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Wie viel darf ein gerettetes Lebensjahr Kosten? 100'000 Franken, sagt das Bundesgericht

Markus Zimmermann (Bild: PD)

Markus Zimmermann (Bild: PD)

Markus Zimmermann ist Vizepräsident der Nationalen Ethikkommission und Professor an der Universität Fribourg.

Markus Zimmermann, der medizinische Fortschritt ist gewaltig, er bringt aber hohe Kosten mit sich. Ist jede Innovation bezahlbar?
Es ist unmöglich, alle heute bekannten Massnahmen und Medikamente allen Behandlungsbedürftigen zur Verfügung zu stellen – das Gesundheitssystem würde kollabieren.

Das heisst, man muss in gewissen Fällen den Zugang einschränken?

Markus Zimmermann (Bild: PD)

Markus Zimmermann (Bild: PD)

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat zuletzt bei teuren Arzneimitteln zunehmend zum Instrument solcher Begrenzungen gegriffen, um den Kostensteigerungen im Gesundheitswesen zu begegnen. Limitierungen können dazu führen, dass bestimmte Patienten von einer Therapie mit einem Arzneimittel faktisch ausgeschlossen sind, obschon die Therapie wirksam und zweckmässig wäre. Fehlt aber die Wirtschaftlichkeit, die dritte Bedingung für die Aufnahme auf die Spezialitätenliste, kann das BAG den Zugang beschränken. Da gab es zuletzt zwei exemplarische Fälle.

Welche?
Der eine ist der Streit um das Medikament Myozyme für Menschen, die an der Stoffwechselkrankheit Morbus Pompe leiden. In der Schweiz sind das rund 20 Personen. Hier hat das Bundesgericht die Zahlungsverweigerung der Krankenkassen verteidigt: Die Richter kamen zum Schluss, Myozyme sei wegen des begrenzten Nutzens zu teuer, um von der obligatorischen Krankenversicherung bezahlt zu werden. Pro gerettetem Menschen-Lebensjahr erachtet das Bundesgericht 100'000 Franken als angemessen. Myozyme kostete aber 300'000 Franken pro Jahr. Der andere Fall betraf die Limitatio für Medikamente mit dem Wirkstoff Sofosbuvir gegen Hepatitis C. Da hat das BAG eine Limitatio mit der hohen Zahl der behandlungsbedürftigen Patienten begründet. Dies war aus ethischer Sicht aber nicht gerechtfertigt.

Weshalb?
Das Medikament kostete zwar 80'000 Franken, hat aber erstmals heilend gewirkt und ist bis heute alternativlos. Der Einsatz war daher sehr wohl wirtschaftlich. Das BAG hat in den Verhandlungen mit den Pharmafirmen darauf gesetzt, dass die Preise massiv gesenkt werden, bevor das Medikament für alle zugelassen wird. Dieser Poker ist zwar aufgegangen. Das Problem ist aber: Hier ging es nicht um Auto- oder Möbelpreise, sondern um kranke Menschen, deren Nichtbehandlung für sie fatale Folgen wie massive Leberschäden nach sich ziehen kann; das ist ethisch fragwürdig.

Sind Begrenzungen ethisch vertretbar?
Es gibt sie zu Recht, sie müssen aber plausibel begründet werden. Aus ethischer Sicht ist wichtig, dass sie transparent gemacht werden und nicht ungeregelt oder implizit am Krankenbett passieren. Das geschieht hingegen im klinischen Alltag häufig, zum Beispiel dann, wenn ein Patient seine Fallkostenpauschale bereits überschritten hat, seine Erkrankung aber weiterbehandelt werden muss.

Wie sieht ein gutes Gesundheitssystem aus ethischer Sicht aus?
Eine qualitativ hochstehende Gesundheitsversorgung für alle und auf Dauer wäre entscheidend. Wenn dann Privatkliniken für Betuchte mehr bieten, hielte ich das ethisch nicht für problematisch.

Und wer entscheidet über dieses?
Die Bevölkerung! Es braucht demokratische Entscheidungen. Dass die Debatten zusehends stärker in der Öffentlichkeit stattfinden, ist offenkundig und aus ethischer Sicht zu begrüssen. (rom)

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