Wegschauen Die Macht der Masse

Interessant sind die Gründe, weshalb auch Menschen, die sich selber als mutig beschreiben würden, in gewissen Situationen lieber wegschauen. Forscher der Sozialpsychologie nennen vier Gründe dafür.

Odilia Hiller
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Interessant sind die Gründe, weshalb auch Menschen, die sich selber als mutig beschreiben würden, in gewissen Situationen lieber wegschauen. Forscher der Sozialpsychologie nennen vier Gründe dafür.

1. Pluralistische Ignoranz

Der Begriff bezeichnet das Phänomen, das Verhalten einer Gruppe von Menschen, zu der man stösst, als begründet anzusehen. Unabhängig davon, wie man den Sachverhalt selber einschätzt, hat eine Einzelperson die Tendenz, der Mehrheit recht zu geben. Im Extremfall kann es also sein, dass 20 Personen am Strand einem Ertrinkenden zuschauen, weil jeder glaubt, alle anderen hätten einen Grund, nicht einzugreifen. Gemäss Broschüre der Schweizerischen Kriminalprävention (SKP) hat die Forschung festgestellt, dass allein die Anwesenheit mehrerer Zuschauer die Wahrscheinlichkeit von Hilfeleistungen in einer Notsituation erheblich senken kann.

2. Verantwortungsdiffusion

Wird man Teil einer Menschenmenge, tendiert man dazu, die Verantwortung für das eigene Handeln als schwächer zu empfinden. Man überträgt sie gewissermassen auf alle anderen. Es wird dann gemacht, was alle machen – auch wenn niemand etwas tut. So kann aus dem Hingucken ein allgemeines Gaffen werden. Es kommt gar nicht mehr zum Eingreifen.

3. Angst vor der Blamage

Der Schritt eines Einzelnen aus der Masse erscheint vielen Menschen wie der Schritt auf eine Bühne – den sie um jeden Preis vermeiden möchten. Viele haben Angst davor, sich zu exponieren oder aufzufallen, und ziehen es vor, im Hintergrund zu bleiben. Zu gross ist die Angst, sich selber zur Zielscheibe von Hohn und Spott zu machen. Helfen kann hier, sich zu vergegenwärtigen, was man von den Umstehenden brauchen würde, wenn man selber in der Position des Opfers wäre.

4. Angst um Leib und Leben

Vor allem bei Prügeleien oder Pöbeleien mit offensichtlich gewaltbereiten Teilnehmern gehen viele Menschen auch deshalb nicht dazwischen, weil sie Angst haben, schreibt die SKP. Die Furcht, selber zum Opfer körperlicher Gewalt zu werden, ist zu gross. Man sucht lieber das Weite. Deshalb ist es wichtig zu wissen, dass es besser ist, einmal zu viel statt einmal zu wenig die Polizei zu rufen.

Solche Ängste und Mechanismen müssen überwunden werden, damit Zivilcourage überhaupt stattfinden kann. Je mehr Personen bereit sind, zu helfen, desto schwieriger wird es für die anderen, nichts zu tun. Der Effekt der Gruppe spielt also auch im umgekehrten, positiven Sinn.

www.skppsc.ch