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Wer repariert, hat kapiert

Kaum gekauft, schon kaputt. Wegschmeissen ist das eine, Dinge zu flicken ist das andere. Immer mehr Menschen finden wieder gefallen am Reparieren und setzen so ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft. Repair-Cafés, eine Flickeria und Webseiten mit Anleitungen sind erst der Anfang.
Katja Fischer De Santi
schnitt -

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Ein Föhn, der nach dreimaligem Benützen den Geist aufgibt. Eine Jacke, deren Saum unaufhaltsam aufgeht. Eine geliebte Puppe, deren Ärmchen bedrohlich wackelt. Dauernd ist irgendetwas kaputt, dauernd funktioniert irgendetwas nicht – meist exakt zwei Tage nach Ablauf der Garantiefrist. Doch während unsere Grossmütter und Grossväter in solchen Fällen das Nähzeug aus dem Stübli oder den Werkzeugkasten aus dem Keller holten, steht der moderne Mensch in solchen Fällen wie der Esel am Berg. Denn wer wagt es, einen Föhn auseinanderzuschrauben? Wer weiss, mit welchem Kleber ein Puppenarm wieder Halt bekommt, und wer hat noch eine Nähmaschine zu Hause stehen?

Neu kaufen statt reparieren

Flicken und Reparieren ist in einer Zeit, wo einem der Fachmann im Geschäft sagt, dass man besser einen neuen Föhn kauft, als den alten reparieren zu lassen, und Handys schon nach einem halben Jahr als «veraltet» bezeichnet werden, ziemlich von gestern – könnte man meinen.

Doch es gibt Menschen wie Wolfgang Heckl in München, wie Iris Betschart in St. Gallen und Heinz Bätscher in Solothurn, die ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft setzen. Die gegen den Konsumwahn anflicken, die reparieren, was andere längst wegwerfen würden. Und dabei «tiefste Befriedigung» erfahren, wie Wolfgang Heckl in seinem Buch «Die Kultur der Reparatur» schreibt. Beim Direktor des Deutschen Museums in München ist das Reparieren längst zur allumfassenden Lebensphilosophie geworden. «Weg von der Wegwerfgesellschaft hin zur Reparaturgemeinschaft» lautet seine Botschaft.

Repair-Cafés überall

Die Zeit für diese Bewegung ist reif. Allein in Deutschland sind in den letzten zwei Jahren über 20 Repair-Cafés entstanden. Orte, an denen sich Tüftler und Bastler und auch solche mit zwei linken Händen treffen, um gemeinsam Dinge zu flicken. In den Niederlanden, der Geburtsstätte der Repair-Cafés, existieren bereits mehr als fünfzig solcher Treffpunkte. Im Internet boomen derweil Seiten wie ifixit.com auf denen eine globale Gemeinschaft Reparaturanleitungen für alles Mögliche erstellt. Dabei wird auch vor hochkomplexen Geräten wie Spiegelreflexkameras oder Laserdrucker nicht zurückgeschreckt.

Das «Repair-Manifest»

«Du kannst alles reparieren», lautet einer der Leitsätze des niederländischen Kreativen-Kollektivs Plattform 21. Aus dem angestaubten Satz «Das Alte flicken, das Neue halten, in die Welt sich schicken und Gott lassen walten» haben sie ein knackiges «Repair-Manifest» gemacht. Mit Sätzen wie «Repariere – auch in guten Zeiten! Denn es geht nicht um Geld, sondern um die Mentalität» haben sie den Grundstein für eine neue kulturkritische Bastler-Generation gelegt. Wer heute zu Hause am kaputten Radiowecker herumklüttert, tut das nicht aus Geiz, sondern um Rohstoffe zu sparen, Abfallberge zu verkleinern und der Industrie, die uns zu unmündigen Konsumenten machen will, ein Schnippchen zu schlagen.

«Wer selbst repariert, gewinnt ein Stück Autonomie zurück», schreibt Wolfgang Heckl in seinem Buch. Und geht noch weiter «Es ist gelebte Nachhaltigkeit, wer repariert, setzt sich mit Dingen auseinander, begreift die Welt.» Kurz: Wer repariert, der kapiert!

Auch in der Schweiz

Nach diesem Motto funktioniert auch das bislang erste und einzige Repair-Café der Schweiz. flick + werk nennt sich der im Sommer 2012 gegründete Verein im solothurnischen Zuchwil. Das Ziel auch hier: «Der Wegwerfmentalität entgegentreten und Hilfe zur Selbsthilfe anbieten», erklärt Präsident Heinz Bätscher. In einer gut ausgerüsteten Werkstatt bietet der Verein einmal pro Monat einen Reparaturtag an. Jeder darf mit seinen defekten Dingen vorbeikommen und kann diese unter fachkundiger Anleitung reparieren oder in schwierigeren Fällen reparieren lassen. Vom CD-Player, über Kaffeemaschinen, Kinderspielzeug und Designerlampen, «es gibt fast nichts, was wir nicht wieder hinbekommen», so Bätscher.

Dabei würden sie sich nicht als Konkurrenz zu professionellen Handwerkbetrieben sehen. «Wir flicken, was sich eigentlich nicht mehr zu flicken lohnt.» Und dies für nur 50 Rappen (für Mitglieder) respektive einen Franken pro Reparaturminute. «Wenn wir einen Narren an einem Ding gefressen haben, dann tüfteln wir auch mal mehrere Tage daran herum.» Selbstverständlich, ohne die Zeit aufzuschreiben.

Noch kämen vor allem ältere Menschen und vor allem Männer an die Reparaturtage. Wie sich auch das flick + werk-Team zum grössten Teil aus Senioren zusammensetzt. «Schon einige Frauen, haben uns ihre pensionierten Männer vorbeigeschickt», erzählt Heinz Bätscher.

Dass auch in der Schweiz eine Nachfrage nach Repair-Cafés besteht, zeigt, dass die Leute teilweise mehrere Stunden Anfahrtsweg in Kauf nähmen, um an die Reparaturtage zu fahren, wie Bätscher erzählt.

Flickeria in St. Gallen

Für die St. Galler Textilkunstschaffende Iris Betschart war und ist Flicken und Recyceln die Grundlage ihrer Arbeit. Ihre Stoffe sucht sie vor allem im Brocken- und Zeughaus sowie auf dem Flohmarkt zusammen und näht daraus neue Kleidungsstücke. Einerseits aus Not; Stoffe sind teuer. Anderseits aus Prinzip. «Alle meine Stücke sind Einzelteile, nicht reproduzierbar und so ein Gegenpol zur Massen- und Billigproduktion im textilen Bereich.» Mit ihrem neusten Projekt, der Flickeria, geht sie noch einen Schritt weiter. «Immer mal wieder bitten mich Freunde, für sie Sachen zu flicken.» Daraus sei die Idee entstanden, während zweier Wochen im September in einem Markthäuschen auf dem St. Galler Marktplatz ihre Dienste im Flicken und Wiefeln anzubieten (siehe Kasten). «Es würde mich freuen, wenn die Leute ihren Kleidern wieder mehr Wert beimessen würden und sie nicht als Wegwerfware behandeln», sagt Betschart.

Eine geflickte Hose sei nichts schäbiges, sondern ein geliebtes Kleidungsstück mit Geschichte und Stil.

Geplante Defekte der Industrie

Alles schön und gut, aber lässt es sich mit Flickkursen und Repair-Cafés wirklich etwas gegen die Ex-und-hopp-Mentalität unserer Konsumgesellschaft ankämpfen? Allen voran Hersteller von Handys und Computern haben gar kein Interesse daran, dass ihre Produkte repariert werden können. Im Gegenteil: Kaum ist ein Gerät auf dem Markt, kündigen sie schon ein neueres, besseres an. So wird die Nachfrage hochgehalten, bleibt die Wirtschaft in Schwung. Das Schlagwort der Stunde dazu heisst: geplante Obsoleszenz. Gemeint ist damit der vom Hersteller geplante und frühzeitige Verschleiss seiner Produkte. In der Glühbirnenindustrie wurde dieses Konzept erstmals branchenweit in die Praxis umgesetzt. Alle grossen Lampenhersteller einigten sich 1924 auf eine Soll-Lebensdauer von maximal 1000 Stunden je Glühlampe, eine Überschreitung wurde mit hohen Strafen geahndet. Dies wurde übrigens erst Anfang der 1950er- Jahre bekannt. Das Ziel waren ganz klar höhere Verkaufszahlen. Heute, so wird vermutet, ist der geplante Verschleiss, längst Usus geworden. Von nicht ersetzbaren Akkus über die Verwendung von minderwertigem Material bis zu absichtlich eingebauten Programmierfehlern oder verschweissten statt verschraubten Gehäusen reicht die Palette. Leider sind diese Praktiken nur schwer beweisbar.

Konsumentenschutz greift ein

Doch auch hier tut sich was. Um die Anbieter von Verschleiss-produkten unter Druck zu setzen, sammelt der Schweizerische Konsumentenschutz (SKS) seit einigen Wochen Beispiele von frühzeitigen Produktdefekten.

«Bereits sind einige hundert Meldungen eingegangen», sagt Sara Stalder, Geschäftsleiterin der SKS. Ziel der Aktion sei es, problematische Produktgruppen oder gar einzelne Hersteller herauszufiltern. «Ohne konkrete Beweise ist es schwierig, wirtschaftlich und politisch Druck aufzusetzen.» Eine Lösung könnte etwa eine Deklaration für besonders langlebige und reparierbare Produkte sein. Im übrigen ist man auch beim Schweizerischen Konsumentenschutz ein grosser Fan der Reparaturbewegung. So ist es für die SKS denkbar, dass man dereinst ein Reparaturnetzwerk mit Adressen und Tips aufbaut, wie es etwa die Stadt Wien seit einigen Jahren erfolgreich anbietet. Bereits seit 1996 geben die beiden Städte Bern und Thun einen Reparaturführer heraus, der seit 2002 auch auf dem Internet abrufbar ist. Seit kurzem machen auch die beiden Kantone Basel-Stadt und Basel-Land beim Projekt mit. Weitere Kooperationspartner würden laufend gesucht, heisst es auf der Webseite.

Alles nur Utopie?

All diese Bemühungen, wie auch die Fülle an neuen Büchern mit Titeln wie «Ich schraube, also bin ich», deuten darauf hin, dass Wolfgang Heckels Vision von der Reparaturgesellschaft, wie sie unsere Grosseltern selbstverständlich lebten, wahr werden könnte.

Heckl selbst hat klare Vorstellungen, wie wir 2040 leben sollten: «Überall wird mit der Reparaturfähigkeit von technischen Gegenständen geworben, Langlebigkeit ist das entscheidende Kaufargument. Unternehmen nehmen ihre Produkte an deren Lebensende wieder zurück, um sie zu zerlegen und daraus neue, besser Produkte zu kreieren», schreibt er. Zudem seien alle Menschen Mitglied einer kommunalen Repair-Bewegung. Und was macht Wolfgang Heckl 2040? «Ich bastle jeden Tag mit meinem Enkel in der Werkstatt.» Zumindest das wird hoffentlich keine Utopie sein.

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