Wegen der Kälte fürs Leben gezeichnet

Der Wintereinbruch mitten im Frühling ist immer noch sichtbar. Und zwar auf Äpfeln, die vor den bitterkalten Frostnächten aus der Blüte zum Fruchtknoten gewachsen sind.

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Äpfel mit verkorkten Frostgürteln nach dem Kälteeinbruch Ende April. (Bild: Ralph Ribi)

Äpfel mit verkorkten Frostgürteln nach dem Kälteeinbruch Ende April. (Bild: Ralph Ribi)

Äpfel, die Ringe tragen. Ein seltenes Phänomen, welches wir diesem Wintereinbruch Ende ­April mit den ausserordentlichen Nachtfrösten verdanken, wie Hanspeter Schumacher, Leiter des Botanischen Gartens St. Gallen, erklärt. Der Apfel, soeben von der bestäubten Blüte zum Fruchtknoten gewachsen, ist von der Kälte erwischt worden. Diese verletzte das Gewebe stark. Es konnte sich aber wieder regenerieren und bildete dabei «einen verkorkten Frostgürtel» als Folge der Spätfröste. So wie sich auch auf unserer menschlichen Haut eine Wunde wieder schliesst, so auch beim Apfel, allerdings mit gut sichtbarer ringförmiger Narbe, die mit der Frucht wächst.

«Dem Apfel geht es nicht darum, ein wunderbares, schön anzusehendes Fruchtgewebe zu bilden. Ihm geht es um den Samen, die Kerne», sagt Schumacher. Die Kerne blieben von der Kälte verschont und können sich nun über den Magen von Vögeln und anderen Tieren weiterverbreiten. Deshalb sind Apfelkerne Darmwanderer. Die beringten Äpfel kommen somit ihrem natürlichen Auftrag weiterhin nach. Der Obstbauer hat für die Kunst der Natur weniger Verständnis.

Bruno Knellwolf