Wie kommen die Kügelchen an die Ahornblätter?

Wer mit offenen Augen durch Wälder oder längs Hecken wandert, dem fallen gelegentlich gelbe bis rote kugelförmige Gebilde an der Unterseite von Ahornblättern auf. Wer sie öffnet, findet darin häufig eine weissliche, schlanke, beinlose Insektenlarve.

Siegfried Keller
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Die roten Gallen der Ahorngallwespe. (Bild: sk)

Die roten Gallen der Ahorngallwespe. (Bild: sk)

Wer mit offenen Augen durch Wälder oder längs Hecken wandert, dem fallen gelegentlich gelbe bis rote kugelförmige Gebilde an der Unterseite von Ahornblättern auf. Wer sie öffnet, findet darin häufig eine weissliche, schlanke, beinlose Insektenlarve. Doch wie kommt die Larve in dieses vollkommen geschlossene Gebilde, das der Fachmann als Galle bezeichnet?

Die Geschichte beginnt im zeitigen Frühjahr. Sobald die Ahornknospen zu quellen beginnen, bekommen sie Besuch von der Ahorngallwespe (Pediaspis aceris). Nach eingehender Prüfung der Knospe sticht sie ihren Eilegebohrer ins weiche Gewebe und legt zahlreiche Eier ab. Die Ahornknospe ist in ihrem Wachstum nicht beeinträchtigt; sie wächst zu einem Trieb mit zahlreichen Blättern aus. Die abgelegten Gallmückeneier verteilen sich so ganz zufällig auf Blätter, Blattstiele oder sogar Blüten. Parallel zum Triebwachstum des Ahorns haben sich aber aus den Eiern der Gallmücke bereits die Larven und ihre Gallen entwickelt.

Sekret aus Giftdrüsen

Wie es zur Gallenbildung kommt, ist nicht restlos geklärt. Man nimmt aber an, dass das Weibchen bei der Eiablage ein Sekret aus den umgewandelten Giftdrüsen abgibt, das die Pflanze zur Umhüllung des Eis veranlasst. Das spätere Gallenwachstum dagegen wird von der Larve im Galleninnern gesteuert. Im Juni und Juli sind die Larven ausgewachsen und verpuppen sich in der schützenden Hülle der Galle. Die ausgewachsenen Wespen, Männchen und Weibchen, verlassen im Juli die Galle durch ein selbst gefressenes Loch. Nach der Paarung graben sich die Weibchen in die Erde und legen Eier ausschliesslich an die Wurzeln von Bergahorn. Dort entwickelt sich innerhalb von zwei Jahren die nächste Generation.

Ungeschlechtliche Vermehrung

Ein interessantes Phänomen ist der Generationenwechsel, den die Ahorngallwespen, wie übrigens die meisten Gallwespen, durchlaufen. Auf eine Generation, die sich geschlechtlich fortpflanzt, folgt eine Generation, die sich ungeschlechtlich (parthenogenetisch) fortpflanzt. Bei der Ahorngallwespe entwickeln sich die parthenogenetischen Weibchen in den Wurzelgallen, die Geschlechtstiere in den Blattgallen.

Obwohl die Gallen ihren Bewohnern einen guten Schutz vor Fressfeinden bieten, werden sie häufig Opfer von parasitischen Wespen. Häufig ist es eine kleine Erzwespe (Dichatomus acerinus), die ihre Eier in die noch kleinen Gallen ablegt und deren Wachstum verändert. Das Innere verholzt und tötet die rechtmässige Besitzerin, während sich die Parasiten ungestört entwickeln. Äusserlich sind diese Gallen an der unregelmässigen Form und den zapfenartigen Fortsätzen leicht zu erkennen.