Wir lernen dauernd

Eine Ausstellung im Kulturama in Zürich zeigt, wie wir am besten lernen – ein Leben lang.

Bruno Knellwolf
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Lernen an der Hörstation im Kulturama – Museum des Menschen in Zürich. (Bild: Kulturama)

Lernen an der Hörstation im Kulturama – Museum des Menschen in Zürich. (Bild: Kulturama)

«Wie soll mein Kind lernen?», fragt sich manch bange Mutter und ratloser Vater, wenn die Zeugnisnoten nicht den Wünschen entsprechend sind. Oft werden die Lehrer dann nach Lernstrategien gefragt, die dem Kind weiterhelfen könnten. «Lernen heisst Spuren legen im Gehirn», sagt Claudia Rütsche, Direktorin des Kulturama in Zürich. Am Freitag hat sie die neue Dauerausstellung «Wie wir lernen» eröffnet, in der die Spuren zum Lernen gelegt werden. Allerdings nicht nur für Kinder, «wir lernen das ganze Leben dazu», sagt Rütsche.

Doppelte Bedeutung beim Lernen hat das Gedächtnis. Zum einen hat es die Fähigkeit, aufgenommene Informationen zu verarbeiten, zu organisieren, zu speichern und wieder abzurufen. Unser Gedächtnis ist somit die Voraussetzung zum Lernen. Zum anderen verändert sich das Gedächtnis laufend durch das Lernen und ist somit gleich auch dessen Ergebnis.

Lernen ist ein Netzwerk

«Das Lernen ist das Herstellen von Verknüpfungen zwischen Nervenzellen. Das daraus entstehende Netzwerk ist das Lernen», sagt Claudia Rütsche. Wer also lernt, legt Spuren, schafft zuerst einen Trampelpfad durchs Hirn, und durch weiteres Lernen entsteht eine Informations-Autobahn darin. «Am besten sieht man das beim Musizieren. Bei Kindern, die ein Instrument lernen, sieht man schon nach wenigen Wochen eine Veränderung im Hirn beim Hör- und Bewegungszentrum», erklärt Rütsche. Jede dauerhafte Erinnerung entspricht einem kleinen Netzwerk von Verknüpfungen zwischen einer Gruppe von Nervenzellen. Die Verknüpfungen werden durch wiederholtes Üben verstärkt oder neu gebildet – Wörter zu repetieren macht also Sinn. Somit wären wir bei den Lernstrategien, mit denen wir uns später beschäftigen werden.

Unser Arbeitsgedächtnis

Das Lernen ist also unmittelbar mit dem Gedächtnis verbunden. Was die Verarbeitungsweise des Gehirns betrifft, wird in der Lernpsychologie von drei Bereichen gesprochen: Zum ersten vom sensorischen Gedächtnis, das aufnimmt, was auf uns einprasselt, aber nur für sehr kurze Zeit speichert. Zum zweiten vom Arbeitsgedächtnis, das vergleicht, bewertet, ordnet und verknüpft, aber je nach Mensch nur fünf bis höchstens neun Sachen speichern kann. «Deshalb hat eine Telefonnummer sieben Zahlen, so viele Ziffern können sich die meisten Menschen noch merken», sagt Rütsche.

Als drittes gibt es das Langzeitgedächtnis, das die Informationen vergleicht und speichert. Alles, woran wir uns länger als ein paar Minuten erinnern können, ist in unserem Langzeitgedächtnis festgehalten. Je intensiver die einzelnen Informationen verarbeitet werden, durch Wiederholen, Üben, Analyse und Interpretation, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie vom Arbeitsgedächtnis ins Langzeitgedächtnis abgespeichert werden. Somit wären wir wieder bei den Lernstrategien, welchen in dieser Ausstellung ein breiter Platz eingeräumt wird.

«Die einzelnen Lernstrategien sind nichts Aussergewöhnliches, aber man muss sich ihrer bewusst werden und sie auch anwenden», sagt Rütsche. Auf jeden Fall gilt, dass für besseres Lernen Aufmerksamkeit und Konzentration entscheidend sind – und wie erwähnt, sind Üben und Festigen wichtig, um uns zum Beispiel an einer Prüfung an etwas zu erinnern.

Allerdings müssen wir uns nicht nur erinnern können, sondern Informationen auch wieder vergessen, um unsere Festplatte nicht zu überladen. Weil beim Lernen das Vernetzen und Verknüpfen extrem wichtig ist, versucht die gute Lehrerin im Unterricht, immer wieder an Bestehendes anzuknüpfen. «Dann steigt die Chance, dass Neues abgelegt werden kann, massiv», erklärt Rütsche beim Rundgang.

Diverse Lernstrategien

In der Ausstellung kann man diverse Lernstrategien abrufen, zum Beispiel: «Selber Fragen formulieren», «Mit positiven Gefühlen lernen», «Den Lernfortschritt kritisch überwachen und falls nötig Lernstrategien situationsgemäss einsetzen oder anpassen», «Mit Interesse an den Lernstoff herangehen», «Den Lernstoff mit zusätzlichen Informationen anreichern», «Den Lernstoff hierarchisch anordnen», «Den Lernstoff mit jemandem diskutieren oder erklären» und «Mit Beispielen lernen».

Jeder erinnert sich an 9/11

Mit solchen Strategien fällt es dem Hirn leichter, sich zu erinnern. Unser Gehirn kann gar nicht anders, als zu lernen – immer. Aber es nimmt nicht alles auf – sondern nur das Wichtige. Und darüber entscheidet das Hirn selbst. Aufnahmefähiger ist es, wenn Interesse, Aufmerksamkeit, Emotion und Motivation vorhanden sind. Ein Beispiel für hohe Aufmerksamkeit ist der 11. September 2001. Wir wissen noch ganz genau, wo wir beim Fall der Türme gestanden sind.

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