WACHSTUM: In die Höhe geschossen

Schon die Kinder wissen: Wer wachsen will, muss tüchtig essen. Allerdings spielen auch genetische Faktoren eine nicht zu unterschätzende Rolle.

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@tagblatt.ch

Vor allem zwei Faktoren bestimmen, wie gross ein Mensch wird: Gene und Ernährung. Genetische und Umweltfaktoren wirken also zusammen. Auf die Ernährung ist wesentlich zurückzuführen, dass die Menschen weltweit seit etwa einem Jahrhundert kontinuierlich wachsen, und zwar in den Industriestaaten früher und rascher als anderswo. Nur der Zweite Weltkrieg hat diesen Trend vorübergehend gestoppt, der sich zuerst in den Angehörigen höherer Schichten gezeigt hat. Auch historische Forschungen belegen die Bedeutung der Ernährung: Als die Jäger das Jagen liessen und sich zehntausend Jahre vor unserer Zeitrechnung dem Ackerbau widmeten, wurden sie kleiner.

Das Schrumpfen der Sammler und Jäger

Zuvor waren diese Jäger noch in bezug auf die Körpergrösse etwa auf dem Stand heutiger Industrienationen gewesen. Ihr Schrumpfen ist auf eine weniger eiweissreiche Ernährung zurückzuführen. Eiweisse, das heisst Proteine sorgen dafür, dass in der Hirnanhangdrüse in Kindheit und Jugend mehr Wachstumshormone produziert werden. Dass wir aber doch nicht unbegrenzt weiter wachsen, hat auch seinen Grund. Denn wenn die wichtige, eiweissreiche Kost schon fast im Überfluss vorhanden ist, erreicht die Körperlänge eine Art Sättigungszustand.

Auch auf die Gene kommt es jedoch an. Sie legen fest, welche Maximalgrösse der Körper erreichen kann – allerdings nur unter optimalen Bedingungen. Deshalb gibt es immer Völker, die kleiner sind als andere. Und es gibt ganze Familien, die sich in dieser Hinsicht von anderen unterscheiden.

Allerdings: Es gibt nicht ein Gross- oder ein Klein-Gen, wie man glauben möchte. Im Gegenteil, die Sache ist sehr, sehr kompliziert, wie sich in jenem Projekt zeigt, das mit Beteiligung von Lausanner Forschern durchgeführt worden ist. Wie sie jetzt im Fachblatt «Nature» berichten, hat ein internationales Forschungskonsortium von 300 Forschern das Erbgut von mehr als 700000 Menschen untersucht und dabei mehr als 250000 Genvarianten geprüft.

Zu 700 Genvarianten kommen weitere 83

Bisher waren bereits 700 Gen­varianten bekannt, die Einfluss auf die Körpergrösse ausüben – jedes für sich allein nur minimal. Das erwähnte Konsortium hat unter Leitung von Zoltán Kutalik vom Universitätsspital Lausanne weitere 83 Varianten identifiziert. Diese Gene erklären einen Grössenunterschied von zwei Zentimetern, kommen aber bei weniger als einer Person unter tausend vor. Sie sind unter anderem an Knochen- und Knorpelbildung sowie an der Aktivierung von Wachstumshormonen beteiligt.

Natürlich wird die Frage sein, wie die Gene genau zusammenwirken. Kutalik hofft, dadurch auch den Verlauf häufiger Krankheiten besser verstehen zu können. Auch dort sind nämlich Hunderte von Genen mitbeteiligt. So einfach, wie man sich das ausgemalt hat, ist die Natur nicht.