Viele Helfer helfen nichts

Erwachsene helfen Verletzten weniger oft, wenn andere Menschen die Situation beobachten. Forscher des Max Planck Instituts haben untersucht, ob sich Kinder gleich verhalten.

Diana Bula
Drucken
Teilen

Helfen schlägt zwei Fliegen auf einen Streich: Die gute Tat bringt andere aus einer verzwickten Lage und beim Helfer bleibt ein gutes Gefühl zurück. Menschen helfen deshalb üblicherweise gerne. Manchmal tun sie es dennoch nicht. Etwa wenn andere dabei zuschauen, wie mehrere Studien in den vergangenen Jahren belegt haben.

Wie ging nochmals Erste Hilfe?

Die Wissenschaft sieht die Gründe dafür in Schüchternheit oder Angst, von den Umstehenden ungenügend bewertet zu werden. Wer im Erste-Hilfe-Einmaleins nicht mehr ganz sattelfest ist, dem erscheint das nicht abwegig. Und manchmal stehen an einem Unfallort so viele Menschen herum, dass nicht klar ist, wer denn nun was unternimmt. Auch das kann hemmen einzugreifen, sind sich Sozialpsychologen einig.

Und dann fällt das Glas um

Ein Team um Maria Plötner von der Abteilung Evolutionary Anthropology des Max Planck Instituts in Leipzig hat nun untersucht, ob der sogenannte Zuschauereffekt auch bei Kindern auftritt. Dazu haben die Forscher Tests mit Fünfjährigen durchgeführt. Die Kinder sassen an einem Tisch und malten – als die Versuchsleiterin absichtlich ein Glas mit gefärbtem Wasser verschüttete. Wie würden die Kinder reagieren? Die Forscher bedienten sich bei dem Experiment dreier Szenarien. Mal befanden sich die Buben und Mädchen allein mit der Versuchsleiterin im Raum. Mal waren andere Kinder dabei; allerdings waren diese eingeweiht und aufgefordert, nicht zu helfen. Im dritten Fall hielten sich ebenfalls noch andere Kinder im Zimmer auf – jedoch hinter einer Abschrankung. Sie konnten nicht ins Geschehen eingreifen.

Viele Helfer, weniger Hilfe

Das Ergebnis: Über 90 Prozent der Kinder, die alleine mit der Versuchsleiterin waren, halfen ihr beim Aufwischen des Malwassers. Waren andere Kinder anwesend, reichte nur etwa die Hälfte der Buben und Mädchen Papier zum Putzen. In Szenario drei (Kinder im Raum, aber hinter Abschrankung) waren wiederum über 90 Prozent der Kinder beim Aufnehmer behilflich.

Nicht nur bei Erwachsenen, auch bei Kindern spielt folglich der Zuschauereffekt. Grund ist jedoch weder Schüchternheit noch Angst, schlecht beurteilt zu werden. Plötner und ihr Team fanden nämlich heraus: Die Kinder brauchten in Szenario 3 länger, bis sie sich entschieden zu helfen, als in der Situation, in der sie alleine im Raum waren. Sie prüften zuerst, welche der Anwesenden überhaupt Hilfe leisten können. Erst als sie erkannten, dass die anderen feststecken, schritten sie ein. «Daraus lässt sich folgern, dass Nicht-Helfen im Beisein anderer damit zu erklären ist, dass sich die Verantwortung auf mehrere potenzielle Helfer verteilt», schreibt Plötner. Jeder geht wohl davon aus, der andere helfe. Am Schluss tut es keiner.

Ausrede als Entschuldigung

Die Hälfte der Kinder, die nichts unternahmen, begründeten ihre Inaktivität damit, dass sie nicht gewusst hätten, wie zu helfen. Das lassen die Forscher nicht gelten. Den Kindern sei zuvor gezeigt worden, wie sich mit dem Papier putzen lasse, betonen sie. Eine faule Ausrede also – auch wie bei den Erwachsenen.

Aktuelle Nachrichten