Wilde Theorien nach dem Mord

Renzo Ruf
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Tathergang Martin Luther King starb am 4. April 1968, in einem Motel in Memphis (Tennessee). Noch heute zerbrechen sich viele Menschen den Kopf über die Hintergründe dieser Tat, weil sie die offizielle Version der Vorgänge anzweifeln. Das hat mit der Liebe der Amerikaner für Verschwörungstheorien zu tun und mit der chaotischen Polizeiarbeit in den Stunden nach dem Attentat in Memphis. Gemäss der offiziellen Version wurde King am 4. April 1968 kurz nach 18 Uhr durch einen Schuss getroffen. Das Geschoss durchschlug den Kiefer des 39-jährigen Bürgerrechtlers, der zu dieser Zeit auf dem Balkon des Motels Lorraine stand. Bereits eine Stunde später wurde er für tot erklärt.

Zwei Monate lang suchte die Polizei anschliessend nach dem Attentäter, erfolglos und ohne klares Konzept. Dann verhafteten die britischen Behörden im Juni 1968 in London den gesuchten Kleinkriminellen James Earl Ray, weil dieser versucht hatte, das Land mit einem gefälschten kanadischen Pass zu verlassen. Ray gestand 1969 nach seiner Auslieferung in die USA, dass er Martin Luther King ermordet habe. Das Motiv: Rassismus. Bereits drei Tage später widerrief er aber dieses Geständnis bereits wieder. Stattdessen tischte er den Ermittlern eine neue Version der Ereignisse auf: Ein CIA-Agent mit dem Namen Raoul habe ihm eine Falle gestellt und er, Ray, sei «teilweise verantwortlich» für die Ermordung Kings gewesen, ohne sich dessen aber bewusst gewesen zu sein. Er habe King nicht erschossen.

Das Gericht schenkte Ray keinen Glauben – unter anderem auch, weil er von der Besitzerin einer Pension in Memphis identifiziert wurde, die ihm in der Nähe ein Zimmer vermietet hatte. Ray wurde zu 99 Jahren Gefängnis verurteilt und entging der Todesstrafe nur, weil er sich erneut schuldig bekannte.

Hatte die US-Regierung einen Killer angeheuert?

Dieses Hin und Her gab den Gerüchten Auftrieb, dass der Tod von Luther King die Folge einer Verschwörung gewesen sei. Zwar haben offizielle Untersuchungen sämtliche dieser Theorien als Märchen entlarvt. Aber noch im Jahr 1997 behauptete ein Sohn Kings, dass James Earl Ray – der im Jahr darauf im Gefängnis sterben sollte – unschuldig sei. «Auf eine seltsame Art und Weise sind wir beide Opfer», sagte Dexter King. Seine Theorie: Die US-Regierung habe King aus dem Weg schaffen wollen und deshalb einen Killer angeheuert. Der Sohn des Friedensnobelpreisträger verwies in diesem Zusammenhang häufig auf Loyd Jowers, einen ehemaligen Restaurantbesitzer aus Memphis, der 1993 behauptet hatte, dass er den Mörder von King für 100 000 Dollar angeheuert habe und dass es sich dabei nicht um Ray gehandelt habe.

Fünf Jahre später sagte ein Südstaatler einer Lokalzeitung in Florida, dass sein Vater der eigentliche Mörder sei. Ray habe bloss die Waffe besorgt, aber die Tat sei von Henry Clay Wilson verübt worden. Das Motiv sei nicht Rassismus gewesen, vielmehr habe sein Vater geglaubt, dass der Bürgerrechtler «eine Verbindung mit dem Kommunismus habe, und er wollte ihn aus dem Weg schaffen». Nach der Tat habe sein Vater immer wieder gesagt, dass er nur seine patriotische Pflicht getan habe. Verschwörungstheoretiker weisen darauf hin, dass Wilson mit Ray in Verbindung gestanden habe – er also der mysteriöse Raoul hätte sein können.

Die amerikanischen Ermittlungsbehörden allerdings bezeichneten auch diese Geschichte als Märchen. Im Gegensatz zu anderen Erinnerungsstätten verschweigt das Nationale Bürgerrechtsmuseum, das sich im ehemaligen Motel Lorraine in Memphis befindet, solche «alternative Szenarien» über die Ermordung von King nicht. So trat im vorigen November der Anwalt William Pepper im Museum auf, der einst James Earl Ray vertreten hatte, nun aber von der Unschuld seines Klienten überzeugt ist. Pepper behauptete, beim Schützen am 4. April habe es sich um den Polizisten Frank Strausser gehandelt, der im Auftrag der Bundespolizei FBI und der lokalen Mafia gehandelt habe. Gestorben sei Martin Luther King, weil die Ärzte im St. Joseph’s Hospital ihn erstickt hätten.

Renzo Ruf