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Warum Vergessen Sinn ergibt

Christine Abbt forscht an der Universität Luzern über das Vergessen. Sie sieht in den Lücken unserer Erinnerung auch positive Seiten und macht sich Gedanken über die Digitalisierung.
Pirmin Bossart
Wie erinnert man sich daran, dass man etwas nicht vergessen soll? Vielleicht mit dem berühmten Knopf im Nastuch. (Bild: Maren Winter/fotolia)

Wie erinnert man sich daran, dass man etwas nicht vergessen soll? Vielleicht mit dem berühmten Knopf im Nastuch. (Bild: Maren Winter/fotolia)

Menschen sammeln Eindrücke, sie erinnern sich - und sie vergessen. Die 41jährige Philosophin Christine Abbt hat kürzlich im Campus-Verlag ihre Habilitationsschrift «Ich vergesse» publiziert. Sie ist seit 2015 Nationalfonds-Förderprofessorin an der Universität Luzern.

Christine Abbt, erinnern Sie sich an das letzte Mal, da Sie etwas vergessen haben?

Ja, natürlich. Gerade durch die Auseinandersetzung mit dem Thema ist mir sehr bewusst geworden, dass man ständig sehr viel vergisst und auch mehr, als man sich erhofft. Ich denke, wir vergessen ständig, ohne es zu bemerken. Gestern habe ich einem Kollegen von einem Buch erzählt und konnte den Namen des Autors nicht mehr nennen. Bis jetzt ist er mir nicht eingefallen. Irgendwann wird er vermutlich auftauchen.

Man kann sich also erinnern, dass man vergessen hat: Wie hängen Vergessen und Erinnern zusammen?

Dass wir bemerken können, dass es da eine Lücke gibt, ist extrem faszinierend. Das heisst auch, dass Vergessen und Erinnern enger aufeinander bezogen sind, als man intuitiv vielleicht meint. Wer sich an etwas Vergessenes zu erinnern versucht, weiss immerhin, dass der Inhalt fehlt. Vergessen ist nicht nur ein Defizit, sondern auch Zuwachs an Wissen.

Trotzdem haben viele Menschen Angst vor dem Vergessen, Stichwort Demenz.

Ja. Das ist auch schlimm, wenn die Anteile, die man nicht mehr aktualisieren kann, ständig und sprunghaft zunehmen. Das führt zu einer radikalen Infragestellung der Identität. Bei Demenz sind ab einem gewissen Punkt viele Sachen einfach weg. Wo zu viel wegbricht, ist auch die Wechselwirkung zwischen Vergessen und Erinnern aufgebrochen.

Etwas zu vergessen, ist manchmal etwas Erschreckendes, manchmal etwas Erfreuliches, manchmal etwas Entlastendes. Was hat Vergessen für eine Funktion?

Das Vergessen ist wie eine Art Verdauungsprozess von Informationen. Unwichtiges wird aussortiert. Dieser Prozess ist ständig in Gang. Was emotional ganz wichtig ist oder ständig eingeübt wurde, hat länger Bestand. Aber hier bewegen wir uns schon ausserhalb der Philosophie.

Wie sehen denn die Philosophen das Vergessen?

Die Philosophen beschäftigen sich mit der Analyse der Denkprozesse und der Sprachverwendung. In meiner Forschung habe ich aufgezeigt, dass auch in diesem Bereich das Vergessen wichtig ist. Wir können uns nur auf etwas konzentrieren, wenn wir vieles andere ausblenden.

Vergessen als eine positive Kraft?

Ja. Leute, die sich gut auf etwas fokussieren, also vergessen können, sind effizienter. Das Gedächtnis lässt sich trainieren, wie die Geriatrieforschung zeigt.

Was vergessen ist, kann immer wieder hochkommen. Oft braucht es nur einen bestimmten Geruch als Auslöser. Könnten wir theoretisch alles Vergessene wieder aktivieren?

Interessanterweise hat das Individuum keinen absoluten Überblick darüber, was es erinnern kann und was es vergessen hat. Das heisst auch: Es gibt eine Dunkelkammer in jedem Menschen. Kein Mensch kann sagen, er wisse alles oder er wisse etwas mit absoluter Sicherheit. Als Einzelner kann ich nie den vollständigen Überblick über mich erlangen. Das scheint mir gerade in unserer von der Digitalisierung geprägten Zeit sehr wichtig zu sein.

Wie meinen Sie das?

Ich rede vom Bestreben, inflationär Daten zu speichern, um so einmal alles wissen zu können. Der Traum von einem transparenten Menschen ist für mich ein Trugbild und auch nicht wünschenswert. Was darunter leidet, ist die individuelle Freiheit des Einzelnen, der auf diese Vorstellung eines totalen Wissens nicht angemessen reagieren kann. Jeder Einzelne hat Bereiche, die weder für ihn noch für andere einsehbar sind. Das ist etwas, was uns menschlich macht, im Unterschied zur Maschine.

Die Digitalisierung schreitet voran, Millionen von Daten werden gespeichert. Wird dieses digitale Gedächtnis das menschliche Gedächtnis einmal ersetzen?

Selbst wenn genügend Speicherkapazitäten für alles und jedes vorhanden wären, stellt sich die Frage, was man mit diesen Daten alles macht. Erinnern und Vergessen sind einander wechselseitig durchdringende Prozesse. Auch in einem digitalen Gedächtnis finden fortlaufend Prozesse der Selektion und der Priorisierung statt. So lautet auch hier die zentrale Frage, was erinnert und was vergessen wird. Vor allem aber: Wer entscheidet über die ständig stattfindende Selektion im digitalen Gedächtnis und nach welchen Kriterien?

Wie sind Sie als Philosophin zum Forschungsgebiet Vergessen gekommen?

Mich haben schon immer die Ränder des Denkens interessiert, auch das Nichtwissen. Ich erachte es als einen Fortschritt, zu realisieren und differenziert anzuerkennen, dass man nicht alles weiss. Das Wissen über das Nichtwissen ist denn auch ein vernachlässigter Forschungsbereich in vielen Wissenschaften. «Vergessen» ist so ein Thema. Es erscheint zunächst einmal eher negativ und wie das Gegenteil des Denkens. Also denkt man: Warum soll sich die Philosophie damit beschäftigen?

Sind Sie denn als Philosophin des Vergessens eine Exotin?

Es gibt heute nicht viele Philosophen, die über das Vergessen forschen. Da bin ich tatsächlich eine Ausnahme. Aber das Thema ist alt in der Philosophie.

Auch gesellschaftlich-politisch spielen Erinnern und Vergessen eine Rolle, etwa bei der Aufarbeitung von schrecklichen Ereignissen. Es heisst dann, dass man das nie vergessen darf.

Der Anspruch von Betroffenen, die Leid erfahren haben, dass man nicht vergessen darf, ist verständlich und berechtigt. Die Aufarbeitung der Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg war wichtig für Deutschland und Europa und natürlich für die Opfer.

Das ist besser als verdrängen?

Historisch hat es auch die Strategie des Vergessens gegeben, wobei Verdrängen nicht das Gleiche wie Vergessen ist. So kam der Friedensvertrag im Spanischen Bürgerkrieg nur zu Stande, weil beschlossen wurde, dass man sich die begangenen Taten nicht mehr aufrechnet. Beide Seiten haben das Vergangene ruhen lassen. Das ist etwas anderes, als wenn eine Siegermacht sagt, wir reden nicht mehr darüber, was einer Minderheit passiert ist.

Christine Abbt Hochschuldozentin (Bild: LZ)

Christine Abbt Hochschuldozentin (Bild: LZ)

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