Wenn die Hand denkt

Auch im digitalen Zeitalter greift der Mensch gern zu Papier und Stift. Kritzeleien verraten Langeweile oder schärfen die Konzentration, Skizzen erklären die Welt. Das Forum Schlossplatz in Aarau geht dem Phänomen auf die Spur.

Beda Hanimann
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Skizzen als elementare Werkzeuge: Kroki des Künstlers Art Ringger; Kreidemarkierung bei der Aufnahme eines Verkehrsunfalls; Post-it-Zettel aus der Arztpraxis von David Winizki.

Skizzen als elementare Werkzeuge: Kroki des Künstlers Art Ringger; Kreidemarkierung bei der Aufnahme eines Verkehrsunfalls; Post-it-Zettel aus der Arztpraxis von David Winizki.

Nadine Schneider findet die Themen für ihre Ausstellungen oft in Situationen, in denen sie nicht an ihre Arbeit denkt und anderweitig beschäftigt ist. Das Warten beim Schuhmacher war die Initialzündung für die Ausstellung «Le monde attend» von 2013. Auf das Thema Kritzeln nun ist die Leiterin des Forums Schlossplatz in Aarau beim Experten für Zahnimplantate gekommen. «Das war eine Hightech-Praxis mit Bildschirmen überall, aber der Arzt skizzierte mir rasch von Hand auf einem Zettel, wie der Eingriff ablaufen werde», erinnert sich Nadine Schneider. Das habe sie beeindruckt, dieses Archaische der Handskizze mitten in der Hightech-Welt.

Skizzen, wohin man blickt

Die weitere Beschäftigung mit dem Thema zeigte bald: Es ist ein schier unerschöpfliches, faszinierendes Feld, die Welt des Handskizzierten. Fast Schritt auf Schritt begegnete Nadine Schneider nun Schriftzeichen, Linien, Schraffuren, Bögen, Figuren. Auf Bierdeckeln in der Beiz, an den Wänden öffentlicher Toiletten, auf Post-it-Zetteln oder an den Rändern herumliegender Zeitschriften. Sie beobachtete in Sitzungen Menschen, die nicht Stichwörter notierten, sondern vor sich hinkritzelten, und sie erfuhr von anderen, die beim Telefonieren über Jahre hinweg ihre Schreibtischunterlage in eine üppige Zeichnung verwandelten.

Vier Stufen der Kommunikation

Die Frage, die sich Nadine Schneider mit Co-Kurator Willi Wottreng und Co-Kuratorin Josiane Imhasly stellte: Warum greifen Menschen im digitalen Zeitalter so häufig zum Stift? Die Antworten sind einfach und zugleich komplex. Weil eine Skizze oft präziser ist als Erklärungen. Weil sie beim Denken hilft. Weil Kritzeln den Kopf befreit. Weil es eine Form der Verarbeitung von Dingen ist, die uns beschäftigen. «Kritzeln ist Ausdruck und Kommunikation», sagt Willi Wottreng. Das gilt durchaus auch für das unbewusste Kritzeln während einer Sitzung – das am ehesten mit einem Selbstgespräch zu vergleichen ist.

Die Zielrichtung dieser Kommunikation mit dem Stift führte zur Gliederung der Ausstellung (Szenographie: Heinz Kriesi). Sie ist in vier Räume aufgeteilt mit den Titeln «Für mich», «Für dich», «Für uns» und «Für alle». Im ersten Raum sind etwa Reiseskizzen zu sehen, die anstelle des Fotografierens der Erinnerung dienen. Es gibt da auch eine Kinderzeichnung von Wottreng, die zeigt, wie er sich als Bub die Mondlandung vorgestellt hat. «Skizzen sind Manifestationen in dieser Welt, oft auch Versuche, die Welt zu begreifen», sagt Nadine Schneider.

Besonders spannend sind hier die unbewussten Kritzeleien – die bei weitem nicht immer Ausdruck von Langeweile oder geistiger Abwesenheit sind. In einer Video-Einspielung erläutert die Journalistin Christine Brand, dass das Kritzeln für sie eine Art Konzentration sei. «Wenn die Hände beschäftigt sind, hört der Kopf direkt zu. Die Gedanken sind nicht bei der Kritzelei, es sind die Hände, die kritzeln.» Typisch für solche Kritzeleien sei, «dass sie für Aussenstehende nichts bedeuten», sagt Josiane Imhasly. Experten freilich wissen auch damit etwas anzufangen. «Man kann sagen, dass Skizzen und Kritzeleien eine Art direkten Zugang zum Unbewussten eröffnen», sagt die Psychoanalytikerin Rachel Bodmer in einer Audio-Einspielung in der Ausstellung.

Das Kroki an der Haustür

Die Skizzen des zweiten Raumes zielen bereits unmittelbar auf ein Gegenüber, manchmal auch über den Umweg der Anonymität. Liebesgrüsse an den Partner am Kühlschrank oder ein Kroki an der Haustür mit der Information «Bin hinterm Haus!» gehören ebenso dazu wie die Skizzen des Arztes David Winizki. «Mit einer Zeichnung kann ich dem Patienten Dinge begreiflich machen», sagt er im Video. «Der visuelle Eindruck bleibt eher haften als eine Erklärung – und das führt auch zu einer besseren Behandlung.» An ein diffuses Du sind aber auch die rätselhaften Botschaften in Gefängniszellen oder an Wänden von öffentlichen Toiletten gerichtet.

Im Raum «Für uns» geht es um Zeichen, die für eine grössere Gruppe verständlich sein müssen und deshalb Regeln unterworfen sind. Das sind etwa Visualisierungen von Teamprozessen oder die Skizze eines Unfallhergangs. Auch Skizzen von Kunstschaffenden oder Modeschöpfern zielen auf die Gemeinschaft, wenn sie umgesetzt werden. Die Ausstellung zeigt Skizzen des Filmemachers Fredi M. Murer, schematische Darstellungen von Romanen von Friedrich Dürrenmatt, Hermann Burger und Beat Sterchi sowie Kostümentwürfe von Julian Zigerli.

Urmenschliche Ausdrucksform

Der vierte Raum schliesslich, «Für alle», ist Skizzen gewidmet, die Geschichte geschrieben haben. Als Beispiele zeigt die Ausstellung die Studien von Leonardo da Vinci für den Flügel einer Flugmaschine oder das Schema vom Ich, Über-Ich und Es von Sigmund Freud. Zu sehen ist auch eine erste Skizze von Francis Crick zur DNA-Struktur – und ein Architekturprojekt in der Form der Doppelhelix der DNA-Spirale.

Ob als Vorstufe für Bahnbrechendes oder weil einfach die Hand denkt: Skizzen und Kritzeleien sind eine urmenschliche Ausdrucksform, die auch in der digitalen Welt ihren Platz behalten hat.

Forum Schlossplatz, Aarau, bis 7. Juni. Öffnungszeiten: Mi/Fr/Sa 12–17 Uhr, Do 12–20 Uhr, So 11–17 Uhr

«Wenn die Hände beschäftigt sind, hört der Kopf direkt zu»: Sitzungsprotokoll von Christine Brand. (Bilder: Forum Schlossplatz Aarau)

«Wenn die Hände beschäftigt sind, hört der Kopf direkt zu»: Sitzungsprotokoll von Christine Brand. (Bilder: Forum Schlossplatz Aarau)

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