Wie ein Kurztrip nach Paris

Wenn in die feine Melodie der Streichinstrumente das Akkordeon einsetzt, dann verschwindet die Strasse vor meinen Augen. Sie hat einer herbstlichen Allee Platz gemacht. Ich schlendere den hellen Weg hinunter.

Anna Dieckmann
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Bild: Anna Dieckmann

Bild: Anna Dieckmann

Wenn in die feine Melodie der Streichinstrumente das Akkordeon einsetzt, dann verschwindet die Strasse vor meinen Augen. Sie hat einer herbstlichen Allee Platz gemacht. Ich schlendere den hellen Weg hinunter. Der Herbstwind zerrt und zieht an den Bäumchen und entreisst ihnen die farbenfrohen Blätter. Das Laub raschelt unter meinen Stiefeln. Der Duft von frischgebackenem Baguette und Kaffee liegt in der Luft. Vor mir erhebt sich stolz der Tour Eiffel. Nebenher fliesst in steter Ruhe die Seine. Der Takt des Liedes bestimmt mein Schritttempo, und ich passiere kleine Cafés und eine Confiserie. Elegant angezogene Damen sitzen ins Gespräch vertieft vor dem Café de Flore, unbeeindruckt vom lebendigen Gewirr der Strasse.

Abrupt ist das Lied zu Ende. Statt in der herbstlich verzauberten Stadt der Liebe, stehe ich an der Ampel in St. Gallen. Die letzten Klänge hallen noch in meinem Kopf wieder.

Yann Tiersen komponierte dieses Lied für den Film «Le fabuleux destin d'Amélie Poulain». Er und die Schauspielerin Audrey Tautou, in der Rolle der Amélie, wurden durch den Film mit einem Schlag berühmt. Ich hörte das Lied lange, bevor ich den Film zum ersten Mal sah. Doch das Lied ist so voller französischer Verträumtheit, dass der Film später nur noch eine Bestätigung meiner Tagträume war. Man muss wissen, ich war noch nie in der grössten Stadt Frankreichs. Doch genau so stelle ich es mir vor. Das Lied «J'y suis jamais allé» ist mein ganz persönliches, kleines Paris.

Yann Tiersen: «J'y suis jamais allé» Le fabuleux destin d'Amélie, 1996

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