Zahlen sind bestechlich

Randnotiz

Arno Renggli
Drucken
Teilen

Neulich vermeldete ein Schweizer Privat-TV-Sender, dass 60 Prozent aller jungen Frauen eine bestimmte populäre Realityshow geschaut hätten. Es klingt so beeindruckend, dass man näher hinschauen sollte: Genau genommen waren es nicht 60 Prozent von «allen» jungen Frauen (der Deutschschweiz, wie man voraussetzen darf), sondern nur von denen, die zu diesem Zeitpunkt eingeschaltet hatten. Zudem verstand man unter «jung» quotentechnisch 15- bis 24-Jährige. Und von denen sitzen erfahrungsgemäss immer weniger überhaupt vor dem Fernseher.

Ich behaupte nicht, besagte Sendung sei gar kein Erfolg gewesen. Aber die Meldung dazu zeigte wieder mal, was man mit Zahlen Irreführendes machen kann. Zum Beispiel auch, wenn man Durchschnittswerte angibt, die in Wahrheit extrem von «Ausreissern» nach oben oder unten beeinflusst werden. Was nützt etwa die Info über das Durchschnittseinkommen, wenn ein ganz kleiner Teil der Bevölkerung einen grossen Teil des Geldes macht?

Auch grafisch lassen sich Zahlen wunderbar suggestiv aufarbeiten. In einem Säulendiagramm etwa sieht je nach ge­wähltem Ausschnitt ein kleiner Werteunterschied plötzlich gigantisch aus. Umgekehrt lassen sich auch unliebsame Differenzen nivellieren. Zahlen sind etwas Attraktives, weil sie einem objektiv, verlässlich und quasi unbestechlich erscheinen. Und genau deshalb sollten wir uns von ihnen nicht täuschen lassen.

Arno Renggli