Wie Kinder teilen lernen

Bekommt ein Kind mehr oder vermeintlich bessere Geschenke als ein anderes, dann bricht oft Streit aus. Warum fällt es gerade Kindern schwer, grosszügig zu sein?

Nadja Podbregar
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Kinder teilen nicht gerne. (Bild: fotolia)

Kinder teilen nicht gerne. (Bild: fotolia)

Wir Menschen haben von Natur aus einen ausgeprägten Sinn für Fairness und für eine gerechte Verteilung. Schon 15 Monate alte Kleinkinder reagieren, wenn in einem Video beispielsweise Guezli ungerecht zwischen zwei Personen geteilt werden: Sie schauen länger und genauer hin, wie Studien zeigen.

Kinder reagieren anders

Dieser Sinn für Gerechtigkeit bedeutet allerdings noch lange nicht, dass wir auch immer danach handeln. Als Erwachsene verhalten wir uns oft strategisch und wägen genau ab, wem wir wie viel und zu welchem Preis schenken oder wie viel wir teilen. Dennoch überwiegt bei den meisten der Sinn für Fairness – und vielleicht auch für soziale Konventionen.

Bei Kindern im Kindergartenalter ist das anders: Sie erkennen zwar sehr gut, was eigentlich richtig wäre, sind dann aber trotzdem anderen gegenüber unfair. Der gängigen Theorie nach ist ihr Gehirn schlicht noch nicht weit genug entwickelt, um der Versuchung zu egoistischem Handeln zu widerstehen. Erst wenn sie älter werden, ändert sich dies und sie zeigen mehr Grosszügigkeit, wie Jason Cowell und Jean Decety von der University of Chicago erklären.

Mit der Elektrodenkappe

Ob das tatsächlich so ist, haben die Forscher nun in einem Experiment mit 57 Kindern im Alter von drei bis fünf Jahren untersucht. Während der Tests setzten sie den kleinen Testpersonen eine Elektrodenkappe auf, um ihre Hirnströme abzuleiten. Dann folgte der erste Test: Sie spielten den Kindern mehrere kurze Cartoonszenen vor. In diesen verhielt sich ein Protagonist entweder prosozial – er half einem anderen oder teilte Süssigkeiten mit ihm – oder er handelte unfair, indem er seinen Partner schubste oder schlug.

Gefühl und Verstand

Wie sich zeigte, lösten diese Szenen zwei verschiedene Reaktionen im Gehirn der Kinder aus: eine emotionale und quasi automatische Antwort und eine erst später einsetzende verstandesmässige Bewertung. «Die moralische Einschätzung bei Kindergartenkindern ist demnach komplex und sowohl durch Gefühle als auch durch den Verstand geprägt», sagt Decety.

In einem zweiten Test erhielt das Kind zehn bunte Bildchen und dazu die Information, dass das als nächstes in den Raum kommende Kind keine Bildchen bekommen würde. Die Forscher wollten sehen, ob die kleinen Teilnehmer spontan einen Teil ihrer Bildchen abgeben würden – und wie viel. Tatsächlich teilten die meisten Kinder und gaben zumindest ein oder zwei Bildchen ab.

Vorhergesagte Grosszügigkeit

Wie grosszügig sie handelten, liess sich dabei sogar vorhersagen, wie die Forscher berichten: Je stärker im vorgehenden Test die verstandesmässige Reaktion ausfiel, desto grosszügiger waren die Kinder. Das passt sehr gut zu den Annahmen der Theorie: Auch wenn Kinder schon von klein auf quasi instinktiv erkennen, was richtig und falsch ist, handeln sie nur dann danach, wenn sie auch kognitiv erfassen und bewerten können, warum das so ist.

Was lässt sich daraus für die Erziehung lernen? «Indem wir Kinder dazu ermutigen, über das moralische Verhalten von anderen nachzudenken, fördern wir ihre Grosszügigkeit und ihre Fähigkeit, fair zu handeln», sagt Jean Decety.