Vom fremden Baum in den Mund

Die deutschen Betreiber der Homepage Mundraub.org wollen, dass die Gesellschaft vergessene Früchte, Kräuter und Nüsse wieder wertschätzt. Und animieren deshalb dazu, zu pflücken wie früher.

Diana Bula
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Pflücken, essen und das einfache Glück geniessen. (Bild: getty)

Pflücken, essen und das einfache Glück geniessen. (Bild: getty)

Einen Apfel vom Baum pflücken und sofort reinbeissen. Wie aromatisch die Frucht schmeckt! Das Glück des Erntenden ist ein grosses, aber einfaches. Was hat man sich als Kind gefreut, wenn am Wegrand Erdbeeren wuchsen. Oder Brombeeren. Mit den Jahren sind diese Momente seltener geworden. Den Initianten der Internetseite Mundraub.org erging das gleich. So kam ihnen an einem schönen Tag im September 2009 ihre Geschäftsidee. Damals unternahmen sie einen Ausflug mit dem Paddelboot. Die Tour führte vorbei an Bäumen, reich behangen mit Mirabellen, Äpfeln, Pflaumen. Den Berliner Ausflüglern lief wohl das Wasser im Mund zusammen. Jedenfalls dachten sie: «Einen Pflückatlas müsste man ins Internet stellen.»

«Der Nase nach gehen»

Das haben Umweltingenieur Kai Gildhorn und seine Geschäftskollegen unterdessen getan. Auf ihrer Homepage kann man Früchte, Kräuter und Nüsse eintragen, die auf öffentlichem Grund gedeihen. 25 000 Nutzer zählt Mundraub.org, 17 000 Einträge sind verfasst. Die Mehrheit betrifft Bäume und Sträucher in Deutschland. Aber auch in Marokko finden sich Orte, an denen Früchtefans angeblich Orangen ernten können. Oder Feigen in Südspanien.

In der Schweiz sind die Sammelorte spärlich gesät. Einige Einträge für die Ostschweiz bestehen jedoch. In Wittenwil soll ausserhalb des Dorfes Bärlauch wachsen. «Die letzten Meter kann man der Nase nach gehen», schreibt die Userin. Bärlauch, auch das erfährt man auf der Homepage, kommt seit der Steinzeit als Heilpflanze zum Einsatz, bei Magen-Darm-Problemen, bei Bluthochdruck oder um die Verdauung zu fördern. In Märstetten gibt es etwa einen Apfelbaum, in einem kleinen Wald in Dettighofen Waldmeister, in St. Gallen einen Birnbaum – und ein Brombeerfeld.

Das Wissen der Grosseltern

Der Eintrag zu den Brombeeren stammt von einer 23-Jährigen aus Kaltbrunn. «Ich gehe selber Wildpflanzen sammeln – und mag es, wenn man sich über die Fundorte austauscht», sagt sie. Sie bereitet Brennnesseln wie Spinat zu oder nutzt Spitzwegerich, um Insektenstiche rasch abklingen zu lassen. «Wildpflanzen zu verwenden, das war für unsere Grosseltern normal. Wir aber haben diese Kenntnisse verlernt.» An der Webseite gefalle ihr, dass sich die Initianten moderner Technik bedienten, um altes Wissen aufzufrischen.

«Wir wollen die Leute neugierig machen, damit sie wieder häufiger nach draussen gehen, über vergessene Pflanzen staunen und sie wertschätzen», sagt Mundraub-Mitarbeiter Konstantin Schroth. Auch dem Food Waste will die Truppe vorbeugen. Schliesslich sei es Verschwendung, wenn frisches, leckeres Obst im Gras verrotte.

Eine lobenswerte Mission, mit missverständlichem Namen. Denn unter Mundraub versteht man die Entwendung von Nahrungsmitteln in kleiner Menge. «Heute führt das Schweizer Gesetz dieses Wort nicht mehr», sagt Marc Séquin von FRT Rechtsanwälte in St. Gallen, «heute fällt das – bis etwa 300 Franken – unter die geringfügigen Vermögensdelikte. Ein Antragsdelikt.» Das heisst, die Übertretung wird nur geahndet, wenn jemand einen Strafantrag stellt. «Wenn sich die Parteien nicht auf einen Rückzug des Strafantrages einigen, muss der Täter mit einer Busse rechnen», sagt Séquin. Zwar trete dieser Fall selten ein, dennoch rät der Rechtsanwalt von Einträgen auf der Homepage ab. «Wer sagt mir denn, welcher Baum unter die Grosszügigkeit des Eigentümers fällt und welcher nicht?»

«Die Seite ist keine Garantie»

Solche Streitereien will das Team von Mundraub.org denn auch verhindern. «Taucht ein Fundort auf der Karte auf, ist das noch keine Garantie dafür, dass dieser mundraubtauglich ist. Man muss sich bei den Behörden erkundigen – vor dem Eintragen, vor dem Pflücken», sagt Konstantin Schroth. Als das Projekt noch überschaubar war, prüften die Initianten die Vermerke selber. «Heute sind wir zu gross. Die Community übernimmt nun die Kontrolle. Merkwürdige Einträge werden regelmässig gemeldet», sagt er. 100mal kam das 2014 vor, 50 Verdachte erwiesen sich als korrekt. «Die Bäume standen entweder in Naturschutzgebieten, wo ernten verboten ist, oder sie gehörten Privaten.»

Vielleicht für Kinder vorgesehen

Zwar besitzt die Stadt St. Gallen an der Strasse, die auf der Mundraub-Karte eingetragen ist, tatsächlich Bäume. «Allerdings eine Buche und eine Zierkirsche, keinen Birnbaum», sagt Jürg Thurnheer, stellvertretender Leiter des Gartenbauamts der Stadt St. Gallen. Und das Brombeerfeld gehöre wohl der Ortsbürgergemeinde. «Grundsätzlich sind wir grosszügig, was die Nutzung unserer Fruchtbäume betrifft. Immer wieder erhalten wir Ernteanfragen von Privaten, die wir wenn möglich bejahen.» Auch das Gartenbauamt ruft dazu auf, nachzufragen, bevor man einen Sammelort online stellt. «Manchmal haben wir die Früchte Kindergärten oder Schulen versprochen. Gehen diese leer aus, wäre das schade.»