Wo Elektroschrott landet

Jedes Jahr entstehen 40 Millionen Tonnen Elektroschrott. Das Basel Action Network (BAN) hat untersucht, wo der Abfall der USA landet. Elektroschrott ist für wenige ein lukratives Geschäft.

Adrian Lobe
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Elektroschrott aus den USA ist weiter ein schmutziges Geschäft. (Bild: ky/Ennio Leanza)

Elektroschrott aus den USA ist weiter ein schmutziges Geschäft. (Bild: ky/Ennio Leanza)

Smartphones und andere elektronischen Geräte sind eine Black Box. Man weiss nicht, was drinsteckt, woher die Materialien kommen (etwa seltene Erden aus Afrika), in welchen chinesischen Fabrikhallen die Geräte zusammengeschraubt werden (etwa bei Apples Auftragsfertiger Foxconn) und wo die Geräte nach ihrer Nutzung landen.

Das Aktionsbündnis Basel Action Network (BAN) hat in einem Versuch 200 ausrangierte Drucker mit einem Tracker versehen und die Geräte an mehreren Entsorgungsstationen in den USA abgegeben. Mithilfe von GPS konnten die Aktivisten den Geräten folgen und die endgültige Entsorgungsstelle lokalisieren. Die Ergebnisse wurden im Bericht «Goodwill and Dell, Exporting the Public's E-Waste to Developing Countries» festgehalten. Demnach landeten fast ein Drittel der Drucker in Ländern – insbesondere Hongkong und Taiwan – in denen der Import von Elektroschrott gesetzlich verboten ist.

Auf einer Grünfläche deponiert

Ein LCD-Drucker wurde in einer Niederlassung des Abfallentsorgers Goodwill im US-Bundesstaat Michigan abgegeben. Zunächst ging es mit dem Zug über Ohio und Indianapolis nach Kalifornien. Von dort weiter an die mexikanische Grenze nahe Tijuana und zurück ins Golden Valley Trading nach Kalifornien. Dort wurde der Drucker an den Hafen nach Hongkong und weiter nach Keelung in Taiwan verschifft, wo das Gerät schliesslich in einer Deponie in Miaoli County landete. Das GPS-Gerät teilte regelmässig den aktuellen Standort mit.

Jim Puckett, ein Mitarbeiter des BAN, machte sich in Taiwan mit Aktivisten auf Spurensuche und fand den alten Drucker in einer Müllhalde an einem Ortsrand. Einen weiteren Drucker, der in Las Vegas verschrottet wurde, fanden die Aktivisten wenige Wochen später auf einer Grünfläche in den New Territories in Hongkong – zwischen alten Flachbildschirmen und Fernsehgeräten.

Elektroschrott als Goldgrube

Einige der Endlagerstätten haben die Aktivisten für ihr Projekt in Augenschein genommen. Auffällig ist, dass die Geräte zum Teil über ein Dutzend Stationen ins Ausland verbracht werden. Offensichtlich verdienen mehrere Stellen bei der Entsorgung mit. Elektroschrott ist ein lukratives und schmutziges Geschäft. 2015 wurden nach Angaben der Vereinten Nationen 43,8 Millionen Tonnen Elektromüll produziert. In den Schrottteilen sind neben giftigen Bestandteilen wie Blei, Quecksilber und Kadmium auch wertvolle Edelmetalle wie Gold enthalten, insgesamt 300 Tonnen Gold. Elektroschrott ist eine Goldgrube. Mit der Entsorgung wurden im Jahr 2014 rund 48 Milliarden Euro verdient. Das Basler Übereinkommen über die Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung vom 22. März 1989, auf dessen Einhaltung das BAN pocht, soll den Export gefährlicher Abfälle kontrollieren. Die USA sind jedoch nicht Unterzeichnerstaat.

Eine Schattenwirtschaft

Im westafrikanischen Ghana kommen jeden Tag containerweise ausrangierte Elektrogeräte am Hafen an. In den Strassen der Hauptstadt Accra werden Hotelfernseher aus Holland für nicht einmal 20 Euro verkauft, auf Basars Elektrogeräte wie Mikrowellen oder Kühlschränke aus zweiter Hand verschachert. Laut einer Reportage des Senders al-Jazeera haben niederländische Hotels mit ghanaischen Händlern Kontrakte zur Abnahme alter TV-Geräte. Diese werden in Second-Hand-Geschäften verkauft und zirkulieren weiter in der Schattenwirtschaft, wo die Geräte ausgeschlachtet werden. Im Slum Agbogbloshie suchen Arme auf einer riesigen Mülldeponie nach verwertbaren Teilen in alten Elektrogeräten. Sogar Kinder hämmern auf die Geräte ein, in der Hoffnung, wiederverwertbare Stücke zu ergattern.

Das Gift der Kabelreste

Die «E-Waste-Boys», wie die Müllsammler genannt werden, verbrennen kiloweise elektrische Kabel, um Kupfer zu extrahieren und es für ein paar Cedis (die Landeswährung von Ghana) auf dem Markt zu verkaufen. Dabei atmen sie giftige Dämpfe ein, die ihre Lungen ruinieren. Die toxischen Dämpfe verpesten die Luft und kontaminieren den Boden und das Gemüse. Es ist dieses Lumpenproletariat in Afrika, das auch die seltenen Erden für unsere schicken Smartphones schürft und am Ende nur die verbauten Kabelreste bekommt.