Winken statt wischen

An der weltweit grössten Elektronikshow CES in Las Vegas sind die neusten, kontaktlosen Bediensysteme zu sehen. Mit Gestensteuerung lassen sich in Autos der Dachhimmel öffnen oder Smartphones bedienen.

Andreas Lorenz-Meyer
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Winken reicht, wischen oder drücken ist nicht mehr nötig. Testende Besucher an der CES. (Bild: epa/Michael Nelson)

Winken reicht, wischen oder drücken ist nicht mehr nötig. Testende Besucher an der CES. (Bild: epa/Michael Nelson)

Touchscreens wandeln Berührungen auf dem Bildschirm in elektrische Signale um. So können Smartphones oder Tablets per Wisch bedient werden. Apple war es, das mit dem iPhone den Boom der feinfühligen Oberflächen einleitete. Längst gehört die Technik zum digitalen Alltag. Aber es steht schon ein Nachfolger bereit, die Gestensteuerung. Hier muss der Bildschirm nicht mehr berührt werden. Spezielle Software erkennt Handbewegungen in der Umgebung des Geräts und setzt sie in Navigationsbefehle um.

Schiessbefehl für Smartphone

Forscher der ETH Zürich haben einen neuen Algorithmus entwickelt, der das berührungslose Steuern von mobilen Geräten zulässt. Dafür braucht der Nutzer neben der Hand, die das Smartphone hält, ab und zu auch die zweite. Die befindet sich dann im Rücken des Bildschirms und gibt von dort Gestenbefehle. Zum Beispiel eine Schiessbewegung: Daumen und Zeigefinger strecken und den Daumen dann einknicken, so wird beim Lesen eines E-Books umgeblättert. Das Spreizen der Finger gehört auch zum Gestenrepertoire. Es signalisiert dem Gerät, dass ein Kartenausschnitt vergrössert werden soll.

Die Software reduziert jede Geste auf einen einfachen Umriss, bevor der Befehl ausgeführt wird. «Dadurch sollen Umgebungseinflüsse verringert werden, zum Beispiel sich ändernde Lichtverhältnisse», erklärt Otmar Hilliges vom Advanced Interactive Technologies Lab.

Sechs Gesten

Sechs Gesten beherrscht die Software, theoretisch könnten noch viel mehr dazukommen. Was aber davon abhängt, wie eindeutig die Umrisse der Gesten sind. Sie dürfen sich nicht zu sehr ähneln. Hilliges: «Im Moment erkennt unsere Software mehr als die Hälfte des Taubstummen-Alphabets. Irgendwann muss man sich überlegen, wie viele Gesten sich der Nutzer überhaupt merken kann.» Die ETH-Forscher reduzieren mit ihrer Methode den Arbeitsspeicherverbrauch der Gestensteuerung.

Zudem wollen sie den Nutzer entlasten. Denn die Informationslast für den Menschen steigt dramatisch an – es kommt zum information Overload. Zudem werden mobile Geräte immer leistungsstärker und die Benutzeroberflächen komplizierter. Die Überlastung der Nutzer tritt auch bei grösseren Displays auf. Hilliges: «Wir wollen darum Interaktionsmethoden entwickeln, die den Touchscreen ergänzen.»

Spielkonsole Xbox als Vorreiter

Grundsätzlich sei die Gestenerkennung ein grosses und recht weit fortgeschrittenes Forschungs- und Anwendungsfeld, sagt Hilliges weiter. Aber bisher gibt es vor allem Gesten, die den Einsatz von grossen Muskelpartien erfordern, etwa bei der Spielkonsole Xbox mit dem Kinect-Sensor. In Zukunft geht es sicherlich auch darum, Bewegungen erkennen und interpretieren zu können, die weniger physikalischen Aufwand erfordern und deutlich subtiler sind.

Gesten-Controller

Die eine oder andere Gestensteuerung ist schon auf dem Markt. Von Leap Motion etwa kommt ein schickes Zusatzgerät aus silbernem Aluminium, das man an den Computer anschliesst und vor den PC-Bildschirm stellt. In dem kleinen Kasten, genannt Gesten-Controller, stecken Sensoren, die Bewegungen in der Umgebung erfassen. So kann das Gerät die Befehle der über dem Gerät schwebenden Hand auf den Bildschirm übertragen. Um etwa in einer digitalen Zeitung zu blättern, muss sie der Nutzer kreisen lassen.

Geisterhand am Smartphone

Auch mobile Geräte besitzen teilweise eine Gestensteuerung, wenn auch nur in begrenztem Umfang. Beim Samsung Galaxy S4 etwa lässt sich Air Gesture aktivieren. Die Zusatzfunktion findet sich in den Einstellungen. Dort zuerst auf «Mein Gerät» dann auf «Bewegungen und Gesten» und schliesslich auf «Gesten» klicken. Fünf Befehle stehen zur Auswahl. Air Jump ist zum Rauf- oder Runterscrollen da. Hierfür muss die Hand von oben nach unten oder von unten nach oben über den Bildschirm gehen. Eine Bewegung von links nach rechts oder von rechts nach links (Air Browse) dient wiederum zum Durchblättern einer Bildergalerie. Und mit Air Call Accept lassen sich Anrufe annehmen, ohne den Bildschirm zu berühren. Die Software erkennt Gesten bis zu einer Entfernung von sieben Zentimetern.

Vorzeigemodell McLaren

Microsoft setzt ebenso auf Gestensteuerung. Mit Kinect hatte es schon grossen Erfolg. Xbox-Spieler können hier Figuren auf dem Bildschirm per Körperbewegung steuern. Demnächst soll auch ein Windows-Phone-Gerät auf den Markt kommen, das berührungslos zu bedienen ist. McLaren heisst das neue Vorzeigemodell den Gerüchten zufolge.

Es hat 3D Touch eingebaut, eine Technik, an der das von Microsoft übernommene Nokia schon länger bastelte. 3D Touch soll das Kachelkonzept erweitern. Verharrt der Finger über dem Startbildschirm, öffnen sich zusätzliche Kacheln. Auch ein Anruf kann ohne Touchscreen-Berührung, allein durch Anlegen des Telefons ans Ohr angenommen werden. Zum Beenden des Gesprächs steckt es der Nutzer einfach zurück in die Hosen- oder Jackentasche.