WINTERKNOSPEN: Wer nicht wächst, ist tot

Man könnte die Natur zurzeit für tot halten, wenn der Blick in die Bäume geht. Doch weit gefehlt. Die Natur hat über die vielen Millionen Jahre einige Strategien entwickelt, damit Pflanzen den Winter überstehen.

Bruno Knellwolf
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Ausgeklügelt: Dank der Winterknospen überleben die Pflanzen den Winter. (Bild: Christine Kuchem/Fotolia)

Ausgeklügelt: Dank der Winterknospen überleben die Pflanzen den Winter. (Bild: Christine Kuchem/Fotolia)

Bruno Knellwolf

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@tagblatt.ch

Der Ursprung der Flora und Fauna liegt in den Tropen. Um sich auf dem Globus zu verteilen, mussten Strategien entwickelt werden, um sich auch in unwirtlichen Gegenden verbreiten zu können und dort zu überleben. Die Ausbreitung in gemässigten Zonen, in denen verschiedene Jahreszeiten herrschen, war somit eine Herausforderung für die Pflanzen.

Während in den Tropen das ganze Jahr über immer genug Licht, Wärme und Feuchtigkeit zur Verfügung steht, um zu wachsen, bietet der Winter genau das nicht. «Und eine Pflanze, die nicht ständig wächst, ist tot. Das ist nicht wie bei den Tieren und Menschen», sagt Hanspeter Schumacher, Leiter des Botanischen Gartens in St. Gallen. Verspricht der Gärtner im Gartencenter «dieser Baum wächst nicht mehr, die Pflanze ist ausgewachsen», ist das eigentlich eine Falschaussage. «Eine Pflanze wächst immer», sagt Schumacher – auch wenn das nicht mehr so deutlich zu sehen ist wie in den jungen Jahren der Pflanze.

Die Lösung ist die Winterknospe

Tropenpflanzen wachsen das ganze Jahr ohne Stillstand. Gibt es aber eine kalte, dunkle und trockene Jahreszeit, muss die Pflanze diese überbrücken. Die Lösung ist die Winterknospe. In der Winterknospe sind einzelne Laubblätter umfunktioniert in kleine, schützende Organe. «Knospen sind eigentlich ganz normale Laubblätter, die eine neue Funktion erhalten. Schneidet man eine Knospe auf, sieht man Sprossachsen, Blätter und je nachdem Blüten. Man kann sogar Knospenansätze für das übernächste Jahr erkennen», erklärt Schumacher. Spricht man im Frühling vom Laubaustrieb, müsste man somit eigentlich vom Zweigaustrieb reden. Bei den Obstbäumen sind die unterschiedlichen Knospen gut zu sehen, die Fruchtknospen, die Blütenzweige enthalten, und die Holzknospen, die nur zu Zweigen mit Blättern führen.

Dabei wissen die Knospen ganz genau, wann sie im Frühling austreiben müssen. Eine kurze Wärmeperiode mitten im Winter darf nicht zum verfrühten Austrieb führen. Dafür baut die Pflanze gewisse Hemmstoffe auf, ein Phytohormon für die Regulierung. Mit einer gewissen Länge einer Kälteperiode bilden sich diese Hemmstoffe, die das Wachstum im Winter verhindern. Im Frühling werden diese Stoffe abgebaut, und das Wachstum kann starten, die Knospe aufreissen.

Auch der Blattabwurf vor dem Winter ist ein aktiver Vorgang der Pflanze. Diese fallen nicht einfach wegen der Gewalt der Herbststürme oder der Kälte. Die Pflanze bildet ein Trenngewebe zwischen Zweig und Blattstiel – mit Kork wird die Narbe verschlossen. Sonst wäre diese Narbe eine gefährliche Eintrittsstelle für Bakterien. Zuvor werden die verwertbaren Stoffe aus dem Blatt in die Rinde zurückgezogen, womit die grüne Farbe des Blattes verschwindet. Auch das ist eine Winterstrategie.

Frostgefahr für Knospen im April

Die Knospe übersteht jede Kälte. Beginnt sie aber im Frühling zu treiben, ist sie sehr verletzlich. Ein Spätfrost im April, so wie in diesem Jahr, kann den Knospen sehr zusetzen. Allerdings ist die Pflanze auch darauf vorbereitet und hat immer Knospenersatz auf Lager.

Eine weitere Winterstrategie ist die Bildung von Zucker, welcher den Gefrierpunkt senkt. Die Pflanze produziert Zucker, und dieser wirkt wie ein Frostschutzmittel. «Dann gibt es auch Pflanzen, bei denen alle Substanzen in den Zellen einfrieren. Die tauen wieder auf, und alles funktioniert wieder», sagt Schumacher. Eis in der Zelle – für uns der Tod.

Die Natur hat noch eine weitere Strategie entwickelt: Krautige Pflanzen lassen ihre Blätter verdorren. Diese bilden dann eine Art wärmenden Strohmantel. Wer aber solche Pflanzen im Herbst bis auf den Boden runterschneidet, nimmt diesen den Winterschutz. Gegen die Kälte haben die Pflanzen somit viele Abwehrmechanismen entwickelt, mehr zu schaffen macht ihnen die plötzliche, kurze Winterwärme – der Temperaturwechsel.

Die laubwerfenden Gehölze sind übrigens mehr als ein halbes Jahr kahl. Diese zu erkennen, ist deshalb während langer Zeit recht schwierig. Gärtner, die auf die Meisterprüfung zusteuern, müssen dafür etwa 300 Laubgehölze im Winterzustand erkennen. Deshalb macht Schumacher jedes Jahr eine interne Ausstellung mit Zweigen und ihren Knospen, welche die Berufsleute erkennen müssen. Dieses Jahr ist eine Teil davon öffentlich und in einer kleinen Ausstellung im Botanischen Garten zu sehen.