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Wo jeder sein eigener Chef ist

Mäddel Fuchs fotografiert die Appenzeller seit über 30 Jahren mit liebevoll-genauem Blick. Jetzt hat er sich mit dem Historiker Albert Tanner zusammengetan zu einem besonderen Projekt.
Rolf App
Eine besondere Landschaft mit besonderen Menschen, deren «Appenzeller Geist» Mäddel Fuchs fotografisch festgehalten hat. (Bild: Mäddel Fuchs, aus: Appenzeller Welten)

Eine besondere Landschaft mit besonderen Menschen, deren «Appenzeller Geist» Mäddel Fuchs fotografisch festgehalten hat. (Bild: Mäddel Fuchs, aus: Appenzeller Welten)

Es ist eine Fahrt in die Appenzeller Hügel mit der Trogenerbahn. Gegen den Bodensee hin fällt das Gelände schroff ab, im ausserrhodischen Speicher passieren wir den Neubau der Berit-Klinik. Und sind dann in Trogen am Ziel. Wie immer kommen uns die Zellweger-Paläste viel zu gross vor für den Landsgemeindeplatz, sie sind der Ort unseres Treffens. Der Fotograf Mäddel Fuchs kommt aus Gais, der Historiker Albert Tanner aus Bern, ist aber im Appenzellerland aufgewachsen. Genauer: in Teufen. Gemeinsam haben sie «Appenzeller Welten» gestemmt, ein eindrucksvoll bebildertes Buch über diese nur gerade 415,4 Quadratkilometer Wiesen, Felsen und Dörfer, welche die beiden Appenzell belegen. Es ist eine besondere Landschaft mit besonderen Menschen.

Von Albert Tanner gewusst hat Mäddel Fuchs schon lange. Tanner befasst sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte der Ostschweizer Textilindustrie – einem Bereich, der in der Entwicklung des Appenzellerlandes eine zentrale Rolle spielt. Aber kennengelernt haben sie sich erst jetzt, bei diesem Projekt.

Wenn, dann muss es etwas Verrücktes sein

«1985 habe ich <Mein Appenzellerland> herausgebracht, seither ist einiges an Bildern zusammen gekommen», erzählt Mäddel Fuchs. «Ich habe mir gesagt: Wenn, dann muss es etwas Verrücktes sein. Und seit ich Albert Tanners 1982 erschienene Dissertation in den Händen gehabt habe, wollte ich etwas mit ihm zusammen machen.» 2007, bei einer Ausstellung übers Heuen, hat er ihn dann eingeladen zu einem Vortrag. Und 2013 hat er den Mut zusammengenommen.

Was sich gelohnt hat. Denn «Appenzeller Welten», das am Sonntag im Zeughaus Teufen aus der Taufe gehoben wird (siehe Kasten), lebt nicht nur von jenen Fotografien im Mittelteil, mit denen Mäddel Fuchs dem Land und den Leuten ein Denkmal setzt. Er schaut ihnen bei der Viehschau zu und beim Weben und Sticken, ist auf der Alpfahrt dabei, fotografiert einsame Landschaften und steil abfallende Felsen. Es steckt eine enorme Liebe in diesen Bildern. Und ein grosser Respekt vor Mensch, Tier und Natur.

«Die Kuh ist ein Symbol für das Leben»

Wobei nichts so sehr zum Appenzellerland gehört wie die Kuh. «Die Kuh ist ein Symbol für das Leben», sagt Albert Tanner. «Und für Fruchtbarkeit.» All dies habe durchaus «etwas von einer magischen Welt», sagt der Historiker. Und der Fotograf erklärt: «Man kann meinem ganzen Werk durchaus vorwerfen, dass ich idealisiere. Aber ich suche halt das Gute in dieser Welt.»

41 Porträts eröffnen das Buch, im dritten Teil werden dann Sprache und Literatur, Wirtschaft und Geschichte, Religion und Musik zum Thema. Zwei CDs sind beigefügt mit traditioneller und neuer Appenzeller Volksmusik. «Du hast den Ausdruck zwar nicht gern, aber in diesen Porträts zeigt sich der Appenzeller Geist», sagt Mäddel Fuchs zu Albert Tanner. Der erklärt: «Es gibt schon ein eigenes Bewusstsein, das sich entwickelt hat.» Und: «Diese 41 Personen auszuwählen hat Spass gemacht. Es gibt unter ihnen eine Menge spannender Persönlichkeiten, die zum Teil gesellschaftlich von unten kommen und quer zur übrigen Gesellschaft stehen.» Was nicht immer leicht war. «Es gab überall die Eliten, die den Tarif durchgegeben haben», stellt Albert Tanner fest.

Ist es die Heimarbeit, die einen solchen Menschenschlag begünstigt? Mäddel Fuchs vermutet es. «Die Arbeit musste stimmen. Ob du daneben noch ein wenig <gesponnen> hast, war egal.» Albert Tanner bestätigt ihn und kommt auf die Landwirtschaft zu sprechen: «In der Appenzeller Einzelhofwirtschaft ist jeder sein eigener Chef, auch wenn er nur ein kleiner Chef ist. Es gibt keine kommunalen Zwänge wie andernorts in der Dreifelderwirtschaft. Streiten konnte man höchstens über die Frage, wer den Hag macht. Das aber war geregelt. Und auch dieses Einhegen ist wieder eine individualistische Angelegenheit.»

Nach dem Nachtessen das Neue Testament

Noch einen zweiten Gedanken fügt Mäddel Fuchs an: Gerade dieses stets auf vielerlei Weise gepflegte Eigene verwirklicht sich nicht in der Abgeschlossenheit, sondern im Austausch mit der Welt. «Unser Buch ist ein Plädoyer für Weltoffenheit», sagt er. Der Trogner Landsgemeindeplatz erzählt davon. Hier residierten die Zellwegers, deren Arbeiter für die ganze Welt produzierten.

Was das für Leute waren, arbeitet die Ausserrhoder Kantonsbibliothekarin Heidi Eisenhut am Beispiel von Johannes Zellweger-Hirzel heraus, der von 1730 bis 1802 lebte und als seine Maximen nannte: «die Nüchternheit und die Sparsamkeit». «Er stand alle Morgen sehr früh auf und arbeitete unverdrossen bis abends 7 Uhr», beschreibt ihn sein Sohn. Und nach dem Nachtessen las er den Kindern aus dem Neuen Testament vor.

Blick aus einem der Zellweger-Paläste am Trogner Landsgemeindeplatz: Albert Tanner (links) und Mäddel Fuchs an einem Brennpunkt der Appenzeller Geschichte. (Bild: Samuel Schalch)

Blick aus einem der Zellweger-Paläste am Trogner Landsgemeindeplatz: Albert Tanner (links) und Mäddel Fuchs an einem Brennpunkt der Appenzeller Geschichte. (Bild: Samuel Schalch)

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