«Wir verlieren die Jungen»

Das Jahrbuch «Qualität der Medien» untersucht, wie 16- bis 29-Jährige sich informieren – und gelangt zu beunruhigenden Befunden.

Rolf App
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«Wir haben ein paar spannende Befunde zu präsentieren, nicht alle davon sind neu», leitete gestern Mark Eisenegger vom federführenden Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft an der Universität Zürich seine Präsentation der Resultate des Jahrbuchs «Qualität der Medien» ein. In der Tat: In diesem sechsten Jahrbuch akzentuiert sich eine Diagnose, die schon in seinen Vorgängern zur Sprache gekommen ist.

Kein Geld fürs Abonnement

In ein paar Stichworten zusammengefasst: Die seriösen Medien sind auf dem Rückzug, ihre Ressourcen schwinden – und damit gerät auch die Qualität jener Informationsleistungen in Gefahr, von denen nach Ansicht des verstorbenen Kurt Imhof und seiner Mitstreiter (siehe Kasten) auch das Wohl und Wehe der Demokratie abhängen.

Einen wichtigen Befund stellte Eisenegger an die Spitze: «Die Abonnemenszeitungen erreichen mehr als die Hälfte der jungen Erwachsenen nicht mehr.» Eine Befragung von 3400 Personen im Alter von 16 bis 29 Jahren hatte noch 2009 ergeben, dass 35 Prozent keine Abonnementszeitung mehr lesen. Für 2015 nun liegt dieser Wert bereits bei 56 Prozent. Fazit Eiseneggers deshalb: «Wir verlieren die jungen Erwachsenen.» Auch die Onlineangebote der seriösen Medien vermögen die Verluste auf der Bezahlseite nicht aufzufangen.

Stattdessen werden immer mehr News über Social Media bezogen, bei denen es sich vorwiegend um Softnews handelt, also, wie Eisenegger es ausdeutschte, «um Klatsch. Im Zentrum steht die gemeinschaftliche und nicht die gesellschaftliche Kommunikation.»

In der Gemeinschaft kommt es darauf an, dazuzugehören und akzeptiert zu werden, während es in der Gesellschaft um die Auseinandersetzung mit Problemen geht. Sogenannte episodische Information steht in den Social Media im Vordergrund – und moralisierend-emotionale Stellungnahmen.

Werbung geht verloren

Diese Verlagerung hat Folgen für die Ertragssituation der Medien, erläuterte Linards Udris von Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft. «Der Informationsjournalismus wird auch finanziell geschwächt.» Denn die Medien verlieren einerseits seit Jahren Werbeeinnahmen über die konventionellen Kanäle. Auf der andern Seite stösst die Werbung in den Onlinekanälen auf grössere Vorbehalte bei den Konsumentinnen und Konsumenten.

Auf diese ökonomische Zwickmühle führt Udris mehrere Phänomene zurück. Zum einen stellt das Institut in seinen quantitativen Analysen fest, dass die Einordnungsleistung der Medien kontinuierlich sinkt (Grafik) – wobei es allerdings Lichtblicke gibt. Denn sowohl beim öffentlichen wie beim privaten Rundfunk – also Radio und Fernsehen – sind Verbesserungen zu verzeichnen. Auch die Onlineangebote schneiden ganz unterschiedlich ab – am besten nzz.ch, am schlechtesten blickamabend.ch. Der reine Onlinedienst watson.ch liegt in der Mitte.

Nach Ansicht der Verfasser des Jahrbuchs macht sich der erhöhte Druck, unter dem viele Medien stehen, auch politisch bemerkbar. «Sie werden empfänglicher für politische Einflussnahmen», erklärt Linards Udris, und verweist auf die nationalkonservative Ausrichtung von «Basler Zeitung» und «Weltwoche» – und auf die (allerdings missglückte) Einsetzung eines neuen NZZ-Chefredaktors dieser Prägung.

«Kritik am Moloch SRG»

Im anschliessenden Podiumsgespräch (siehe unten) wird dies ebenso kritisch kommentiert wie die Theorie, der ökonomische Druck führe auch dazu, dass die SRG von den andern Medien mehr und mehr als Konkurrentin gesehen werde. Bei der Abstimmung über ein neues Radio- und Fernsehgesetz sei es «nicht nur neue Finanzierungsmodellen gegangen, sondern um die Kritik am Moloch SRG», sagte Udris. Sie aber erfolge «vor dem Hintergrund der eigenen Strukturschwäche».