischen Bestrebungen.

Haben solche ernste Themen auch Platz in «Tricks & Tracks», der Zauber-Comedy-Beatbox-Show im Casinotheater Winterthur?

Thun: Nö, in dem Sinn nicht. Wir machen Comedy. Nur das schweizerisch-deutsche Verhältnis sprechen wir zu Beginn an. Mit Michel Gammenthaler und dem Beatboxer Knackeboul, mit meinem Magierkollegen Topas und mir stehen nämlich zwei Schweizer und zwei Deutsche auf der Bühne. Damit ist das Thema aber abgehakt.

Sie machen Improvisationstheater, sind Comedian und Zauberer. Welche Rolle spielen Sie in Winterthur?

Thun: Rollen gibt es nicht, wir ergänzen uns hervorragend. Knackeboul improvisiert ja auch, indem er Gegenstände in einem Freestyle-Track aufgreift – oder Tricks mit Soundteppichen unterlegt. Es klappt bei uns alles wie am Schnürchen. Und ich sehe einmal mehr, dass man nicht nur im Theatersport spontan Geschichten erzählen kann, sondern auch als Zauberer.

Magier zeigen doch abgekartete Tricks. Wie will man also zaubern und improvisieren?

Thun: Das geht! In der Zauberei gibt es fünf Grundeffekte: etwas verschwindet und erscheint, etwas wandert von A nach B, etwas wird zerstört und ganz gemacht. Für jeden Effekt gibt es verschiedene Methoden. Das ist unser Handwerkzeugkasten, den wir brauchen, wenn uns die Zuschauer Gegenstände für Tricks überlassen. Dann erfinden wir eine Geschichte und kombinieren die Methoden. Aber ganz aus dem Stegreif geht das nicht.

Weshalb?

Thun: Weil ein Test nötig ist, bevor wir den Trick dem Publikum vorführen. Manchmal sind die Sachen zu sperrig, manchmal müssen wir sie präparieren, manchmal müssen wir uns ein geheimes Hilfsmittel basteln. Darum sammeln wir vor der Pause vier, fünf Gegenstände ein – und machen in der Pause Brainstorming.

Das sind intensive 15 Minuten.

Thun: Auf jeden Fall, der Druck ist immens. Aber nur so kann man sich entscheiden. Man hat keine Zeit, sich fünf Ideen auszuwählen, man nimmt die erste. Unterdessen sind Topas und ich so weit, dass wir ein gewisses Niveau nicht mehr unterschreiten.

Haben Sie Angst vor einem bestimmten Gegenstand?

Thun: Wir haben Angst, dass wir schon alle Gegenstände kennen. Schliesslich haben Zuschauer oft dieselben Sachen dabei, Taschentücher zum Beispiel.

Was ist das Verrückteste, was Sie in früheren Shows erhalten haben?

Thun: Eine komplett aufblasbare Gummiinsel für den Swimmingpool mitsamt einer mannshohen Palme. Diese Insel haben wir wandern lassen – mit einer Person drin! Danach sind weitere Gegenstände in der Insel erschienen.

Bleiben die Gegenstände eigentlich heil? Wenn Sie zum Beispiel eine Mundspülung erhielten – ist die Flasche nach dem Trick noch voll?

Thun: Unser Ziel ist, die Sachen unversehrt zurückzugeben.

Sie geben keine Garantie?

Thun: Doch, bei wertvollen Sachen sicher. Aber bei einer Mundspülung würden wir höflich fragen, ob wir uns die Freiheit nehmen dürfen, etwas zu verbrauchen. (lacht) Einmal ist uns auf der Bühne ein Fussständer kaputt gegangen, den man braucht, wenn man sitzend Gitarre spielt.

Das ist ein blöder Moment.

Thun: Ja, der Status des Magiers sinkt plötzlich ins Bodenlose.

Wenn also so ein Fussständer kaputt geht, können auch Zauberer nichts anderes tun, als einen neuen zu kaufen.

Thun: Das haben wir gemacht und ihm den Ständer nachgeschickt. Schliesslich sind wir Comedy-Zauberer. Was wir tun, tun wir mit einem Augenzwinkern. Wir behaupten nicht, wir könnten wirklich zaubern.

Dabei haben Sie schon früh begonnen. Als 15-Jähriger haben Sie für einen Auftritt 100 Mark erhalten.

Thun: Das war viel Geld. Ein älterer Kamerad hat für mich einen Auftritt organisiert, weil ich gerne Kartentricks gemacht habe. Und danach hat mir mein Vater, der Koch gewesen ist, den einen oder andern Auftrag in Restaurants an Land gezogen. Mein Schicksal war besiegelt.

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