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WACHSTUM: Wachstumsschäden werden grösser

Die Ökonomin Irmi Seidl warnt vor unbegrenztem Wachstum. Sie spricht von einer «Postwachstumsgesellschaft», die keine Pestizide mehr versprüht und die durch die Digitalisierung gefährdete Arbeit besser verteilt.
Bruno Knellwolf
Eine Pflanze braucht das Wachstum zum Überleben. (Bild: Stephan Kaps/Getty)

Eine Pflanze braucht das Wachstum zum Überleben. (Bild: Stephan Kaps/Getty)

Bruno Knellwolf

Was nicht wächst, ist tot. Das gilt für die Welt der Pflanzen. Nur eine Pflanze, die ständig wächst, überlebt. Der Ursprung von Flora und Fauna liegt in den Tropen, wo das ganze Jahr Licht, Wärme und Wasser zur Verfügung stehen. Tropenpflanzen wachsen deshalb das ganze Jahr. Um in kalten Gegenden zu überleben, mussten sich die Pflanzen im Lauf der Evolution einiges einfallen lassen. In unseren Breiten braucht eine Pflanze die Winterknospe, um in ihr das ständige Wachstum aufrecht zu erhalten.

Im Gegensatz zur Pflanze wächst ein Mensch irgendwann nicht mehr. Wachstum ist für viele Menschen trotzdem eine Lebensmaxime. Man denkt an den Gemeindepräsidenten, der glaubt, wenn er kein Wachstum verspreche, werde er bei der nächsten Wahl durchfallen. Wachstum als heiliger Gral? «Unsere gesamte Gesellschaft ist auf Wachstum ausgerichtet, wir hatten seit den 1950er-Jahren mehr oder weniger immer Wachstum, wenn auch mit Einbrüchen», sagt Irmi Seidl, Professorin an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf, die am Mittwoch in St. Gallen zum Thema Wachstum referieren wird.

«Wachstum ist positiv konnotiert, das Gegenteil wird als Tod oder Einbruch wahrgenommen.» So lassen viele Gemeinden ihre letzten grünen Flächen verbauen, weil sie sich höhere Steuereinnahmen versprechen, Schulden abtragen oder «auch politische Geschenke finanzieren müssen», wie Seidl sagt. Wachstum werde gesucht, um Schulen auszulasten oder «die zu gross gebaute Stadthalle». Wachstum erlaube zu bauen, das sei beliebt.

Soziale Probleme durch Wachstumsschäden

Die Wachstumsschäden würden aber immer grösser. Seidl spricht von ökologischen Schäden, aber auch von ökonomischen Einbrüchen durch eine zunehmend fragile und anfällige Wirtschaft. Wachstumsschäden verursachten auch soziale Probleme durch zunehmenden psychischen Druck. «Die Phase, als Wachstum vor allem Prosperität bedeutete und man die Wachstumsschäden geflissentlich übersehen konnte, sind vorbei», sagt die Ökonomin. «In vielen Ländern sind die Wachstumsschäden schon sehr sichtbar und die Prosperität geht zurück. Weil die soziale Ungleichheit in den meisten Ländern steigt, schauen wir oft nur auf die Reichen, denen es weiterhin zunehmend besser geht, aber nicht auf den grösser werdenden Bevölkerungsanteil, dessen Prosperität zurückgeht oder stagniert», erklärt Seidl. Die Frage sei, ob Wachstum ohne bedrohliche Schäden für uns überhaupt möglich sei. Zentral für eine Wohlstandsgesellschaft müsse nun sein, die Umweltzerstörung zu beheben. Als Beispiel nennt sie das Artensterben. Bald gebe es keine Bestäuber mehr. «Dabei wäre es recht einfach: synthetische Pestizide und künstlichen Dünger verbieten! Dass eine ökologische Landwirtschaft funktioniert, beweisen viele Schweizer Bauern. Und für jene, für die es etwas schwieriger werden könnte, da finden wir sicherlich Lösungen», sagt Seidl.

Zweitens müsse der Klimawandel angegangen werden und drittens müssten die wegen der Digitalisierung zunehmend zurückgehenden Möglichkeiten der Erwerbsarbeit gerechter verteilt werden: «Alle weniger arbeiten, dafür die Arbeit auf mehr Schultern verteilen. Damit könnte viel Stress genommen werden.»

Ohne Verzicht gehe das nicht. Es brauche nicht jedes Jahr eine neue Version eines Smartphones, man müsse nicht einen Viertel der Nahrung wegwerfen und Einkaufswochenenden in London oder New York machen. «Das Problem ist doch, dass uns weisgemacht wird, wir müssten zum Einkaufen jetten, am Wochenende alles Mögliche erleben... Auch wenn wir uns dann ausgelaugt und unter Druck fühlen.»

Irmi Seidls Postwachstumsgesellschaft

In ihrem Buch «Postwachstumsgesellschaft» fordert Seidl neue Konzepte für die Zukunft. Als eines der wichtigsten darin bezeichnet sie den Umbau des Steuersystems. «Heute belasten wir die Arbeit, das heisst die Einkommen recht hoch mit Steuern; doch Energie, Umweltressourcen, Kapital, Erbschaften werden nicht hoch besteuert.» Das führe dazu, dass die Arbeitskosten für die Unternehmen hoch sind. Deshalb würden Arbeitskräfte ersetzt durch Computer, Maschinen, Roboter. «Zum Beispiel aktuell gerade die Kassierinnen.» Stichwort Self-Scanning. Desgleichen würden zunehmend Bürojobs ersetzt.

Es sei deshalb zentral, das Steuersystem umzubauen. «Arbeit weniger besteuern, Sozialabgaben entlasten und dafür aber Energie, Umweltressourcen und Kapital stärker besteuern. Energie und Umwelt sind zudem die knappen Ressourcen – so würden sie sparsamer eingesetzt», sagt die Umweltökonomin Irmi Seidl.

Vortrag für die Naturwissenschaftliche Gesellschaft: Irmi Seidl: «Die Postwachstumsgesellschaft – Konzepte für die Zukunft». Mittwoch, 20.15 Uhr an der Universität St. Gallen

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