Wilder, gezähmter Wald

Mythischer Sehnsuchtsort, beliebte Freizeitstätte, Schutz vor Naturkatastrophen: Der Wald vereint viele Funktionen.

Julia Nehmiz
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Seit Menschengedenken ist der Wald ein mythischer, geheimnisvoller, romantischer Ort. (Bild: ky/Gian Ehrenzeller)

Seit Menschengedenken ist der Wald ein mythischer, geheimnisvoller, romantischer Ort. (Bild: ky/Gian Ehrenzeller)

Das Blätterdach kann den Regen nicht aufhalten. Zu lange schüttet es schon wie aus Kübeln. Pascal Gmür stört das nicht. Er blickt nach oben, das Regenwasser, das sich in seiner Hutkrempe gesammelt hat, fliesst als kleines Rinnsal über seinen Rücken. Der St. Galler Kantonsforstingenieur zeigt auf einen Baum am Wegrand, der nicht gut aussieht. «Hier hat der Eschenpilz zugeschlagen», sagt er. Kahle Äste ragen in den Himmel, nur vereinzelt zeigt sich noch ein zartgrüner Trieb. Bald wird der Baum absterben, vermutet Gmür. Gegen den Eschenpilz aus Ostasien sind Förster und Waldbesitzer machtlos. Sie hoffen, dass einige Bäume resistent sind und so der Epidemie trotzen.

Die Stiefel schmatzen durch den Dreck, wir umkurven die Matschlöcher und stapfen den kleinen Waldhang oberhalb von St. Gallen hinauf, «ein typischer Erholungswald», wie Gmür sagt. Der Berneggwald hat auch eine Schutzfunktion, er soll Strasse und Häuser vor Rutschungen bewahren. Er sei in gutem Zustand, konstatiert Gmür. Ausreichend Laubholz, alte und junge Bäume, Sträucher, Totholz – ein «naturnaher» Wald.

Naturnah? Das mutet absurd an. Ist der Wald nicht Natur pur?

Seit Menschengedenken ist der Wald ein mythischer, geheimnisvoller, romantischer Ort. Jahrhundertelang galten die dichten Wälder Europas als Rückzugsort für Aussenseiter, Outlaws, Räuberbanden. Der Wald fand Einzug in Märchen, in Literatur. «Wohl in der Mitte unsres Lebensweges/geriet ich tief in einen dunklen Wald,/so dass vom graden Pfade ich verirrte», so beginnt Dante Alighieri seine «Göttliche Komödie». Hier steht der dunkle Wald für Sündhaftigkeit, Irrtum, Irrwege, Entfremdung von Gott. Aber der Wald ist mehr.

Mehr zum Thema in der Ostschweiz am Sonntag vom 15. Mai.