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Vollstrecker der Einheit

Deutschland verliert mit Hans-Dietrich Genscher eine der prägendsten Figuren der Nach-Adenauer-Ära. Sein politisches Geschick führte zur Wiedervereinigung. 1972 in München erlebte er seine schwerste Stunde.
Christoph Reichmuth/Berlin
Hans-Dietrich Genscher in seiner Bibliothek auf einer Aufnahme von 2014. (Bild: ap/Martin Meissner)

Hans-Dietrich Genscher in seiner Bibliothek auf einer Aufnahme von 2014. (Bild: ap/Martin Meissner)

Deutschland und die FDP müssen sich nur zwei Wochen nach dem frühen Tod des ehemaligen Aussenministers und FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle erneut von einer grossen politischen Figur verabschieden: Hans-Dietrich Genscher starb gestern im Alter von 89 Jahren im engsten Familienkreis. Ohne die Verdienste Westerwelles zu schmälern, gehört Genscher zweifelsohne in eine andere Kategorie liberaler Politiker. Er prägte die Politik der Bundesrepublik wie nur wenige in der Ära nach dem ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer. Das FDP-Urgestein trieb deutsche Wiedervereinigung massgeblich voran. Initiatoren der neuen deutschen Ostpolitik, die auf Annäherung an die Warschauer-Pakt-Staaten setzte, waren die SPD-Grössen Willy Brandt und Egon Bahr, aber Genscher hat – zusammen mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) – die Einigung gewissermassen gekonnt vollstreckt.

Reisen um den Globus

Der in den 1950er-Jahren der FDP beigetretene Genscher, promovierter Jurist, betrat die grosse politische Bühne in leitenden Funktionen bei seiner Partei in den 1960er-Jahren, ehe er in der ersten sozialliberalen Koalition in der Regierung Willy Brand (SPD) zum Innenminister ernannt wurde. Später übernahm Genscher trotz mangelhafter Englischkenntnisse das Aussenministerium im Kabinett Helmut Schmidt (SPD) und 1982 das Aussenministerium und den Posten des Vizekanzlers unter Helmut Kohl (CDU). Genscher hielt seinen auf Diplomatie setzenden Kurs gegenüber dem Warschauer Pakt auch fort, als sich die Fronten im Kalten Krieg in der Ära Reagan wieder verhärtet hatten. US-Hardliner bezeichneten die Politik des deutschen Aussenministers schon bald despektierlich als «Genscherismus». Der Politiker selbst umschrieb «Genscherismus» einst mit den Worten: «Wenn ich ein Ziel nicht direkt erreichen kann, muss ich das Umfeld so verändern, dass das Ziel erreichbar wird.»

Genscher hatte sich eine Lebensaufgabe gesetzt: die Wiedervereinigung Deutschlands. Dafür musste er die Vorbehalte des Auslands gegen ein vereintes, wieder erstarktes Deutschland aus dem Weg räumen. Der Aussenminister reiste auf seiner Mission rund um den Globus und spann ein riesiges Netz an Bekanntschaften und Freundschaften. Volle zwölf Monate am Stück soll Genscher während seiner Zeit als Aussenminister im Dienstwagen oder im Flugzeug verbracht haben. Seinem Ziel, der Entspannung mit dem Osten und der Abrüstung, kam der damalige Aussenminister immer näher.

Erkenntnis von Davos

Genscher war zudem der erste einflussreiche Westpolitiker, der den Reformwillen des neuen Kreml-Chefs Michail Gorbatschow erkannt hatte. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos mahnte Genscher im Winter 1987: «Lasst uns Gorbatschow beim Wort nehmen.» Genscher profitierte in den folgenden, turbulenten Monaten und Jahren von seinem engen Beziehungsnetz in Warschau, Prag und in Moskau. Am 30. September erreichte er nach stundenlangen Verhandlungen mit dem damaligen sowjetischen Aussenminister Eduard Schewardnadse, dass die in den Garten der deutschen Botschaft in Prag geflüchteten DDR-Bürger mit dem Zug nach Westdeutschland ausreisen durften. Der Satz, den Genscher vom Balkon der Botschaft an die Menschen richtete und den er wegen des ausbrechenden Jubels nie vollenden konnte, geht in die Geschichtsbücher ein. «Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise . . .»

Er bot sich als Geisel an

Genscher blieb aber auch von Kritik nicht verschont. Die Anerkennung der Souveränität Sloweniens und Kroatiens zu Beginn der 1990er-Jahre durch Deutschland sei vorschnell erfolgt und habe den blutigen Konflikt im ehemaligen Jugoslawien mitbefeuert, hiess es etwa. Auch in jüngerer Zeit musste sich der ehemalige Aussenminister Kritik gefallen lassen. So mahnte Genscher zur diplomatischen Zurückhaltung im Umgang mit Kreml-Chef Putin.

Genscher, der im Mai 1992 auf eigenen Wunsch nach 18 Jahren als Aussenminister zurückgetreten war, vergass trotz des grossen politischen Erfolges seine dunkelste Stunde nie. Im September 1972 wurden die Olympischen Spiele von München durch ein Attentat von acht Mitgliedern einer palästinensischen Terroreinheit erschüttert. Beim Angriff gegen israelische Sportler starben nach einem missglückten Befreiungsversuch der deutschen Polizei insgesamt 17 Menschen. Genscher, damals Innenminister, diente sich im Versuch, die Lage zu retten, den Terroristen vergeblich als Austauschgeisel an. Als Folge der verheerenden Katastrophe forcierte Genscher die Gründung der heute noch bestehenden Anti-Terror-Einheit GSG 9. «München war meine schwerste politische Stunde überhaupt», sagte Genscher Jahre später.

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