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WELTREISE: «Wir zogen los, die Weite zu suchen»

In drei Jahren auf drei Kontinenten erlebt man viel. Und weiss hinterher, wie die Menschen dort leben, wo die meisten Fussbälle produziert werden oder wo die Globalisierung noch aussen vor ist. Ein Gespräch über Pakistan, die Mongolei und einiges mehr.
Susanne Holz
In der Weite der Mongolei lädt man Gwen und Patrick ein, in der Jurte zu übernachten. (Bild: Allgaier/Weisser (Mongolei, Juni 2014))

In der Weite der Mongolei lädt man Gwen und Patrick ein, in der Jurte zu übernachten. (Bild: Allgaier/Weisser (Mongolei, Juni 2014))

Interview: Susanne Holz

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Gwendolin Weisser (25) und Patrick Allgaier (34) zogen im Frühling 2013 von Deutschland nach Osten los, um dreieinhalb Jahre und 97 000 Kilometer später zu dritt (mit Baby Bruno) aus dem Westen wieder nach Hause zu kehren. Sie haben die Welt ohne zu fliegen und mit kleinem Budget erkundet – zu Fuss, als Tramper, per VW-Bus und Schiff. Über die Reise gibt es inzwischen ein Buch (shop.weitumdiewelt.de) und einen Film (ab 1. März in den Schweizer Kinos). Eine Multimediashow führt das Paar aktuell in die Schweiz (siehe Box Seite 21).

Gwen Weisser und Patrick Allgaier, am Ende Ihrer langen Reise stellten Sie fest: Es lohnt, zu vertrauen. Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Beide: Weil wir überall auf der Welt gute Menschen getroffen haben. Egal wo. Wir sassen in 667 Autos, haben 38 Länder besucht und wurden nicht wirklich enttäuscht. Klar gab es auch mal Momente, in denen wir uns unwohl gefühlt haben, die sicherlich brenzliger hätten enden können, aber da sind wir immer wieder gut rausgekommen. Diese unangenehmen Situationen stehen in keiner Relation zu den überwiegend positiven Begegnungen dieser Reise.

Wer von Ihnen hatte die Idee zur Reise und wieso?

Patrick Allgaier: Wir sind beide schon viel gereist. Hatten unabhängig voneinander die Idee, irgendwann einmal auf unbestimmte Zeit loszuziehen. Traf ich auf kürzeren Reisen andere Reisende, die schon ein paar Jahre unterwegs waren, habe ich diese immer bewundert. Gwen wollte nach ihrem Abitur losziehen, eigentlich alleine. Dann haben wir uns kennen gelernt und uns entschlossen, zusammen loszuziehen.

War von Beginn an klar, über die Reise zu berichten?

Gwen Weisser: Patrick war freiberuflicher Kameramann, ich selbst schon viel in Filmgruppen aktiv. So stand fest, eine Kamera mit auf die Reise zu nehmen. Die Kamera sollte unsere Art der Verarbeitung und Reflexion werden. Eigentlich wollten wir nur für uns, für Freunde, Familie und für kleine Kulturprojekte einen Film machen, doch dann kam das anders ... Unser Film «Weit. Die Geschichte von einem Weg um die Welt» wurde zum erfolgreichsten Dokumentarfilm 2017 in Deutschland. Doch wir haben nichts inszeniert und sind nirgendwo hingefahren, nur um schöne Bilder zu machen. Es gab kein Drehbuch.

Standen Route und Reisedauer fest?

Patrick Allgaier: Die Reisedauer war bewusst offen. Wir sahen die Reise als Lebensabschnitt, in dem wir unterwegs sind. Wann dieser zu Ende gehen sollte, wollten wir nicht planen. Das «Was kommt nach der Reise» hat uns die ersten Jahre nicht wirklich interessiert. Was die Route betrifft, so haben wir uns Länder auf der ganzen Welt ausgesucht, die wir gerne besuchen wollten.

Das Budget war bewusst sehr klein?

Wir wollten unbedingt nur über Land und Wasser reisen. Konsequent. Gleich zu Beginn fiel der Satz: «Bevor wir fliegen, drehen wir lieber wieder um.» Das Jahr vor der Abreise arbeiteten wir alles Mögliche, um Geld zu sparen. Letztendlich kamen rund 25 000 Euro zusammen. Diese haben wir dann auch komplett gebraucht in fast 3,5 Jahren. 5 Euro am Tag pro Person war ein Richtwert, wir wollten uns bewusst aufs Wesentliche konzentrieren.

Wurde die Möglichkeit, unterwegs Nachwuchs zu bekommen, mit eingeplant?

Gwen Weisser: Sie wurde weder geplant noch kategorisch ausgeschlossen.

Was war an Vorbereitungen nötig?

Wir hatten ein paar Visa für die ersten Monate im Gepäck, ein paar Impfungen, und dann – mit der Erfahrung von vorherigen Reisen – das Nötigste mit dabei: Rucksack, Zelt, Isomatte, gute Schuhe, Schlafsack, Kamera ...

Dann gings los – und gleich in Georgien blieben Sie länger als geplant?

In Georgien hat vieles zu uns gepasst. Essen, Musik, die wilde Natur des Kaukasus. Das kleine Land hat viel zu bieten. Wir waren eigentlich überall länger als geplant, oder besser gesagt, wir haben das Planen irgendwann aufgegeben. Wo wir wirklich lange geblieben sind: Georgien, Iran, Pakistan, Sibirien, Mexiko.

Sie sprechen Russisch, Gwen?

Ich habe Russisch in der Waldorfschule gelernt. Nicht perfekt, aber es hat gereicht, um sich zu verständigen, um in die Kulturen eintauchen zu können.

War das Filmen ein Problem?

Patrick Allgaier: Kaum. Wir haben nur dann gefilmt, wenn es für alle gepasst hat. Oft hatten wir auch einfach keine Lust oder wollten die Leute nicht verunsichern. Ich bin froh, dass wir nicht mehr gefilmt haben, es war am Ende schon schwierig genug, 3,5 Jahre auf 2 Stunden kürzen zu müssen.

Sind die Menschen überall gleich oder doch verschieden?

Natürlich sind die Menschen überall verschieden, weil sie sehr verschiedene Lebensumstände haben. Es macht einen Unterschied, ob man in Tokio oder in Tadschikistan aufwächst. Aber wir durften auch spüren, dass uns alle etwas verbindet. Ähnliche Bedürfnisse. Bedürfnisse nach einem friedlichen Leben, nach Harmonie, nach Familie und Freunden. Das Gefühl für Heimat, für einen selbstverständlichen Alltag, scheint doch in Tokio, Tadschikistan und bei uns zu Hause sehr ähnlich.

Im Iran arbeiteten Sie in einer Familie mit – wie eroberten Sie das Herz der Mutter, die erst reserviert war?

Majjid, der Sohn der Familie, hatte seiner Mutter versprochen, die nächsten Wochen niemanden mehr einzuladen. Dann hat er plötzlich uns mitgebracht. Das fand seine Mutter gar nicht witzig. Aber nach ein paar Tagen war das Eis gebrochen, Gwen fast wie eine Tochter für Majjids Mama. Es war ein toller Einblick in einen ganz «normalen» Alltag vor Ort. Wir waren immer offen und interessiert. Das scheint vielen Leuten gefallen zu haben. Gwen hat mal gesagt: «Geht man einen Schritt auf das Fremde zu, ist es schon gar nicht mehr so fremd.» Auch Majjids Mama fand uns spätestens nach ein paar Tagen nicht mehr fremd.

Und das gefährliche Pakistan?

In Belutschistan (Provinz) durften und wollten wir nicht trampen. Neutrale Spezialisten, die «Lewies», die weder den Taliban noch der pakistanischen Regierung angehören, haben uns über 1000 km durch die Provinz eskortiert. Wie alle Ausländer, die durch die Region reisen wollen. Das Taxi haben wir bezahlt, die Eskorte mussten wir nicht bezahlen.

Indien wenig später hatten Sie sich dann anders vorgestellt?

Gwen Weisser: Indien war toll. Keine Frage. Es gab unglaublich viel zu sehen. Ein Rausch für die Sinne. Nur hat Indien nicht ganz zu unserem Reisestil gepasst. Bisher hatten sich Trubel und Weite angenehm abgewechselt. Wann immer es uns zu viel war, haben wir uns in der Weite ein ruhiges Plätzchen gesucht. Das hat uns Kraft gegeben. In Indien hat die Komponente der Weite gefehlt. Nach ein paar Wochen waren wir voll mit Eindrücken und müde. Wir haben nur eine Nacht in 10 Wochen im Zelt geschlafen. Das Unterwegssein in Indien kostet sehr viel Kraft. Auch hatten wir dort oft das Gefühl, dass die Menschen nicht nachvollziehen können, warum wir nicht den günstigen Zug oder Bus nehmen.

In Nepal trafen Sie auf Träger, die Kühlschränke auf ihrem Rücken transportierten – machen solche Eindrücke demütig?

Patrick Allgaier: Wir sind nicht losgereist, um Dinge zu bewerten, sondern um sie erst mal zu beobachten, zu erkennen. Es ist schwierig, das Leben eines Porters in Nepal mit unserem Leben zu vergleichen. Jeder lebt in einer gewissen Selbstverständlichkeit in seinem Alltag und hält diesen für den Mittelpunkt der Welt. Reisen hat uns gelehrt, über unseren eigenen Tellerrand hinauszuschauen, zu sehen, dass die Welt weit vielfältiger ist als der Kosmos des eigenen Alltags. Diese Transparenz ist nur fair und bringt hoffentlich mehr Menschlichkeit. Wirtschaftlich ist die Welt nämlich schon sehr vernetzt. Das Handy aus China, die Rohstoffe dafür aus Afrika, die Kleider aus Pakistan, Essen aus Mittel- und Südamerika. Das alles sind Selbstverständlichkeiten geworden. Wie die Menschen in diesen (Produktions-)Ländern wie Pakistan oder Nepal leben, wird oft ausgeblendet. Das ist schade. Wüsste man mehr voneinander, wäre die Welt sicherlich friedlicher und fairer. Uns haben viele Begegnungen sehr bewegt. Wir wollen den Erfolg, den wir nun haben, mit diesen Menschen teilen. Und haben schon Geld nach Sibirien, Mexiko, Tadschikistan und in den Iran geschickt.

Ihr Film zeigt viele entspannte Menschen im Osten. Ist der Osten zufriedener als der Westen?

Glücklicher, unglücklicher, schöner, schlimmer, besser, schlechter. Wir haben auf dieser Reise gelernt, weniger vergleichen zu wollen. Es ist schwierig, den «Westen» und Länder wie Pakistan gegeneinander abzuwägen, gar das Glück der Menschen messen zu wollen. Aber wir durften erfahren, wie ausgeglichen und offen die Menschen in Pakistan auf uns zugekommen sind. Sie haben uns immer wieder mit nach Hause genommen, uns als Fremde geschätzt und respektiert. Das fand ich bewundernswert. Menschen, die selbst wenig haben, waren selbstverständlich bereit zu teilen.

Im Film erwähnen Sie, dass 75 Pro­- zent aller Fussbälle in Pakistan produziert werden. Wieso dort?

Es geht uns nicht darum, dass in Pakistan 75 Prozent aller Fussbälle produziert werden, es geht uns darum, dass das kaum jemand weiss. Der Fussball im Regal des Sportgeschäfts hat keine Geschichte. Das ist nicht fair. Wirtschaftlich funktioniert Globalisierung bestens, menschlich scheinbar nicht. Jemand aus dem Westen schafft es, den Fussball von jemandem aus Pakistan produzieren zu lassen, aber der Fussball kommt ohne Einblick ins Leben der Menschen dort nach Europa. Möchten wir die Welt globaler machen, unsere Supermärkte mit Gütern aus aller Herren Länder füllen, soll das transparent und fair passieren.

In den Jurten der Mongolei war die Globalisierung kein Thema ...

Faszinierend. Die Nomaden in der Mongolei sagen: «Wer viel hat, hat auch viel Gepäck.» In der Jurte sieht man: Sind die Besitzgüter auf das Wesentliche reduziert, bringt das eine wunderbare Übersichtlichkeit mit sich. Was nicht wirklich gebraucht wird, besitzen die Nomaden erst gar nicht.

Und schon gar keine Flugtickets ... Die grossen Weltmeere Pazifik und Atlantik überquerten Sie mit dem Schiff. Schöne Überfahrten?

Wichtige Überfahrten. Wir zogen los, zu sehen, wie gross die Welt ist. Überquert man den Pazifik in 10 Stunden per Flieger, fehlt das Gefühl der Weite der Welt. Immerhin ist der Pazifik grösser als alle Landmassen der Erde zusammen.

Vom Schwarzwald nach Japan haben Sie zwei Jahre gebraucht. Wie fühlten Sie sich nach diesen 24 Monaten?

Normal. Das Leben unterwegs war uns schon nach einigen Monaten viel näher als der Alltag vor der Reise. Ist man lange unterwegs, wird das Reisen zum gegenwärtigen Lebensmittelpunkt. Und wirkt von aussen oft viel extremer, als es wirklich ist.

Wieso haben Sie sich für die Geburt von Bruno Mexiko ausgesucht?

Gwen Weisser: Unser Bauchgefühl hat sich sofort für Mexiko entschieden. Das Klima, die Visa-Situation, die geringen Unterhaltskosten. Und wir haben es nicht bereut. Sind letztendlich fast ein ganzes Jahr dort geblieben und haben nun einen Mexikaner zu Hause.

Mit dem Baby ging die Reise im eigenen VW-Bus weiter – und plötzlich nahmen Sie Tramper mit!

Das war uns eine grosse Freude, nun endlich auch mal «Gastgeber» sein zu können. Ein wenig von dem zurückzugeben, was uns so viele Menschen zuvor Gutes getan haben. Das Schöne am Trampen ist, dass man sich austauscht.

Sehr getroffen hat es Sie, als der Bus kaputt ging. Wieso ging das so tief?

Das war einer der schwierigsten Momente, weil wir plötzlich auf etwas angewiesen waren. Als der Bus nicht mehr ging, sassen wir fest. Das gab es in den Jahren davor nicht. Da waren wir unabhängiger und flexibler. Jetzt als Familie ging es nicht mehr ohne bewohnbares Auto. Als der VW-Bus streikte, drohte die Reise zu enden, weil wir nicht Kraft und Geld gehabt hätten, einen neuen zu kaufen.

In Mittelamerika brachten Sie auch Skorpione in Bedrängnis ...

Aus der Sicht des Mitteleuropäers wa- ren sie Furcht einflössend. Aus der Sicht des Reisenden, der bereits eineinhalb Jahre in Mittelamerika gelebt hat, nicht. Was man nicht kennt, wirkt oft gefährlicher, als es ist. Die Menschen in Mittelamerika sind vielerorts fast tagtäglich mit Skorpionen konfrontiert und können damit umgehen. Das haben wir uns über die Monate hinweg abschauen können. In Mexiko erzählte uns mal jemand, dass er in Europa wahnsinnig Angst vor Zecken hätte.

Wie war zuletzt die lange Wanderung durch Spanien und Frankreich, mit Bruno auf dem Rücken?

Patrick Allgaier: Wir sind 1200 Kilometer und 3 Monate unterwegs gewesen. Es war eine der schönsten Passagen der Reise. Wir waren draussen in der Natur, haben Tiere beobachtet. Wir sind nie mehr als 4 Stunden am Tag gewandert, um Bruno nicht zu lange in der Kraxe zu haben. Abends haben wir Feuer gemacht und in den Feldern und im Wald geschlafen.

Zum Schluss: Wie bunt ist die Welt?

Die Welt ist sehr bunt, und vielfältiger, als wir das vorher erahnen konnten.

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