Was Pestizide alles anrichten

Neonikotinoide wirken auf die Nervenzellen von Insekten und werden als Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Der Berner Forscher Peter Neumann zeigt in einer Studie im «Nature», wie stark die Pestizide Bienen und anderen Nützlingen schaden.

Bruno Knellwolf
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Der Einsatz von Pestiziden aus der Gruppe der Neonikotinoide schadet Honigbienen und auch wildlebenden Nützlingen wie Hummeln. (Bild: Reto Martin)

Der Einsatz von Pestiziden aus der Gruppe der Neonikotinoide schadet Honigbienen und auch wildlebenden Nützlingen wie Hummeln. (Bild: Reto Martin)

Neonikotinoide sind Systemische Pflanzenschutzmittel, die weltweit im grossen Ausmass gegen Schädlinge auf Nutzpflanzen eingesetzt werden. «Generell nutzen Landwirte diese Neonikotinoide», sagt Peter Neumann, Professor für Bienen-Gesundheit an der Universität Bern. «Neonikotinoide werden meistens nicht verspritzt, sondern vorbeugend als behandeltes Saatgut ausgebracht, auch wenn die Schadorganismen gar nicht auftauchen. Genau das ist unser Kritikpunkt», sagt der Forscher, der zusammen mit einem internationalen Team von Biologen die Effekte dieser Pflanzenschutzmittel untersucht und im «Nature» publiziert hat.

Gifteinsatz schon im voraus

Diese Pestizide werden also schon vorbeugend in die Natur gebracht, ohne zu wissen, ob sie auch wirklich nötig sind. Dabei hat die EU schon 2012 aufgrund möglicher Effekte auf Honigbienen ein Moratorium erlassen, welches die Anwendung dieser Substanzen einschränkt. Mehr als 300 Studien sind seither dazu gemacht worden, die zeigen, dass der vorbeugende Neonikotinoid-Einsatz negative Auswirkungen auf zahlreiche Nützlinge haben kann. Zum Beispiel ein früher Tod der Königinnen bei Honigbienen und eine geringere Fortpflanzungsrate bei Wildbienen. «Es gibt klare Beweise, dass bereits geringste Mengen Neonikotinoide solche chronischen Effekte auf Nützlinge haben können», sagt Peter Neumann.

Doch wie wirken diese Pestizide eigentlich? «Als Neonikotinoide wird eine Gruppe von hochwirksamen Insektiziden bezeichnet. Sie alle sind synthetisch hergestellte Wirkstoffe, die an den Nikotinischen Acetylcholinrezeptor von Nervenzellen binden und so die Weiterleitung von Nervenreizen der Schädlinge stören», erklärt Neumann. «Neonikotinoide wirken dabei auf die Nervenzellen von Insekten weit stärker als auf die Nerven von Wirbeltieren.»

Zu reden gegeben hat in den vergangenen Jahren vor allem der Rückgang der Honigbienen. Doch diese machen nur einen Teil der grossen Bestäubungsleistung aus, die es braucht. Hummeln, wilde Bienen, Schwebfliegen und Schmetterlinge leisten ebenfalls einen grossen Beitrag. Die Pestizide schaden aber nicht nur den Bestäubern, die gemäss einer anderen Studie von den Neonikotinoiden regelrecht angezogen werden. Darüber hinaus dezimieren die Pestizide Käfer, Spinnen und Bodenorganismen, welche fruchtbare Erde herstellen.

Pestizide gefährden Vielfalt

«Der Einsatz der Pestizide gefährdet die Vielfalt dieser Nützlinge und somit auch die Effektivität ihrer Dienstleistungen.» Die hochsozialen Honigbienen können den Belastungen durch Pestizide dabei deutlich besser standhalten als Hummeln oder einzeln lebende Tiere. Ergebnisse zu Auswirkungen auf Honigbienen liessen sich somit nicht einfach auf andere Nützlinge übertragen. «Es erscheint daher sinnvoll, künftig nicht nur die Effekte der Neonikotinoide auf Honigbienen zu berücksichtigen, sondern auch deren Auswirkungen auf andere Nützlinge.»

Der Einsatz von Neonikotinoiden sollte deshalb für jede Nutzpflanze einzeln hinterfragt werden. Während zum Beispiel für den Raps die Anwendung von Neonikotinoiden vermutlich auch künftig sinnvoll sei, zeigten Erfahrungen aus Italien, dass sie für den Mais nicht erforderlich seien.

Der breite vorbeugende Einsatz von Neonikotinoiden stehe im Widerspruch zu den Grundsätzen einer zeitgemässen Schädlingsbekämpfung, die den Einsatz von Pestiziden nur als letztes Mittel wähle – insbesondere wenn die Schädlinge nur selten aufträten. «In der integrierten Schädlingsbekämpfung verwendet man eine ganze Reihe von Massnahmen, bevor zu Pestiziden gegriffen wird, wie Vorbeugung, mechanische Massnahmen und mehr. Das ist nicht neu und seit Jahrzehnten bekannt», sagt Neumann.

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