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Was sind uns unsere Kleider wert?

Immer mehr, immer trendiger, immer billiger. Unser Modekonsum ist ethisch und ökologisch längst nicht mehr vertretbar und trotzdem gibt es kaum Alternativen. Ausser: Weniger kaufen.
Katja Fischer De Santi
Der Zyklus der modernen Modeindustrie: Frauen in einem Recyclingcenter in Delhi sortieren Altkleider aus dem Westen, nicht wenige davon wurden einst in Indien billig produziert. (Bild: Tim Mitchell (Indien, 2005 ))

Der Zyklus der modernen Modeindustrie: Frauen in einem Recyclingcenter in Delhi sortieren Altkleider aus dem Westen, nicht wenige davon wurden einst in Indien billig produziert. (Bild: Tim Mitchell (Indien, 2005 ))

Die Bluse ist schön; aus gemustertem, glänzendem Stoff, kleine Rüschen am Kragen. Der Preis dafür 12.90 Franken. Ein Schnäppchen, da liegt das rote Modell auch noch drin. Zu Hause im Schrank geht die rote Bluse vergessen, die gemusterte wandert nach viermaligem Tragen in den Altkleidersack.

«Kleider haben heute keinen Wert mehr. Sie sind zur Wegwerfware verkommen», sagt Claudia Banz. Die Kuratorin des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg hat für die nun in St.Gallen gezeigte Ausstellung über die Billig-Modeindustrie intensiv recherchiert. Ihr Fazit: Obwohl gepflückt, gewebt, gefärbt, bedruckt, behandelt, genäht und transportiert, koste eine Bluse heute gleich viel wie eine Pizza. «Das macht mich wütend und traurig», erzählt sie kurz vor der Öffnung im Textilmuseum.

«Fast Fashion» heisst die Ausstellung. Der Begriff bezeichnet eine Unternehmensstrategie, deren Ziel es ist, in hoher Frequenz neue Mode in die Geschäfte zu bringen. Bei grossen Billiganbietern wie H&M und Zara vergehen zwischen Design und fertigem Produkt zum Teil weniger als zwei Wochen. Ständig wird neue Ware geliefert, um die Nachfrage aufrechtzuerhalten.

Das Resultat: Schlechte Arbeitsbedingungen und ständige Überstunden für die Arbeiterinnen und Arbeiter in China, aber auch der Ukraine oder Bulgarien – während bei uns die Kleiderschränke überlaufen. Laut Erhebungen des Dachverbands Fairwertung kaufen Europäer im Jahr 2o Kilo neue Kleider. Davon werde rund die Hälfte nie oder selten getragen.

Schade ums Geld, aber gut für die Wirtschaft? «Nicht ganz», sagt Christa Luginbühl, Textilexpertin bei der Organisation Public Eye, «je mehr Kleidung hergestellt wird, desto grösser wird auch die Belastung für die Umwelt.» Bei der Kleiderproduktion werden Hunderte teils giftige Chemikalien eingesetzt. Das Resultat: Pinkfarbene Flüsse in Indien, vergiftetes Trinkwasser in China, türkische Arbeiter, die an ihren Staublungen sterben, weil sie ungeschützt Jeans mit Sand bestrahlen mussten – für den angesagten Vintage-Look.

Ein hoher Preis ist kein Garant für Fairness

Kleider sind unsere zweite Haut. Und doch interessiert es uns wenig, woher die Bluse für 12.90 kommt. Auch beim Mantel für 600 Franken wird selten aufs Etikett geschaut. Würde auch nichts nützen. «Ein hoher Preis macht ein Kleidungsstück exklusiv, aber noch lange nicht fair», stellt Christa Luginbühl klar. Designer seien, was die Arbeitsbedingungen an ihren Produktionsstandorten angeht, bislang unter dem öffentlichen Radar geflogen. Vereinzelt gebe es erste Ansätze, aber leider werde damit des Öfteren «Greenwashing» betrieben. Etwa, wenn grosse Firmen eigene Nachhaltigkeitskollektionen lancieren, die sich an schwammigen Kriterien orientieren oder sich unabhängigen Kontrollen entziehen. So arbeite H&M akribisch daran, sich als verantwortungsbewusstes Unternehmen dazustellen, ohne dabei seine Geschäftspraktiken grundlegend zu verändern, heisst es auf der Webseite der Clean-Clothes-Campaign.

Wer nach den «guten» Labels und «fairen» Marken fragt, erntet jedoch überall Kopfschütteln. Die grosse Modefirma, welche sowohl alle ökologischen wie auch sozialen Standards berücksichtigt, gibt es (noch) nicht. «Wir müssen uns damit begnügen, wenigstens jene zu unterstützen, die sich ernsthaft engagieren», sagt Christa Luginbühl.

Ein Grund für die Intransparenz sind die unübersichtlichen Produktionsketten. Jeder Arbeitsschritt wird von einem anderen Unternehmen, in einem anderen Land getätigt. Die Modeindustrie sei ein Dschungel voller Missstände und Verflechtungen, sagt Kuratorin Claudia Banz. Die Produzenten als Sündenböcke darzustellen, wäre zu einfach, findet sie. Setzen Textilfabriken die geforderten Standards durch, erhöht sich der Preis der Produktion empfindlich – mit der Folge, dass die Unternehmen nach neuen Produzenten suchen, die preiswerter produzieren. Schon jetzt befürchten Beobachter, dass Myanmar das neue Bangladesh werden könnte.

«Made in Bangladesh» nicht boykottieren

Von einem Boykott einzelner Standorte rät denn Christa Luginbühl ab. «Man darf diese Länder und die Arbeiter nicht abstrafen, sondern muss darauf hinwirken, dass sich die Produktionsbedingungen verbessern.»

Was aber tun, wenn es keine verlässlichen Labels gibt, sich teure Mode nicht von billiger unterscheidet? Die Öko-Bilanz von Baumwolle schlechter ist als jene von Polyester? Bewusster einkaufen, weniger einkaufen, lautet der Ratschlag sowohl von Christa Luginbühl wie auch von Claudia Banz. Wir müssen dieses rasende Kleiderkarussell stoppen. Wenn wir mehr sein wollen als ein Portemonnaie auf zwei Beinen.

Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode, bis Juni 2017 Textilmuseum St. Gallen

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