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YOUTUBE: Leichen, Rassismus, Terror: Youtuber, die für Klicks alles tun

Ein Social-Media-Star hat eine Leiche gefilmt und das Video online gestellt. Es ist nicht der erste Skandal um Youtube - im Gegenteil.
Federico Gagliano
Jake Paul (20) ist ebenfalls ein Social-Media-Star und wurde wegen des von ihm verursachten Aufruhrs angezeigt. (Bild: Screenshot)

Jake Paul (20) ist ebenfalls ein Social-Media-Star und wurde wegen des von ihm verursachten Aufruhrs angezeigt. (Bild: Screenshot)

Federico Gagliano

6,3 Millionen Menschen sahen sich auf Youtube an, wie sich jemand über ein Suizidopfer lustig machte, bevor das Video entfernt wurde. Hinter dem Video steckt Logan Paul, ein Social-Media-Star aus den USA mit über 16 Millionen Followern auf Instagram und 15 Millionen Abonnenten auf Youtube. Während viele Erwachsene mit dem Namen nichts anfangen können, ist Logan Paul bei Jugendlichen sehr wohl bekannt: Der 22-Jährige machte sich einen Namen auf der inzwischen geschlossenen Kurzvideo-Plattform Vine. Danach brachte er seine Marke namens Maverick auf Youtube. Statt den früher von Vine vorgegebenen 6 Sekunden produziert er nun fast täglich 15-minütige Vlogs (Video Blogs). Gemäss dem Social-Media-Datenmesser Socialblade verdient Paul mit seinen Videos etwas mehr als eine Million US-Dollar im Monat. Dazu kommen weitere Werbeeinnahmen durch Instagram, Facebook und seinen Onlineshop.

Für Kinder und Teenager ist das Internet gleichauf mit Fernsehen als Unterhaltungsquelle. Social-Media-Stars wie Logan Paul sind inzwischen die neuen Rockstars der jungen Generation. Laut einer Studie des deutschen Verbands Bitkom vom letzten Jahr gibt jeder dritte Jugendliche an, dass ein Youtube-Star sein Idol sei – noch vor Hollywood-Stars und Sportlern. Diese sogenannten Influencer (Beeinflusser) verkörpern nämlich den Traum vieler: Jeder kann berühmt und reich werden – alles, was man dazu braucht, ist ein Smartphone. Oft wird dabei ignoriert, dass hinter den meisten Stars eine gut geölte PR-Maschinerie läuft, die jedes Detail plant. Doch diese kann versagen, wie Logan Paul beweist.

Video erst nach Kritik entfernt

Paul vloggte über die Feiertage aus Japan, wo er sich in den Ferien befand. Am 30. Dezember postete er ein Video von seinem Besuch in Aokigahara, einem Wald am Fusse des Bergs Fuji. Der Wald ist berühmt, aber auch berüchtigt: Seit über 50 Jahren begehen viele Japaner dort Suizid. Der Wald strahlt deshalb für viele Besucher eine morbide Faszination aus. Paul ist nicht der erste Youtuber, der sich auf eine "Gruseltour" durch den Wald begab. Er ist aber der erste, der tatsächlich eine Leiche im Wald fand – und diese filmte. Statt die Kamera abzuschalten und die Behörden zu informieren, entschieden sich Logan und seine Crew, das Suizidopfer zum Mittelpunkt eines geschmacklosen Videos zu machen.

Dass Paul und andere Youtuber mit Provokation spielen und damit gutes Geld verdienen, ist nicht neu. Zu Pauls "Videografie" gehört ein Streich, bei dem er vor seinen jungen Fans mit einer Schrotflinte erschossen wird. Das Ganze war natürlich ein Fake – die Reaktionen aber waren echt.

Genauso echt wie die Reaktionen von Paul und Konsorten, die im Video klar von dem Anblick des Toten verstört sind. Sie lachen nervös und machen Witze. Das Gesicht des Opfers wurde zwar verpixelt, der Rest der Leiche ist aber sichtbar. In einer Szene wird auf die Hände des Opfers gezoomt."Ich denke, dieses Video wird in die Youtube-Geschichte eingehen", sagt Paul – er wird Recht behalten. Kurz nach der Veröffentlichung beginnen die Proteste. Später wird das Video von Paul selber entfernt. Es folgt eine Entschuldigung auf Twitter – wo er mit 4 Millionen Followern nur einen Bruchteil seiner Gefolgschaft erreicht. In der Entschuldigung behauptet Paul, er wolle Aufmerksamkeit für die Probleme von Suizidgefährdeten erzeugen."Zu wenig, zu spät", lautet die Antwort vieler entrüsteter Zuschauer, darunter auch einige Prominente. Deshalb entschuldigt sich Paul noch mal – per Video. Unter Tränen bittet er um Verzeihung. Er werde eine Pause einlegen und über das Passierte nachdenken. Seitdem ist Paul auf all seinen Kanälen stumm.


Youtube trägt eine Mitschuld

In einer Mitteilung macht Youtube klar, das Video von Paul habe die Richtlinien verletzt. Videos mit drastischen Inhalten dürften nur online bleiben, wenn sie dokumentarische oder bildende Informationen enthielten. Das sei hier nicht der Fall gewesen. Damit wollte sich Youtube scheinbar aus der Affäre ziehen: Das Video wurde bereits kurz nach dem Upload gemeldet und von einem Youtube-Moderator überprüft. Dieser liess das Video ohne Alterseinschränkung durchgehen. Am Mittwoch meldete sich Youtube mit konkreten Massnahmen: Paul wird aus dem "Goo­gle Preferred"-Programm entfernt, welches Werbetreibenden nach eigenen Angaben Zugriff auf "die beliebtesten Youtube-Channels" gibt. Der Film "The Thinning", in dem Paul die Hauptrolle spielt, wird vorerst auf Eis gelegt. Ausserdem wird Paul aus der Comedy-Serie "Foursome" entfernt. Film und Serie gehören zu Youtube Red, dem kostenpflichtigen Abo-Dienst der Plattform. Die Frage, weshalb Youtube das Video nicht selbst entfernte, ist offen. Fakt ist: Youtube verdiente an Pauls Videos mit.

Logan ist nicht der erste Topverdiener auf der Plattform, der für negative Schlagzeilen sorgt. Bereits letztes Jahr geriet Felix Kjellberg alias Pewdiepie in die Kritik, weil er in seinen Videos oft antisemitische Witze machte. Der Youtuber aus Schweden betreibt mit 59 Millionen Abonnenten den grössten Youtube-Kanal der Welt. Kjellberg entschuldigte sich für die Videos, stellte sich aber auf den Standpunkt, es handle sich nur um harmlose Witze. Nach den Märschen von Rechtsradikalen im amerikanischen Charlottesville im August änderte sich sein Ton. "Ich will nichts mit diesen Leuten zu tun haben", teilte er per Video mit. Er werde keine solchen Witze mehr machen. Einen Monat später der nächste Skandal: Kjellberg beschimpfte bei einem Livestream einen Mitspieler auf rassistische Weise. Youtube strich auch seine Serie von seinem Angebot. Der Kreis der Skandal-Youtuber ist aber weit grösser. Dazu gehört auch Logan Pauls kleiner Bruder, Jake Paul, der fast die gleiche Reichweite hat wie Logan. Er geriet in die Schlagzeilen, als er seine Nachbarschaft mit chaotischen Veranstaltungen und lauten Fans terrorisierte. In Deutschland stand Teeniestar "ApoRed" vor Gericht, weil er Menschen auf der Strasse glauben liess, er lege eine Bombe vor ihren Füssen ab. Die Folgen der Suche nach Ruhm können auch tödlich sein: Im Juni letzten Jahres erschoss eine 19-Jährige ihren Freund für ein Youtube-Video. Die beiden dachten, ein Buch würde reichen, um einen Pistolenschuss aufzuhalten. Das Ganze spielte sich vor den Augen ihres dreijährigen Sohnes ab.

Bei all diesen Skandalen stellt sich die Frage: Wer trägt die Verantwortung? Natürlich lastet die Hauptschuld auf den Schultern der Youtuber, die solche Videos produzieren. Youtube verweist auf seine losen Richtlinien. Strengere Massnahmen hätten Zensur zur Folge, was wiederum Kritik einfahren würde. Eine individuelle Prüfung des Materials durch Mitarbeiter ist kaum möglich, da die Menge überwältigend ist. Täglich werden rund 600'000 Stunden Videomaterial auf Youtube geladen. Die Plattform verlässt sich deshalb auf Algorithmen, die anstössige Inhalte herausfiltern sollen, doch auch sie haben ihre Grenzen. Im Dezember erklärte Youtube deshalb, noch mehr in Personal, Infrastruktur und künstliche Intelligenz zur Erkennung unpassender Inhalte investieren zu wollen.

Mehr Verantwortung im Umgang mit Onlinevideos

Oft geht aber ein weiterer Schuldiger vergessen: der Zuschauer selbst. Medienpädagogin Eveline Hipeli zweifelt daran, dass sich Skandale wie der von Logan Paul ganz verhindern lassen. "Wir können aber die potenziellen Empfänger, die jungen Mediennutzer, besser dar­auf vorbereiten, dass sie im Internet viel Quatsch und auch viel Zweifelhaftes zu sehen bekommen können", erklärt sie. Wer mit einer kritischen Haltung solche Beiträge konsumiere, nehme die Inhalte anders auf und verbreite sie unter Umständen auch nicht unnötig weiter. "Das können wir zu Hause und in den Schulen vermitteln." Es gehe vor allem um Vertrauen: "Je jünger das Kind ist, desto mehr dürfen die Eltern auch noch regulieren und einfordern – also Seiten und Apps erlauben, kontrollieren und besprechen. Wenn das Kind dann sein eigenes Smartphone besitzt, älter wird und weniger Zeit zu Hause verbringt, dann nimmt die Kontrolle automatisch auch ab", erklärt Hipeli.

Bis dahin sollte sich allerdings eine Gesprächskultur zwischen Eltern und Kindern ausgeprägt haben, bei der das Kind weiss, dass es auch bei unklaren Dingen im Internet stets zu seinen Eltern gehen kann. Die Webseiten von Projuventute.ch und Jugendundmedien.ch bieten Informationsmaterial zu Onlinethemen für Eltern und Lehrer, die mehr wissen wollen (siehe Interview).

Youtube-Star Logan Paul (22) wurde wegen seines Verhaltens während seines Japan-Urlaubs kritisiert. (Bild: Screenshots)

Youtube-Star Logan Paul (22) wurde wegen seines Verhaltens während seines Japan-Urlaubs kritisiert. (Bild: Screenshots)

Felix Kjellberg (28), ebenfalls erfolgreiche Youtuber, sorgte letztes Jahr mit antisemitischen Witzen für negative Schlagzeilen. (Bild: Screenshot)

Felix Kjellberg (28), ebenfalls erfolgreiche Youtuber, sorgte letztes Jahr mit antisemitischen Witzen für negative Schlagzeilen. (Bild: Screenshot)

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