Viel Publikum – und die Frage, was bleibt

Die Expo Milano 2015 schliesst am heutigen Samstag nach sechs Monaten ihre Tore. Die Veranstaltung zum Thema «Den Planeten ernähren, Energie für das Leben» wurde nach harzigem Beginn zu einem grossen Publikumserfolg. Doch nachhaltige Folgen dürfte sie kaum haben.

Gerhard Lob/Mailand
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Vor allem in den letzten Tagen kam es an der Expo immer wieder zu langen Warteschlangen. (Bild: ky/Christian Beutler)

Vor allem in den letzten Tagen kam es an der Expo immer wieder zu langen Warteschlangen. (Bild: ky/Christian Beutler)

Das Thema der letzten Wochen bei der Weltausstellung in Mailand war vor allem eines: der gewaltige Publikumsandrang. Vor einzelnen Länderpavillons bildeten sich Menschenschlangen, die stundenlange Wartezeiten nötig machten. Den Rekord stellte der Pavillon Japans auf. Vor den Toren des Publikumslieblings warteten die Leute sagenhafte acht Stunden.

Die Weltausstellung war am 1. Mai eröffnet worden. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit gewesen. Wegen der Infiltration der Mafia und Schmiergeldern hatte es sogar Verhaftungen gegeben. Verspätungen waren an der Tagesordnung. Doch Premierminister Matteo Renzi konnte schliesslich stolz verkünden, den Wettlauf gewonnen zu haben. «Italien schafft das» war stets sein Mantra gewesen. Dies brachte ihm politischen Auftrieb.

Zuletzt 250 000 Besucher – pro Tag

Nach sechs Monaten – die Schlusszeremonie findet heute abend im Beisein des italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella statt – fällt die Bilanz der Mega-Veranstaltung aus Sicht der Organisatoren positiv aus. Die offiziellen Pressemitteilungen überschlagen sich vor Lobeshymnen. «Diese Veranstaltung war ein Erfolg – wir haben das Bild eines modernen Landes vermittelt, das auch solche Herausforderungen meistert», twitterte Roberto Maroni, Präsident der Region Lombardei. Am Anfang allerdings lief es indes harzig. Im Mai und Juni kamen wenige Besucher. Ab Mitte August strömten dann immer mehr Menschen an die Expo. Zum Schluss gab es kein Halten mehr. Täglich wurden rund 250 000 Eintritte verbucht. Für internationale Aufmerksamkeit sorgte die Präsenz von Politikern wie Angela Merkel, François Holland, Wladimir Putin oder UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon.

Laut der Organisatoren war die Zufriedenheit des Publikums ausgesprochen hoch. Es wird auf Umfragen verwiesen. Doch in den letzten Wochen nervten die endlosen Warteschlangen vor den Pavillons, aber auch in Restaurants, vor allem Besucher aus dem Ausland. Denn von den Inhalten bekamen sie so kaum etwas mit. Auf der Hauptstrasse Decumanus durften sie neben Kitschständen mit Plastikgemüse immerhin Paraden mit «Foody-Maskottchen» bestaunen, die auch gut in Disneyland hätten stattfinden können. Die Organisatoren betonen, dass die Expo keine Lehrveranstaltung, sondern ein Volksfest sein sollte.

Gemischte Reaktionen auf Schweiz

Vom Zustrom profitierte der Schweizer Pavillon «Confoederatio Helvetica». Nach Angaben von Präsenz Schweiz, die für den Auftritt an der Weltausstellung verantwortlich war, besuchten gut 2 Millionen Besucher den Pavillon. Die Hälfte dieser Besucher kam in den letzten zwei Monaten. «Alle Ziele wurden erreicht», bilanzierte Bundesrat Didier Burkhalter gestern nach einem abschliessenden Besuch des Schweizer Pavillons.

Der Pavillon bestand aus vier Türmen, in denen Apfelringe, Wasser, Kaffeepulver und Salz verteilt wurden – aber nur so lange, wie die Vorräte reichten. Manche Besucherinnen und Besucher standen vor leeren Regalen. So sollten sie lernen, dass die Ressourcen der Welt eben beschränkt sind. Und jeder Konsument sollte sein Verhalten so anpassen, damit auch für die anderen etwas übrig bleibt. Die Türme wurden vielfach als bieder und nüchtern kritisiert, das Ausstellungskonzept als lehrmeisterhaft (siehe unten die Kritik von Mario Botta), doch die Schweiz bekam daneben auch viel Lob. Das «Exhibitor Magazine» zeichnete den Schweizer Pavillon sogar als vorbildlich aus, weil das Expothema «Den Planeten ernähren, Energie für das Leben» am besten visualisiert und umgesetzt worden sei. 70 Prozent der Besucher im Schweizer Pavillon kamen im übrigen aus Italien, 20 Prozent aus der Schweiz, und die verbleibenden 10 Prozent aus weiteren Ländern.

Ein Manifest als Wunschkatalog

Die Frage ist nun: Was bleibt von der Weltausstellung? Wird sie ein Zeichen für Ernährungssicherheit setzen, so wie es von den Veranstaltern gewünscht ist? Sind mehr Massnahmen gegen Hunger gefunden worden? Was wird aus dem viel proklamierten «Recht für ausreichende und gesunde Nahrung»? Viele Fragen, wenige Antworten. Abertausende von Besuchern haben ein Manifest gegen den Hunger in der Welt unterschrieben. Das Dokument wird der UNO überreicht, allerdings ist es vor allem ein Wunschkatalog. Auch die Frage, was mit dem Expogelände passiert, ist noch offen. Der Pavillon Italien wird stehen bleiben und als Dienstleistungszentrum der Stadt Mailand genutzt werden. Rund 12 Länderpavillons werden abgebaut und an anderer Stelle wieder errichtet. Der Schweizer Pavillon wird zurückgebracht und als Gewächshaus genutzt. 75 Prozent der übrigen Materialien werden rezykliert. Die 55 Prozent des Kaffeepulvers und 45 Prozent der Salzwürfelchen, die in den Silos verblieben, weil niemand daran Interesse hatte, werden wohl an eine Lebensmittel-Sammlung für Bedürftige gehen.

Bleiben wird vor Ort der Lebensbaum, der mit seinen musikalischen Wasserspielen Millionen von Besuchern anzog und zum Symbol der Weltausstellung geworden ist. Der «Albero della Vita» war auch das beliebteste Fotosujet an der Expo Milano.