Von warm zu kühl

Blau ist die Farbe des Sommers – des Himmels und des Wassers. Doch wie jede Farbe hat auch Blau eine lange Geschichte.

Rolf App
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Legende (Bild: fotolia)

Legende (Bild: fotolia)

Kommerziell war der Film kein Erfolg. Aber er ist eine intensive Erfahrung: «Blue», 1993 der zwölfte und letzte Film des britischen Filmemachers Derek Jarman, präsentiert über 76 Minuten eine blaue Leinwand. Wir hören zarte Musik, wir hören Stimmen, vor allem jene von Jarman selbst. Aber prägendes Erlebnis bleibt dieses Blau.

Es ist das Blau des Himmels, das Blau der Unendlichkeit. «Blau ist die Farbe der Götter, sie wohnen im unermesslichen Azur», greift Margarete Bruns im Buch «Das Rätsel Farbe» (Reclam-Verlag) in die Mythologie zurück. «Diese Überzeugung galt im Ägypten der Pharaonenzeit nicht anders als in Israel, wo sie sich auf den Einen, Einzigen bezog; auf Jahwe, sein Thron war aus <Saphir>.» Marduk, Herr der Götter von Babylon, trug ein blaues Sternengewand, ebenso der persische Mithras. Der germanische Wotan liebte Blau vor allen Farben. Und noch heute empfinden wir blaue Kleidung als vornehm.

Ruhe, Kühle, Entspannung

Mehr noch: Mit Blau verbinden wir Ruhe, Kühle und Entspannung. Blau ist die Farbe des Wassers und des Himmels, der sich übers Meer wölbt. Am Strand von Nizza lag 1946 der 18jährige Yves Klein und schuf sein erstes unendliches und immaterielles Gemälde, indem er den blauen mediterranen Himmel signierte. Nachdem ihn auch das Blau der Fresken in der Basilika von Assisi tief beeindruckt hatte, begann er seine monochromen Bilder zu malen. Das dabei verwendete Ultramarin liess er sich patentieren.

Blau fasziniert und: Blau ist beliebt. Das war nicht immer so. Jede Farbe hat ihre Bedeutung auch aufgrund kultureller Zuschreibungen. Und die haben oft eine lange Geschichte. Eine Farbe ist vor allem das, was die Menschen aus ihr machen.

Rot, Weiss, Schwarz

Auf den ersten Höhlenmalereien gibt es Rot-, Schwarz-, Braun- und Ockertöne – aber kein Blau. Die Grundfarben der Griechen und Römer sind Rot, Weiss und Schwarz – nicht Blau. Nur die Kelten und Germanen kennen die Farbe, die sie aus der Waidpflanze gewinnen. Es ist allerdings ein eher verwaschenes Blau. Bis über die Völker des Nahen Ostens aus Indien und Afrika ein kräftiges Blau in den Westen gelangt: das aus dem Indigostrauch gewonnene Indigo.

Es dauert bis nach dem Jahr 1000, bis sie keine «zweitrangige Farbe mit schlechtem Ruf» war, wie Michel Pastoureau es in «Blau – Die Geschichte einer Farbe» (Wagenbach-Verlag) formuliert. Schnell sei sie zur Modefarbe geworden. Auch in der Kunst und in der Malerei habe sich an der Wende des 11./12. Jahrhunderts die zunehmende Beliebtheit der Blautöne abgezeichnet. Das zeigt sich etwa am Gewand der Jungfrau Maria, das keineswegs immer blau gewesen ist.

In Anlehnung an die Himmelskönigin beginnen irdische Könige, Blau zu tragen. Azurblau wird zur Wappenfarbe vornehmer Geschlechter. Und: Auch der Farbcode in den Ritterromanen verändert sich. Dort signalisiert zuvor ein roter Ritter böse Absichten, der schwarze Ritter ist ein Held, dessen Freund trägt oft Weiss. Bis Mitte des 13. Jahrhunderts werde nie ein blauer Ritter erwähnt, erklärt Pastoureau. Aber im 14. Jahrhundert erhält Schwarz eine negative Färbung, und es tauchen mutige, loyale Ritter in Blau auf. Als schönste und edelste Farbe nimmt Blau den Platz von Rot ein. Und als Farbe Mariens wird sie zur Farbe, in der sich Moral vermittelt.

Das ist ihr Glück. Denn die Reformation, die Bescheidenheit predigt und Farben hasst, fügt dem bevorzugten Schwarz nach und nach Blau hinzu «als Farbe der Ehrenhaftigkeit, der Enthaltsamkeit, des Himmels und des Geistes», schreibt Pastoureau.

Die politische Farbe

Zur selben Zeit «kühlt» Blau ab: Noch im Mittelalter und in der Renaissance gilt es als eine warme Farbe, im 19. Jahrhundert dann gilt sie als kühl – vermutlich wegen der langsamen assoziativen Annäherung an das Wasser. Und: Blau wird politisch: Die Französische Revolution marschiert in Blau (das auch zur Farbe der Uniformen wird). Blau wird zur Farbe des Fortschritts, der Träume, der Phantasie, der freiheitlichen Gedanken. Deshalb auch ist zum Beispiel die Fahne der EU in Blau gehalten.

Doch ist damit ihre beeindruckende Karriere noch keineswegs am Ende angekommen. 1853 landet der 24-Jährige Levi Strauss, ein kleiner jüdischer Hausierer aus New York, in San Francisco. Er hat Zeltplanen dabei, doch er sieht rasch: Weit grösser ist der Bedarf an strapazierfähigen Hosen. So beginnt er aus den Stoffen Hosen schneidern zu lassen – die Blue Jeans sind geboren.

Bild: ROLF APP

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