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«Wir dürfen niemals vergessen»

Dora Sakayan hat den Augenzeugenbericht der Ostschweizerin Clara Sigrist-Hilty und ihres Mannes Fritz transkribiert. Die beiden haben die Deportation der Armenier in den Jahren 1915 bis 1918 miterlebt.
Brigitte Schmid-Gugler
Clara und Fritz Sigrist-Hilty mit ihren vier Söhnen. Die drei Buben links sind Drillinge, einer starb im Kindesalter. (Bild: Nachlass AfZ (1923))

Clara und Fritz Sigrist-Hilty mit ihren vier Söhnen. Die drei Buben links sind Drillinge, einer starb im Kindesalter. (Bild: Nachlass AfZ (1923))

Wie ein junges Reh hüpft die 85jährige Dora Sakayan, von Zürich her reisend, aus dem Zug. Am gleichen Abend wird sie in Grabs aus ihrem soeben im Zürcher Limmat Verlag erschienenen Buch vorlesen. Die Wahl dieses Ortes war ihr ganz persönlich ein Anliegen: «Ich will, dass die Geschichte zuerst dorthin zurückkehren kann, wo sie begonnen hat», erklärt sie. Das war im Jahr 1914 der Fall gewesen. Die aus einer bürgerlichen Familie stammende, als Krankenschwester tätige Clara Hilty lernte im Rheintaler Dorf Grabs ihren zukünftigen Mann, den drei Jahre älteren Bauingenieur Fritz Sigrist kennen. Er war der Bruder einer nahen Freundin und arbeitete bereits seit 1910 im Südosten der Türkei bei der Bagdadbahn.

Fritz Sigrist warb um die attraktive und intelligente Clara. Die damals 30-Jährige hegte, so wir es aus dem Buch erfahren, erst grosse Zweifel an der Verbindung, willigte dann aber doch in die Heirat ein. Noch am Tag ihrer Vermählung reiste das Ehepaar durch die als Verbündete von Deutschland in den Ersten Weltkrieg eingetretene Türkei in ein kleines Dorf namens Keller (später Fevzipasa), in der Nähe von Aleppo, das damals wie ganz Syrien zum osmanischen Reich gehörte.

Aufgeschrieben, was sie mit eigenen Augen sah

Clara führte fortan das ihrem Stand angemessene Leben einer Hausfrau, Mutter und Gastgeberin. Von ihrem Haus hatte sie Aussicht auf die weite Ebene am Fuss des Amanusgebirges, wo bald nach ihrer Ankunft die Tragödie – die bis heute von der Türkei geleugnete Vertreibung und Ermordung der Armeniern – in vollem Gang war. Clara, die im Jahr 1914 begonnen hatte, ein Tagebuch zu schreiben, setzte dies während ihres gesamten dreijährigen Aufenthalts in der Türkei fort. Rudolf Sigrist-Clalüna, einer der vier Söhne des Paares und selber Autor eines Werks über seine Eltern, übergab einen Teil der Aufzeichnungen dem Archiv für Zeitgeschichte an der ETH in Zürich. Eine Enkelin lieferte später die restlichen Dokumente nach, darunter auch die Lebensgeschichte eines vom Ehepaar geretteten Armeniers, der seine Niederschrift Clara und Fritz Sigrist gewidmet hatte.

Im Jahr 2002 erhielt die Genozid-Forscherin und Linguistin Dora Sakayan einen Hinweis eines alten Freundes aus der Schweiz. Dieser hatte im «Tages-Anzeiger» einen Artikel gelesen, der sich auf die Tagebuchaufzeichnungen bezog.

Ihr Lebensthema: Der Völkermord

Die seit 1975 in Kanada Lebende hat schon mehrere Werke zum Thema Völkermord publiziert. Unter anderem gab sie das von ihr bearbeitete Tagebuch ihres als Arzt tätig gewesenen Grossvaters heraus. «Das Buch wurde in neun Sprachen übersetzt und erzählt vom Völkermord an den Griechen und Armeniern von Smyrna (heute Izmir)», erzählt Dora Sakayan. Deren Eltern migrierten 1922 nach Griechenland, später kehrten sie erst nach Wien und schliesslich als Repatriierte in die damalige Armenische Sowjetrepublik zurück. In Jerewan lehrte Dora Sakayan, Mutter von zwei Töchtern, erst an der dortigen Staatsuniversität, später in Montreal.

Es sollte noch zehn weitere Jahre dauern, bis sie 2012 auf einen Jahresbericht der ETH Zürich stiess, in welchem von besagtem Nachlass die Rede war. «Ich setzte mich umgehend mit dem Archiv in Verbindung. Plötzlich lief alles wie am Schnürchen.» Sakayan erhielt die inzwischen digital aufbereiteten Daten übermittelt und begann sogleich mit der Sichtung und mit dem Transkribieren des kalendarisch strukturierten Tagebuchs. Bald habe sie gewusst, dass es aus dem reichen Material nur etwas geben konnte: «Ein Buch, und zwar zuerst auf Deutsch. Für mich waren die Aufzeichnungen eine Offenbarung», schildert Dora Sakayan. «Clara Sigrist-Hilty schrieb aus einer vollkommen unvoreingenommenen Haltung heraus: über Beobachtungen im Alltag, über die zahlreichen Besuche, die gesellschaftlichen Anlässe im Kreis des Arbeitsumfelds ihres Mannes, über Wanderungen, Landschaft und Bräuche in dem damals hauptsächlich von Kurden bevölkerten Dorf. Sie wusste zu Beginn ihres Aufenthalts vermutlich wenig über die politischen Verhältnisse der Türkei.»

Das entsetzliche, unfassbare Grauen

Dies mochte mit ein Grund gewesen sein, dass die junge Schweizerin am Anfang der Deportationen, die durch das Tal führten, zwar beunruhigt war, doch erst nach und nach begriff, was genau geschah. Immer klarer sickert durch ihre Einträge das entsetzliche, unfassbare Grauen. Zudem wuchs ihre Wachsamkeit, denn sie selbst und ihr Mann brachten sich in grosse Gefahr, wenn sie etwa in den zensurierten Briefen in die Heimat kritische Anmerkungen über die Vorgänge in der Türkei machten. Auch bei ihren Tagebucheinträgen musste sie Vorsicht walten lassen. «Clara und Fritz Sigrist-Hilty waren zwei sehr einfühlsame, humanistisch denkende Menschen, die sehr unter der Situation litten», schildert Dora Sakayan, die von ihrer grossen Bewunderung für das Ehepaar spricht. «Sie halfen – unter grösster Gefahr – den Armeniern, die zahlreich bei der Bagdadbahn arbeiteten und später ebenfalls deportiert wurden.»

So zum Beispiel Haig Arman Aramian. Er war als zehnjähriges Waisenkind von einer Schweizerin «adoptiert» worden. Seine Eltern waren dem Völkermord der Türken an den Armeniern in den Jahren 1894 bis 1896 ums Leben gekommen. Er konnte in Jerusalem studieren und unterrichtete später. Während des Genozids an seinem Volk stellte man ihm das Ultimatum: Entweder du legst deinen Glauben ab oder wirst deportiert. Aramian gelang die Flucht. Er fand erst unter einem Pseudonym Arbeit bei der Bagdadbahn, später versteckte ihn das Ehepaar Sigrist-Hilty in seinem Haus. Er entkam durch ihre Hilfe dem sicheren Tod. Dora Sakayan entdeckte dessen auf Armenisch verfassten Aufzeichnungen im Nachlass. Die deutsche Übersetzung findet sich in dem reich bebilderten, von einer aufschlussreichen Einführung (Wolfgang Gust) und vielen Querverweisen begleiteten Werk. Einmal angelesen, legt man es nicht mehr aus der Hand.

Dora Sakayan: «Man treibt sie in die Wüste», Limmat-Verlag 2016; 300 Seiten. Lesung: Heute Fr, 19 Uhr, Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz, Florastrasse 6, St. Gallen.

Unermüdlich der Aufarbeitung des Genozids an ihrem Volk verpflichtet: Die Armenierin Dora Sakayan. (Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 26. Oktober 2016))

Unermüdlich der Aufarbeitung des Genozids an ihrem Volk verpflichtet: Die Armenierin Dora Sakayan. (Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 26. Oktober 2016))

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