Wie der Luchs den kleinen Bäumen im Wald hilft

So schön die Rehe anzusehen sind, wenn sie am Waldrand äsen oder in höllischem Tempo über die Wiese jagen: Hat es zu viele der edlen Tiere, leidet der Wald. Die natürliche Waldverjüngung wird durch den übermässigen Verbiss der Rehe und auch der Gemsen verhindert.

Bruno Knellwolf
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So schön die Rehe anzusehen sind, wenn sie am Waldrand äsen oder in höllischem Tempo über die Wiese jagen: Hat es zu viele der edlen Tiere, leidet der Wald. Die natürliche Waldverjüngung wird durch den übermässigen Verbiss der Rehe und auch der Gemsen verhindert.

Als natürlicher Waldbeschützer taugt da der Luchs, der den Rehbestand im Gleichgewicht hält. Da der Luchs aber zwischenzeitlich ausgerottet worden war, konnte er diese Aufgabe nicht mehr erfüllen. Im Rahmen des Projekts Luno (Luchsumsiedlung Nordostschweiz) wurde der Luchs ab dem Jahr 2001 im Kanton St. Gallen wieder angesiedelt. Auch mit dem Ziel, eine Reduktion des Reh- und Gamsbestandes und damit indirekt einen Rückgang des Wildverbisses in der Waldverjüngung zu erreichen.

Wirkung des Gegenspielers

Der Luchs als Gegenspieler des Rehs reguliert dessen Bestand und hilft dem Wald. Die Zürcher Wildtierökologin Jasmin Schnyder, die heute im St. Galler Naturmuseum referieren wird, hat das nun in ihrer Masterarbeit in Zusammenarbeit mit dem Amt für Natur, Jagd & Fischerei des Kantons St. Gallen sowie dem Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft der Universität Wien untersucht.

Zwischen 2001 und 2008 wurden neun Luchse aus dem Juragebiet in die Ostschweiz umgesiedelt. Die Entwicklung des Luchsbestandes verlief vorerst zögerlich, wie Schnyder in ihrer Arbeit schreibt. Das Ziel, eine sich selbst erhaltende Population zu erhalten, blieb unsicher. 2012 zählte man immerhin zwölf Tiere pro geeignetem Lebensraum von 100 Quadratkilometern. Die Luchse bevorzugen den Wald, landwirtschaftliche und vegetationslose Flächen werden gemieden. Reh und Gams waren in den ersten zweieinhalb Jahren nach der Wiederansiedlung mit einem Anteil von über 90 Prozent die Hauptnahrung des Luchses, Rehe zu 70 Prozent, Gemsen zu 25 Prozent. Der kleine Rest der Beute verteilte sich in dieser Untersuchung der Luchsrisse auf Feldhasen, Murmeltiere und Fuchs, aber keine Rothirsche.

Bessere Verbisssituation

Die Untersuchung von Jasmin Schnyder zeigte also, dass sowohl die Reh- wie auch die Gamsbestände im Luchs-Kerngebiet des Kantons nach der Luchsansiedlung stark abgenommen hatten. Das hatte aber nicht nur mit dem Luchs, sondern auch mit der Bejagung durch den Menschen und Effekten des Wetters zu tun. Dadurch hat sich wie im Projekt Luno gewünscht, auch die Verbisssituation in den Wäldern und damit natürliche Waldverjüngung verbessert. Allerdings sei auch dafür nicht der Luchs alleine verantwortlich. Die verbesserten Lebensräume durch Aufwertungsmassnahmen des Waldes hätten ebenfalls dazu beigetragen. Die Untersuchung zeige, wie komplex und dynamisch die Wechselwirkungen in der Kaskade Luchs-Reh/Gams-Verbissintensität seien, schreibt die 27jährige Wildtierökologin.

Heute Mittwoch, 19 Uhr, Naturmuseum St. Gallen: Vortrag von Jasmin Schnyder, Wildtierökologin: Der Luchs, das Reh und die Waldverjüngung – Einblicke in ökologische Wechselwirkungen