Wenn das Herz streikt

Das Herzinfarkt-Risiko ist in der Ostschweiz grösser – aber nicht im Spital.

Bruno Knellwolf
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Human heart - cardiology health care illustration (Bild: Mopic (67187537))

Human heart - cardiology health care illustration (Bild: Mopic (67187537))

Ostschweizer haben ein grösseres Herzinfarkt-Risiko. Das zumindest sagt eine Statistik des Gesundheitsobservatoriums Obsan: In Appenzell Ausserrhoden und St. Gallen ist das Risiko mehr als doppelt so hoch wie in Genf oder Freiburg. In Appenzell Ausserrhoden betrug die Herzinfarkt-Sterbeziffer im Jahr 2013 46 Personen pro 100 000 Einwohner, knapp dahinter folgte St. Gallen mit 43 Todesfällen. In Genf waren es dagegen nur 21, im Schweizer Durchschnitt 29.

Eine Statistik, die nicht nur Ostschweizer Ärzte aufhorchen lässt. Seit 18 Jahren werden im Kantonsspital St. Gallen und in rund achtzig anderen Schweizer Spitälern für ein Herzinfarkt-Register Daten von Herzinfarkt-Patienten gespeichert, soeben ist der 50 000 Patient erfasst worden.«Besteht ein Verdacht auf Herzinfarkt, werden bei der Einvernahme 288 Parameter aufgezeichnet», sagt Hans Rickli, Chefarzt Kardiologie am Kantonsspital St. Gallen.

Kein Spitalproblem

Eine exakte Antwort auf diese für die Ostschweiz bedenklichen Zahlen hat Rickli trotz dieses umfassenden und informativen Herzinfarkt-Registers nicht. Die Daten aus den achtzig Spitälern zeigten aber, dass das Kantonsspital St. Gallen, was die Sterblichkeit von Herzinfarkt-Patienten betrifft, besser dastehe als der Schweizer Durchschnitt. In St. Gallen werden 500 bis 600 Patienten pro Jahr eingeliefert, die Sterblichkeit im Spital liegt bei drei bis fünf Prozent. «In der ganzen Schweiz ist die Sterblichkeit in den letzten zwanzig Jahren von 12 auf 6 Prozent gesunken», sagt Rickli.

Weniger Arztbesuche

Diese für St. Gallen positiven Zahlen aus dem Register zeigten, dass Ostschweizer Herzinfarkt-Patienten nicht schlechter behandelt würden als in der übrigen Schweiz. Trotzdem sterben im Osten mehr Menschen am Infarkt. «Ostschweizer gehen weniger zum Arzt. Das wird als möglicher Grund genannt. Deshalb wäre es sicher sinnvoll, nicht nur wegen der Krebsvorsorge zum Arzt zu gehen, sondern auch um das Risiko auf eine Herz-Kreislauf-Erkrankung untersuchen zu lassen», sagt Rickli.

Ungesundes Leben?

Eine schlüssige Antwort auf die hohe Sterbe-Quote hat niemand. In verschiedenen Schweizer Sonntagszeitungen wurde vermutet, dass die Genfer gesünder leben als die Ostschweizer. Genfer lassen demnach häufiger ihren Cholesterinspiegel oder Blutdruck messen als Bewohner anderer Kantone. Genf zugute kommt zudem das schnelle Rettungswesen. Ein Patient ist im kleinräumigen Gebiet sehr schnell im Spital. In weniger urbanen Gebieten kann die Rettung länger dauern. Die möglichst schnelle Behandlung eines Patienten ist aber entscheidend im Kampf um Leben und Tod. Nach Rickli dauert es im Durchschnitt 160 Minuten vom Erkennen des Symptoms bis zur Behandlung (siehe Interview).

Ist der Herzinfarkt-Patient im Spital angekommen, sind seine Chancen in den vergangenen Jahren deutlich besser geworden,wie das Schweizerische Herzinfarkt-Register der ärztlichen Fachgesellschaften zeigt. «Die Behandlung hat sich in den letzten zwanzig Jahren grundlegend verändert», sagt Rickli. «In den 90ern hat man das Blut des Herzinfarktpatienten immer stark verdünnt», sagt Rickli. Thrombolyse heisst diese Therapie.

Das hat Sinn gemacht, weil sich beim Herzinfarkt ein Gefäss im Herz aufgrund eines Gerinnsels schliesst. Eine Herzregion wird nicht durchblutet und erhält damit keinen Sauerstoff mehr. Damit verliert es die Fähigkeit, sich zusammenzuziehen und Blut zu pumpen. Herzinfarkt-Patienten haben deshalb über die Vene ein blutverdünnendes Mittel erhalten. «Allerdings mit einem erhöhten Risiko einer Hirnblutung», erklärt der Chef-Kardiologe.

«Heutzutage geht der Kardiologe beim akuten Infarkt mit einem Katheter ins Herz, saugt das Gerinnsel ab und setzt einen Stent ein», erklärt Rickli. Perkutane Koronarintervention PCI wird dieses Verfahren genannt, das wie die Herzinfarkt-Daten des Registers zeigen, das Hirnblutungs-Risiko deutlich gesenkt hat.

Mehr Frühbehandlung

Dass die Sterblichkeit nach einem Herzinfarkt in der Schweiz generell gesunken ist, hat nicht nur mit verbesserten Therapien zu tun, sondern auch mit der Frühbehandlung von Menschen aus Risikogruppen. Das Register erlaube auch einen länderspezifischen Vergleich, sagt Rickli. «Die Spital-Infarkt-Rate in der Schweiz gehört zu den tiefsten weltweit.» Auch aus den Daten gelesen werden kann, dass die Verweildauer im Spital seit der Gründung des Registers 1997 von elf auf fünf Tage reduziert werden konnte.

Mag manch einer an Statistiken zweifeln. In der Medizin sind sie überlebenswichtig. Ohneden Vergleich von statistischen Daten gäbe es kaum sichere Medikamente, weil deren Wirkung in klinischen Studien erst statistisch analysiert und nachgewiesen werden muss. Statistische Regeln sind in der Wissenschaft ausschlaggebend, weil sie den Unterschied zum Einzelfall oder Zufall zeigen.

Hans Rickli Chefarzt Klinik für Kardiologie am Kantonsspital St. Gallen (Bild: pd)

Hans Rickli Chefarzt Klinik für Kardiologie am Kantonsspital St. Gallen (Bild: pd)