Von der Sitzstreikerin zur Stadtwanderin

Diana Hagmann-Bula
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Die Regel «Kinder wandern nicht gern» traf voll zu. Meckern, mürrische Antworten, im schlimmsten Fall ein Sitzstreik. Beim angekündigten (und ersehnten) Zwischenhalt am Gehege der Ziegen verbesserte sich die Laune kurz, um danach wieder in den Keller zu fallen. Bonbons und Baumnüsse aus Vaters Hosensack, seine Geschichten und Witze linderten den Unmut etwas, aber eigentlich machte nur der Nussgipfel im Restaurant alles wieder gut. Wandern, bäh.

Als Teenager war Wandern: Na dann halt. Schliesslich kann man, zu Besuch bei Grossvater, ihn nicht alleine losziehen lassen. Statt Ziegen peilten wir kleine Orte an, manche weniger als durchschnittlich. Und doch wusste er zu jedem Brunnen, jeder Linde eine Episode zu erzählen. Diese Begeisterung, nicht nur für hohe Berge und atemberaubende Aussichten, sie imponierte. Einen Nussgipfel gab es zur Stärkung immer.

Die Dörfchen sind nun den Städten gewichen. Stadtwandern nennt sich das. Zürich lockt mit einem Marsch auf seine Haushügel, in Wien gibt es Rund-um-Wien- und Quer-durch-Wien-Wanderwege. Und erst wer durch Paris spaziert, bemerkt, wie grün die Metropole tatsächlich ist. Man sieht zu Fuss mehr, als wenn Tram oder U-Bahn einen von A nach B bringen. Schöne Innenhöfe, kunstvolle Graffiti, gelegentlich ergibt sich ein Gespräch mit Einheimischen. Auch wenn die Werte des Wanderns unterdessen erkannt sind: Ein Nussgipfel muss noch immer sein.

Diana Hagmann-Bula