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Wenn der Boden bebt

In einen wahren «Orgelrausch» will uns die Diözesane Kirchenmusikschule St. Gallen im laufenden Studienjahr versetzen. Ein Grund: Es fehlt an Organistennachwuchs.
Bettina Kugler
«Die Orgel» spielt nicht von alleine: Eine fundierte Ausbildung ist nötig – und für die Kirche ein Gewinn. (Archivbild: Susann Basler)

«Die Orgel» spielt nicht von alleine: Eine fundierte Ausbildung ist nötig – und für die Kirche ein Gewinn. (Archivbild: Susann Basler)

Das Eldorado für Orgelvirtuosen liegt derzeit in Russland. Orgelkonzerte, etwa in St. Petersburg, sind in der Regel restlos ausverkauft; sie finden in riesigen Konzerthäusern statt – und neunzig Prozent der Zuhörer sind unter fünfundzwanzig Jahren. Ob Bach auf dem Programm steht, Liszt, Messiaen: Orgel ist dort Pop und die Begeisterung der Fans höchst ansteckend.

Dies ausgerechnet in einem Land, in dem die «Königin der Instrumente», hierzulande tief verwurzelt sowohl in der evangelischen wie in der katholischen Kirchenmusik, liturgisch keine Rolle spielt – der orthodoxe Ritus beschränkt sich auf Gesang. Mag der Sozialismus Kirchen zu Schwimmbädern und anderen Zweckgebäuden umgenutzt haben, der Faszination Orgel konnte er offenbar nicht schaden.

Volle Häuser, leere Kirchen

«Das Instrument ist dort <unbelastet> von Verbindungen mit Kirche und Gottesdiensten», sagt Willibald Guggenmos, Domorganist an der Kathedrale St. Gallen. Er selbst hat schon in Petersburg gespielt; ausserdem rund um den Globus: in Fernost ebenso wie in Sydney, in Nordeuropa, den USA, auf den Bahamas. Sein Instrument ist überall zu Hause. Doch in der angestammten Heimat tut man sich heute zuweilen mit der Kirchenorgel schwer.

Ortswechsel. München Mitte, ein Konzert in der evangelischen Hauptkirche. Da spielte der international gefragte Organist unlängst vor dreizehn Versprengten; zehn davon waren befreundete Kollegen. Alles nur eine Frage mangelnder Werbung und Öffentlichkeitsarbeit?

Klangfeuerwerke zünden

«Man muss die Leute natürlich schon mit Leidenschaft packen», meint Guggenmos, «und ihnen die Faszination Orgel erlebbar machen.» Allein ihre Technik, ihre Bauweise, massgeschneidert für den jeweiligen Klangraum, Pfeifen von zehn Metern Länge – das vermag in Staunen zu versetzen. Erst recht, wenn der Boden zu zittern beginnt, Musik mit Leib und Seele spürbar wird: Ein Feuerwerk an Klang, das Guggenmos gern effektvoll zündet. Die Zeit bleibt freilich nicht stehen; abgesehen vom ohnehin schweren Stand, den das kirchliche Leben in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft hat, verändert sich auch die Musikkultur. «Die Selbstverständlichkeit, mit der noch heute die Orgel in der Kirche akzeptiert ist, wird es in einigen Jahren wohl nicht mehr geben», prognostiziert Winfried Bönig, Domorganist in Köln. «Geänderte Sichtweisen oder der Zwang zu Kosten-Nutzen-Rechnungen werden überraschende und fordernde Fragen stellen.»

Keine Zeit zum Üben

Das wiederum hat Folgen für den Organistennachwuchs. Kein einziger Student habe sich zum laufenden Wintersemester an der Musikhochschule München für das Fach Kirchenmusik eingeschrieben, weiss Willibald Guggenmos; in Luzern belegen momentan drei Studierende in zwei Jahrgängen das Masterstudium. «Bei meinen Schülern spüre ich durchaus Begeisterung, gerade auch für Improvisation. Aber die Jugendlichen sind heute extrem beschäftigt; sie haben keine Zeit für etwas Erlösendes. Und wenig Zeit zum Üben.»

Das schwindende Interesse an Orgelunterricht bei Sekundar- und Mittelschülern und im Bereich der Pädagogischen Hochschulen war einer der Gründe, weshalb die Diözesane Kirchenmusikschule St. Gallen das laufende Studienjahr unter das Motto «Bistum St. Gallen im Orgelrausch» stellt – mit einer Reihe von Aktionstagen, mit Orgelführungen, kommentierten Konzerten, Schnupperangeboten und Fortbildungen (s. Kasten). Schulleiter Hans Eberhard weiss als Domkapellmeister in St. Gallen um die Strahlkraft der Musik. «Wir erreichen mit unseren Angeboten Menschen in jeglicher Distanz zur Kirche», sagt er, «kluge Seelsorger wissen das.»

Die Orgel jedoch hat in der Kirche Konkurrenz bekommen. Gospelchöre, Bands und E-Pianos suggerieren landauf landab, die «Königin» sei ein verstaubtes Instrument; ein alter Zopf wie Kirchenmusik überhaupt: schwer, altmodisch, langweilig. Viele verbinden damit vor allem getragene Choräle und traurige Beerdigungsmusik.

Präsenz statt «Geplätscher»

Johanna Jud kennt solche Vorurteile, geht aber offensiv damit um. «Da haben wir derzeit tätigen Organistinnen und Organisten, ob Jung oder Alt, noch einiges zu tun, um dieses Bild ins Positive zu verändern», sagt sie. Sie gehört zur jungen Generation professioneller Organisten; an der Musikhochschule Luzern hat sie 2008 ihren Abschluss in Orgel und Chorleitung gemacht. Derzeit wirkt die 29-Jährige als Kirchenmusikerin in Uznach, gibt Orgelunterricht – und studiert weiter, Germanistik und Religionswissenschaft. Denn hauptamtliche Stellen sind hierzulande dünn gesät; in Deutschland werden immer mehr davon aus Kostengründen eingespart. Präsenz sei wichtig, betont Johanna Jud; die Wirkmächtigkeit der Orgel, ob als Begleitinstrument für den Gemeindegesang oder solistisch, zeige sich dort, wo die Musik Verbindungen zum Wort herstelle. «Solange sie einfach belanglos vor sich hin plätschert, wird sie nichts bewirken und unter Umständen gar nicht wirklich wahrgenommen.»

Erst recht nicht der Musiker am Spieltisch, in vielen Kirchen unsichtbar versteckt auf der Empore. Entlarvend ist die Rede oft davon, «die Orgel» habe gespielt. Doch als im Bistum Chur eine CD mit Orgelmusik für Gottesdienste ohne Organisten produziert wurde, war die Empörung gross, erinnert sich Hans Eberhard – Gemeindegesang mit Playalong-CD, das mochten sich auch die Kirchgänger nicht vorstellen. Mag die Frage nach der Zukunft der Orgel offen sein, noch ist der Bedarf an Organisten hoch. «Da gilt es, auch die Laien im Instrumentalunterricht möglichst gut auszubilden», sagt Johanna Jud. Schliesslich spielen unzählige Laien Woche für Woche öffentlich – und prägen unser Bild vom Organisten und der Orgelmusik allgemein. Auch Filme und Bücher trügen dazu bei, apokalyptische Soundtracks oder weltfremde Genies wie im Roman «Schlafes Bruder».

«Ein absolut cooles Instrument»

Einer ihrer Schüler ist Daniel Pfister, 19, seit drei Jahren nebenberuflich Organist in Ernetschwil, seit zwei Jahren auch in Gommiswald und Rieden. Auf die Orgel stiess er gegen Ende der Sekundarschulzeit – als Klavierschüler. «Ich wusste, dass ich ab einem gewissen Level aktiv während Gottesdiensten musizieren würde und so am Ball bleiben könnte», sagt der gelernte Kaufmann. Im Unterricht lernt er unter anderem Theorie: Musikkunde, Begleitmuster, Registration. Routine hat er sich in der Praxis erworben; doch an die zitternden Hände beim ersten Einsatz erinnert er sich noch gut.

Inzwischen hat er ein Gespür für das rechte Tempo entwickelt und wählt gern auch Popballaden als Instrumentalstücke. «Die Orgel ist für mich absolut cool», sagt er; begeistert ist Daniel Pfister vor allem von der Art zu musizieren, von der Eigenheit jedes einzelnen Instruments. Als Organist ist er mehr als ein Pausenfüller. Die Kunst liegt darin, Seelen in Schwingung zu bringen.

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