WELTKRIEG: Stumme Zeitzeugin

Ein Rorschacher Arzt erzählt die Geschichte seines Grossvaters und einer Schildkröte, die er aus den Kriegswirren gerettet hat – und die heute noch lebt.

Bruno Knellwolf
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Hans Sturm im Oktober 1987 in Memmingen. (Bild: PD)

Hans Sturm im Oktober 1987 in Memmingen. (Bild: PD)

Bruno Knellwolf

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@tagblatt.ch

117 Jahre. So alt ist die zur Zeit älteste Frau der Welt, deren Geburtstag vor gut zwei Wochen am Ufer des Lago Maggiore gefeiert worden ist. Die Bilder von Emma Moranos Geburtstagsfeier, der «letzten Frau aus dem 19. Jahrhundert», gingen um die Welt. So alt wie die Italienerin ist auch die Schildkröte «Schildi». Und wie Emma Morano hätte auch sie viel zu erzählen, doch wird man aus ihr weiterhin kein Wort herausholen. Trotzdem ist Schildi ein Zeitzeuge, denn ihre Geschichte ist auch jene der Familie Sturm und insbesondere jene von Hans Sturm, wie uns sein Enkel, der Rorschacher Arzt Ulrich Sturm erzählt.

Im Jahr 1941 dient Hans Sturm in der deutschen Wehrmacht in Griechenland. Und auch die etwa 40-jährige Schildkröte Schildi steckt mitten im Krieg. Viele ihrer Artgenossen werden auf der Strasse von Panzern überrollt. Nach dem Winterschlaf in den Erdhöhlen im Epirusgebiet ist Schildi hungrig und macht sich im April auf Nahrungssuche. Doch plötzlich steht die griechische Schildkröte vor deutschen Soldaten, die dort ihre Zelte aufgeschlagen haben. Die Uniformierten haben das Rascheln im Gestrüpp, das Schildi und ihre Freunde ausgelöst haben, für feindliche Geräusche gehalten.

Feindbegegnung endet in einem Sack

Die «Feindbegegnung» endet für Schildi vorerst in einem Sack und später in einer Kiste im Zeltlager. Dort kümmert sich Hans Sturm, der in einer Sanitätsabteilung eingeteilt ist, um die Schildkröte. Nach einem halben Jahr entschliesst er sich, Schildi aus dem Kriegsgebiet zu evakuieren und nach Deutschland zu schicken. Der Sanitätsunteroffizier nutzt einen Heimaturlaub und einen Kriegsverletzten-Transport, packt Schildi in eine Kiste und nach einer unbequemen dreitägigen Reise wird sie in Memmingen ins Freie gelassen.

Hans Sturm muss nach einigen Tagen wieder zurück in den Krieg, erst nach Griechenland, später wird er in die Ukraine verlegt. Bis zum Ende des grauenvollen Krieges 1945 wird er Schildi nur noch einmal sehen. Im Oktober 1943 wird Sturm in den Bauch geschossen. «Wegen dieser Bauchverletzung musste mein Grossvater nicht mehr an die Front in Russland und somit nicht nach Stalingrad», erzählt Ulrich Sturm. Dort erlebt die deutsche Wehrmacht 1943 ihre grösste Niederlage.

Schildi spielt mit den amerikanischen Soldaten

Nach dem Krieg wird Schildi von US-Soldaten gestreichelt, die in Sturms Haus einquartiert werden. Der Bankfachmann Sturm war nicht nur Soldat, sondern auch Mitglied der NSDAP. Deshalb wird er in ein Entnazifizierungslager gesteckt. «Darüber hat mein Grossvater sehr offen gesprochen», sagt der Rorschacher Ulrich Sturm.

Offen erzählt Hans Sturm auch in seinem autobiografischen Buch «Für bessere Zeiten», das im Jahr 1997 zu seinem 95. Geburtstag verlegt worden ist, über die Zeiten des Nationalsozialismus. Er schreibt von der Verelendung der Volksmassen in den 1930er-Jahren. Sturm hat wie viele andere alles verloren, was es den Agitatoren der Nazis leicht macht, das Volk aufzuhetzen. Trotz seiner Skepsis gegenüber der Propaganda glaubt er doch, «dass die Ziele der NSDAP abgebremst werden könnten, wenn zahlreich bürgerlich gesinnte Männer durch ihren Beitritt entsprechenden Einfluss gewinnen würden», wie er in seinen Lebenserinnerungen schreibt.

Seinen jüdischen Chefs der Firma Günzburger rät er, ins Ausland zu fliehen. Einer davon ist Hugo Günzburger, der im 1. Weltkrieg als deutscher Leutnant noch die bayerische Tapferkeitsmedaille erhalten hat. Die Brüder Günzburger schicken ihre Kinder ins Ausland, werden selbst aber bald in «Schutzhaft» genommen. Sturm ist bei den grossen Massenaufmärschen 1936 am Nürnberger Parteitag dabei, erlebt die «hervorragende Organisation», ist aber abgestossen vom Fanatismus und Führerkult. «Wahrhaftig, grosse Teile der Bevölkerung waren einem schrecklichen Irrtum verfallen», schreibt Sturm. Doch jeder, «der sich kritisch oder ablehnend äusserte, wurde zum Staatsfeind erklärt.» Eben erst als Bevollmächtigter bei der Volksbank Memmingen angestellt, distanziert er sich trotz des wachsenden «unangenehmen Gefühls» nicht von der Partei. «Der Traum aber, die Masse der Gutgläubigen könnte das Regime in vernünftige Bahnen lenken, erwies sich als Illusion.»

Hilfe der jüdischen Zeugen

Im Entnazifizierungsverfahren setzten sich Günzburger und ein anderer jüdischer Zeuge für Hans Sturm ein. «Somit erhielt er einen Persil-Schein», sagt sein Enkel. Und Hans Sturm war bald in Freiheit und konnte ein neues Leben beginnen.

Einen anderen Weg hatte der andere Grossvater des Rorschacher Arztes eingeschlagen. «Dieser war klar gegen die Nazis, was ihn aber schnell seine Arbeit in der höheren Finanzverwaltung in München kostete», erzählt Ulrich Sturm. Davon profitierte er nach dem Krieg, denn Männer ohne NS-Vergangenheit waren gesucht. Schnell wurde Sturms Grossvater mütterlicherseits ­deshalb Bürgermeister in Niederbayern.

Auch für Hans Sturm ging es nach dem Zweiten Weltkrieg stetig aufwärts. Er arbeitete wieder auf der Bank und wurde CSU-Stadtrat in Memmingen. Gerne reiste er in die Schweiz, wohin seine beiden Söhne gezogen waren. «Die Schweiz war für ihn das heile Land», sagt Ulrich Sturm. Hans Sturm verstarb im Jahr 2000 im Alter von 98 Jahren. Und Schildi, die zwischendurch mal in Basel gelebt hat, freut sich weiterhin ihrer Tage bei Hans Sturms Tochter in Memmingen.

Die etwa 120 Jahre alte griechische Landschildkröte Schildi im Garten in Memmingen. (Bild: Hans Sturm)

Die etwa 120 Jahre alte griechische Landschildkröte Schildi im Garten in Memmingen. (Bild: Hans Sturm)