Was geschieht, wenn Volkes Stimme die Medien regiert

Man kennt ihn von der «Tagesschau». Freundlich und kompetent verliest er da die Nachrichten vom Teleprompter. Spontaneität ist nicht gefragt, es geht um zuverlässige Abwicklung.

Rolf App
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Souverän: Franz Fischlin. (Bild: SRF)

Souverän: Franz Fischlin. (Bild: SRF)

Man kennt ihn von der «Tagesschau». Freundlich und kompetent verliest er da die Nachrichten vom Teleprompter. Spontaneität ist nicht gefragt, es geht um zuverlässige Abwicklung. Dass Franz Fischlin aber auch noch andere Seiten hat und eine angeregte Diskussion souverän steuern kann, das hat er gestern abend bewiesen– im ersten von ihm geleiteten «Medienclub».

Haarsträubende Beispiele

Unterbrochen von informativen Einspielfilmen debattierten vier Experten über das Thema «Ohnmächtige Vierte Gewalt – wenn das Publikum die Medien dirigiert», was auf den ersten Blick ziemlich alarmistisch klang. Indes fehlte es Fischlin nicht an haarsträubenden Beispielen – von den Zuger K. o.-Tropfen über den Fall Carlos und die Affäre Geri Müller bis hin zu jener Hasskultur, die gerade im Internet grassiert, und die sich ihren Weg auch in die Onlinemedien bahnt.

«Gesellschaftlich befördert»

Von einer «gesellschaftlich beförderten Enthemmung» sprach denn auch in einem der Filme der Philosoph Dieter Thomä. Und in der Diskussionsrunde verglich Hansi Voigt vom Onlineportal «Watson» die Situation mit einem Vorortsbahnhof, in dem alles prächtig funktioniert – bis er stillgelegt wird. Dann machen sich die Vandalen breit.

Um dies zu verhindern, würden bei «Watson» alle Leserkommentare gesiebt, und: «Wir mischen uns auch selber in die Debatte ein.» «Blick am Abend» lässt nach den Angaben seines Chefredaktors Peter Röthlisberger Tausende täglicher Reaktionen zuerst von einem Roboter nach Stichworten dezimieren, den Rest beurteilt die Redaktion.

K. o.-Tropfen als Grossereignis

Was allerdings, wie der Schriftsteller Pedro Lenz an einem Beispiel von «Blick Online» zu illustrieren wusste, jene Entgleisungen nicht verhindert, die danach im Netz ein Eigenleben führen. Es sei «erschreckend, was manche Leute denken», gab ihm die ehemalige Journalistin Monica Fahmy recht. Mit Missbräuchen kann man vielleicht umgehen lernen. Was aber geschieht, wenn die Medien immer stärker auf das abstellen, was von ihren Onlinekonsumenten «geliked» wird? Dann werden Ereignisse von zweifelhafter Relevanz wie die Zuger K. o.-Tropfen-Affäre zum medialen Grossereignis, das tage-, ja wochenlang die Onlineforen und Zeitungsspalten beherrscht. Dann regiert der Boulevard, und Volkes Stimme bestimmt die Inhalte.

Die Aufgaben der Medien

Manchmal bewegte sich die lebhafte Debatte unter dem Eindruck solcher Einschätzungen in eine eher pessimistische Richtung. Auf der andern Seite aber wurde auch klar, dass da nicht nur eine, sondern gleich mehrere Aufgaben auf die Medien warten. Sie müssen, erstens, die Themen nach ihrer Bedeutung gewichten – und so auch selber wieder an Gewicht gewinnen. Sie müssen, zweitens, auch dort nachfassen, wo – wie im Fall Carlos – der Sturm öffentlicher Empörung jede Differenziertheit hinwegzufegen droht. Und sie müssen, drittens, für diese Leistungen auch attraktive Formen finden.

Die Gratiszeitung «20 Minuten» hatte übrigens auf eine Teilnahme verzichtet – was zwar bedauerlich war, aber niemanden wirklich überrascht hat.

SRF 1 Medienclub Dienstag, 22.20 Uhr, in unregelmässigen Abständen anstelle des Club

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