«Wir reisen ins Schmerzensland»

Er hat sie verloren und dabei eine intensive Liebeserfahrung gemacht. Er trauert und denkt nach über Leben und Tod. Jetzt beschreibt der Soziologe Peter Gross das lange Sterben seiner Frau Ursula.

Rolf App
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Peter Gross Soziologe (Bild: Urs Bucher)

Peter Gross Soziologe (Bild: Urs Bucher)

Manchmal hat sie sich aufs Sofa in seiner Nähe gelegt. Hat zugeschaut, wie Peter Gross vor dem Computer sitzt. Das Computerflackern sei ihr Einschlaflied, hat sie gesagt. Manchmal liest er ihr aus seinen Notizen vor, auch ihren eigenen Lebenslauf, den man verlesen wird an ihrer Beerdigung. Sie weiss: Sie kommt vor in dem, was da unter seinen Händen entsteht. Aber sie kennt das Ende nicht. Ihr Ende.

«Ich muss sterben»

«Ich muss sterben», hat sie ihrem Mann eines Tages ins Ohr geflüstert. Sein Herz steht still, sie schauen sich an, «wie wir uns nie angesehen haben». Zwei Monate noch hat sie zu leben. Die letzten Atemzüge machen wird sie just in dem Moment, da er mit der jüngsten Enkelin in der Cafeteria des Spitals sitzt, während drei Alphornbläser spielen. «Wollte sie ohne uns leichter gehen können», fragt Peter Gross sich – und hat vermutlich recht.

Was er in seinen Computer getippt, überarbeitet, gekürzt, verdichtet hat, das ist ein langer Brief an seine sterbende Frau Ursula. Aus ihm ist ein bemerkenswertes Buch geworden, in dem Peter Gross immer wieder mit seiner Frau spricht, und in dem er Dichter, Philosophen, die Bibel, die Theologie befragt. Sie machen wenig Hoffnung. Denn, stellt Peter Gross auch an unsere Adresse fest: «Wir kommen schon als Todgeweihte auf die Welt.» Der Tod, zitiert er Jean Paul, ist ein Pfeil, der im Augenblick der Geburt abgeschossen wird und uns im Augenblick des Todes erreicht. Wann dieser Augenblick gekommen ist, niemand weiss es. «Die Welt beisst zu. Mit scharfen Zähnen.»

Die Welt beisst zu. Als ein Motiv zieht sich der Satz durch das Buch. Es stammt von Stephen King, dessen Geschichte «Ein Mädchen» Peter Gross eines Tages zufällig in die Hände fällt. Die neunjährige Trisha verliert sich in einem der endlosen Wälder Maines, erst nach zehn Tagen taucht sie wieder auf, geplagt von Angst, Hunger, Krankheiten. «Die Welt hat Zähne. Und mit denen beisst sie zu, wann immer sie will», lautet der sonderbare Anfang.

Der gezeichnete Körper

Manche bekommen schon früh die ersten Bisswunden verpasst in ihrem Leben, später dann werden die Narben mehr und mehr. Je länger Ursulas Krankheit dauert, umso stärker ist ihr Körper gezeichnet. «Ganze Stücke sind wie weggerissen, Operationen, die zwar therapeutisch begründet, aber gleichwohl grausam sind.»

Sie wird immer kleiner und schmaler. Die Haare fallen aus. Als sie die Perücke anprobiert, findet ihr Mann sie im Badezimmer weinend vor dem Spiegel. «Mit der Perücke hast Du Dir – darum der Schmerz, so sehe ich das – Deinen eigenen Tod aufgesetzt.»

Wie oft erbrochen?

In Ursulas Tagebuch geht es nicht mehr um die seelische Befindlichkeit. Sie zählt Kalorien, schreibt auf, wann und wie oft sie erbricht, wird schwächer und schwächer. In ihren letzten Tagen lebt sie von Traubensaft und Wasserglace. Kann man überhaupt ertragen, so etwas mit anzusehen? «Du bist so schmal geworden, dass mir das Herz bricht und die Freude, Dich zu sehen, dem Schmerz weicht», schreibt ihr Mann über einen Besuch im Spital. Zwischendurch ist sie zu Hause, doch diese Tage und Wochen werden immer kürzer.

An Weggehen ist nicht mehr zu denken. Freunde schreiben aus den Ferien, Peter und Ursula Gross aber reisen nicht mehr nach Patagonien und nicht nach Borobudur, nicht nach Miami und nicht mehr in die Villa Belvedere am Lago Maggiore. «Wir lassen die Transsibirische Eisenbahn. Wir reisen ins Schmerzensland.» Mit dem Tropfständer vom Stuhl zum Tisch, vom Tisch zum Kanapee, vom Kanapee ins Bad, vom Bad ins Schlafzimmer, «wo wir nicht schlafen».

«Eine todgeweihte Liebe»

Die Nächte sind lang, «in ihnen vermischen sich Ängste mit dem gegenseitigen Zuspruch, dass noch nichts verloren sei; dass die neuen Medikamente vielleicht wirken». Früher haben sie sich an den Händen gehalten beim Einschlafen, jetzt geht das nicht mehr. Aber sie schauen sich an, immer wieder und intensiver denn je. «Unsere Liebe war in den letzten Monaten Deiner Krankheit eine todgeweihte Liebe», zieht ihr Mann auf der letzten Seite seines Buches Bilanz. «Aber die Erwartung des Todes hat eine Gegenseitigkeit, eine Zweisamkeit entstehen lassen, die unvergleichlich intensiver und stärker war als jede Liebe vorher. Und der Tod selber hinterlässt das Geschenk der Sehnsucht, das es ohne den Entzug, ohne die Abkehr, ohne ihn nicht gäbe.»

Was ist der Mensch?

Das Geschenk der Sehnsucht. Der Mensch als das Wesen, das «ausgestreckt ist zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit», mit einem Teil seines Seins im Himmel, mit dem andern in der Hölle: Jenseits des Schicksals seiner Frau, jenseits der eigenen Verlassenheit nimmt Peter Gross hier den Menschen an sich in den Blick. Er fragt, wer wir sind in den Tiefen unserer Seele.

Als Soziologe hat er die Gesellschaft betrachtet und den Begriff der Multioptionsgesellschaft geprägt. Nach der Emeritierung an der HSG hat er sich mit dem Alter befasst. Jetzt aber geht es um die letzten Fragen. Es geht um den Sinn. Für ihre Todesanzeige hat Ursula Gross sich einen Spruch von Angelus Silesius gewählt: «Wenn ich in Gott vergeh', so komm' ich wieder hin, wo ich in Ewigkeit vor mir gewesen bin.» Als sie stirbt, hat ihr Mann das Gefühl, halbiert worden zu sein. Denn «mit jeder geliebten Person, die geht, wird das Anwesende geschmälert und das Abwesende grösser.»

Hundert rote Rosen

Der Mensch leidet an einem Phantomschmerz, den ihm ein weggebrochener Teil seines Selbst macht. «Vielleicht», schreibt Peter Gross, «haben Bestattungen den Sinn, Phantomschmerzen kurzzeitig zu besänftigen.» Am offenen Grab stehen hundert rote Rosen für die Trauergäste bereit. Ihr Rot erinnert Peter Gross an ein Bild von Vittore Carpaccio aus dem Zyklus «Die Geschichte der heiligen Ursula», wo der im Zimmer niedergegangene, geflügelte Todesbote erscheint und die roten Pantöffelchen wie eine Abwehrwaffe vor Ursulas Bett stehen.

Jetzt aber stehen ihre Schuhe verloren im Gang. «Merkwürdig, welches Gewicht leere Schuhe plötzlich bekommen können.» Haben Schuhe nicht auch etwas mit der Grundbefindlichkeit des Menschen zu tun, fragt Gross. «Dass er nie bleiben will, wo er ist? Dass ihm die Möglichkeit liebste Wirklichkeit ist? Dass das Abwesende ihn immer mehr gefesselt und auch betrübt hat als das Anwesende?»

Heute wirft die Abwesende ihren Schatten auf ihn, den Überlebenden. «Die Zukunft wird schwer für mich. Je mehr Du Dich entfernst, umso stärker empfinde ich Dich.»

Peter Gross: Ich muss sterben. Im Leid die Liebe neu erfahren, Herder 2015, 160 S., Fr. 24.50

Ihr Sarg ist weiss, die Trauergäste werfen hundert rote Rosen hinab. Und neben Ursula Gross wird einmal ihr Mann Peter liegen. (Bild: getty)

Ihr Sarg ist weiss, die Trauergäste werfen hundert rote Rosen hinab. Und neben Ursula Gross wird einmal ihr Mann Peter liegen. (Bild: getty)