Vom Leitwolf als Chef akzeptiert

Eigentlich hatte der französische Regisseur ein Einreiseverbot nach China. Im Gespräch erzählt Jean-Jacques Annaud, wieso er den Film «Der letzte Wolf» trotzdem dort drehen durfte. Und was es mit der Romanvorlage auf sich hat.

Geri Krebs
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Der Spielfilm «Wolf Totem» erzählt von der besonderen Beziehung der Nomaden zu den Wölfen. (Bild: pd)

Der Spielfilm «Wolf Totem» erzählt von der besonderen Beziehung der Nomaden zu den Wölfen. (Bild: pd)

Herr Annaud, «Wolf Totem» spielt 1967, während der Kulturrevolution in China. Waren jene Schreckensjahre in der Inneren Mongolei, dem Schauplatz des Films, wirklich so vergleichsweise beschaulich?

Jean-Jacques Annaud: Ich würde jene Zeit nicht als beschaulich bezeichnen. Aber es stimmt natürlich, dass es weit weniger dramatisch war, als die Exzesse in den grossen Städten und in zahlreichen anderen Regionen Chinas. Man muss sich vergegenwärtigen, dass die Menschen in der Inneren Mongolei zu jener Zeit lebten wie Jahrhunderte davor, abgeschnitten von jeglicher Information der Aussenwelt.

Es gab keine Radios?

Annaud: Nein, die Menschen hatten kaum eine Ahnung davon, was der Vorsitzende Mao im fernen Peking befohlen hatte. Die nächste Ortschaft liegt etwa 400 Kilometer entfernt, das heisst zwei Tagesreisen auf einem Pferderücken. Das ist heute noch das einzige Transportmittel, aber im Gegensatz zu damals stehen heute in jedem Nomadenzelt ein Fernseher und ein Radio.

Lü Jiamin, der Autor des autobiographischen Romans «Der Zorn der Wölfe», auf dem Ihr Drehbuch beruht, begann erst Jahrzehnte später seine Erlebnisse niederzuschreiben. Wissen Sie warum?

Annaud: Lü Jiamin ist kein Schriftsteller, er ist ein Mann mit zahlreichen Mysterien, was seine Vergangenheit betrifft. Er war jahrzehntelang Universitätsdozent. Erst 1997, mit über 60 Jahren, ermuntert von seiner Frau Zhang Kangkang, einer in China bekannten Schriftstellerin, begann er seine Erlebnisse von damals aufzuschreiben. 2004 veröffentlichte er sie unter einem Pseudonym.

Haben Sie mit ihm über seine Vergangenheit gesprochen?

Annaud: Er mag es nicht. Er stammt aus einer sehr angesehenen Familie, sein Vater wurde während der Kulturrevolution umgebracht. Trotzdem trat Lü Jiamin in die Roten Garden ein, fiel aber in Ungnade und war drei Jahre im Gefängnis. Auch bei den Ereignissen 1989 auf dem Tiananmen-Platz, geriet er in die Mühlen der Repression und war über ein Jahr im Gefängnis. Das alles habe ich nicht von ihm selber erfahren. Weil ich ein höflicher Mensch bin, habe ich ihn nie danach gefragt. In China geniesst die Höflichkeit einen viel höheren Stellenwert als bei uns.

War es diese Haltung, die es überhaupt ermöglichte, das Filmprojekt in China zu realisieren?

Annaud: Sie spielen darauf an, dass ich wegen meiner Filme «L'amant» und «Seven Years in Tibet» in China Persona non grata war. Ja, die Chinesen sind Meister darin, gegenüber Fremden Unangenehmes unter den Teppich zu kehren. Man hat einen Gast und will es gut haben mit ihm. Deshalb sagen die Chinesen auch nie Nein. Sie sagen Ja und machen einfach das Gegenteil. Im meinem Fall war es aber so, dass mir irgendwann ein hoher Funktionär im Vertrauen sagte: Ach, kommen Sie, was sollen diese alten Geschichten.

Wir haben noch nicht über die Wölfe gesprochen, die eigentlichen Protagonisten. Wie muss man sich die Arbeit mit ihnen vorstellen?

Annaud: Das Wichtigste war die spezielle Beziehung die ich zum tierischen Hauptdarsteller, dem Leitwolf hatte. Es waren kanadische Wölfe, die wir mit ihren Wolftrainern aus Kanada eingeflogen hatten und mit denen wir arbeiteten. Jeden Morgen bevor wir drehten kam der Leitwolf zu mir ins Zelt, beschnupperte mich und leckte mir die Hände. Dies wurde zu einem allmorgendlichen Ritual; auf diese Art war ich vom Leitwolf als «Chef» akzeptiert. Das war unabdingbar, denn Wölfe sind Tiere, denen man sich normalerweise nicht nähern kann. So war über diesen Leitwolf, zusammen mit den Trainern, die «Schauspielerführung» der Wölfe möglich.

Sie sind jetzt 72 Jahre alt, Sie sprühen vor Tatendrang und Energie. Wo nehmen Sie die her?

Annaud: Nun, ich war ein unbedeutender kleiner Kerl aus der Vorstadt, aber ich hatte trotz dieser Herkunft immer ein glückliches Leben. Ich hatte das grosse Glück, dass ich seit meinem 19. Lebensjahr Filme machen konnte und nie ganz erwachsen geworden bin. Ich bin immer ein neugieriger Mensch gewesen, und vielleicht ist es ja diese Neugier, die mich jung erhält.

«Wolf Totem – Der letzte Wolf» läuft ab heute in den Kinos