Verteufelt und gejagt

Nicht in allen Kulturen hat der Wolf einen schlechten Ruf. Bei uns machen Sagen und Märchen aus früheren Jahrhunderten dem sozialen, scheuen und anpassungsfähigen Vorfahren unserer Hunde das Leben immer noch schwer.

Bruno Knellwolf
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Das Küefer-Martis-Huus im liechtensteinischen Ruggell.

Das Küefer-Martis-Huus im liechtensteinischen Ruggell.

Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell ist etwa 300 Jahre alt. Die Analyse eines Holzbalkens im schönen Haus zeigt, dass der Baum dafür im Jahr 1730 gefällt worden ist. Einen Steinwurf vom Rhein und der Schweizer Grenze entfernt steht dieses denkmalgeschützte Haus, das seit 2002 ein Museum und Kulturzentrum ist, wie Leiter Johannes Inama erklärt. «In diesem Überschwemmungsgebiet siedelten Menschen an, weil viel Verkehr über den Rhein floss, der Handwerker und Flösser anzog.»

Verteufelter Wolf

Jetzt ist hier in Liechtenstein der Wolf zu Gast, der schon verteufelt worden ist, als dieses Haus gebaut wurde. Die aktuelle Ausstellung im Küefer-Martis-Huus dreht sich um die Geschichte und Aktualität eines Mythos. Denn wer die Diskussionen um die Rückkehr des Wolfs in die Schweiz beobachtet, vermutet hinter der Argumentation einiger eher den Glauben an Sagen und Märchen als die Kenntnis wissenschaftlicher Fakten. «Nicht in allen Kulturen war und ist das Bild des Wolfes negativ», sagt Inama. Er erinnert an die Gründungslegende Roms mit Romulus und Remus. Der Wolf stand für Stärke und Ausdauer und gehört deshalb oft zu Enstehungsmythologien eines Volkes. Auch die alten Ägypter und Griechen machten den Wolf zum Symbol der Stärke, Aufopferung und Fruchtbarkeit.

«Bei uns gab es die Verteufelung und den Missbrauch schon im Mittelalter», sagt Inama. Das führte zu den Werwolf-Legenden. Der Wolf als Sinnbild dämonischer Macht. Die katholische Kirche setzte den Wolf im Mittelalter gar dem Teufel gleich. «Auch deshalb wurde der Wolf zum stark bejagten Tier», sagt Inama. Zudem wurden in dieser Zeit Wälder abgeholzt und Sümpfe trockengelegt, um landwirtschaftliches Gebiet zu gewinnen. Der Wolf wurde so seines Lebensraums beraubt, was zu Konflikten mit Schaf- und Viehzüchtern führte.

Mit grosser Brutalität

Auch die Kriege bescherten dem Wolf ein schlechtes Image. Im Dreissigjährigen Krieg wurden die Kontakte im leidgeplagten Europa zwischen Mensch und Wolf immer problematischer. Der Hunger betraf beide und die Wölfe machten sich an die Leichen der Soldaten auf den Kriegsfeldern. «Zudem waren sie Konkurrenten des Adels, der ein Hoheitsrecht auf die Jagd hatte. Deshalb schickten die Adligen die Untertanen auf Wolfsjagd», erklärt der Leiter des Küefer-Martis-Huus.

In der Ausstellung wird gezeigt, mit welcher Brutalität nach dem Ahnen unseres Hundes gejagt wurde – an Haken aufgehängt oder elendiglich in der Falle oder im Netz gefangen. Im 16. Jahrhundert war der Wolf noch in der ganzen Schweiz beheimatet. Bereits im 17. Jahrhundert wurde er im Mittelland ausgerottet und in die Alpen verdrängt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verschwand der Wolf auch dort.

Das schlechte Image zeigt sich sogar in Namen von Pflanzen. Kommt der Wolf darin vor, handelt es sich oft um eine giftige Pflanze. «Die zur Vergiftung des Wolfs genutzt wurde», sagt Inama. Zum Beispiel der Wolfs-Eisenhut, die wohl giftigste Pflanze in unserer Gegend. Heute wird der Wolfs-Eisenhut übrigens in der Homöopathie eingesetzt – gegen Mandelentzündungen.

Aufklärung im 20. Jahrhundert

Der Wolfs-Eisenhut wurde also gar zum Heilmittel und auch das Bild des Wolfs hat sich mit der Forschung verbessert – allerdings erst im 20. Jahrhundert. «Da hat man erst gemerkt, dass der Wolf kein bösartiges Raubtier ist, sondern ein sehr soziales Wesen mit spannenden Familienstrukturen», sagt Inama. «Gemäss der neusten Forschung weiss man auch, dass die Theorie der Alpha-Wölfe nicht stimmt. Diese beruht auf Wölfen in Gefangenschaft», sagt Inama. Wölfe in der Wildnis lebten intensiver im Familienverband und seien nicht so aggressiv wie oft dargestellt. Sogar die zweite Generation in einem Rudel kümmere sich um Neugeborene.

Obwohl der Wolf nachweislich keine Gefahr für den Menschen darstellt und diesen meidet, hat er noch immer viele Feinde. Trotzdem ist er das Säugetier mit der grössten Verbreitung. Der Wolf lebt in Polar- wie auch in Wüstengebieten. In der Wüste ist er kleiner, in den kalten Gebieten grösser. Er ist generell sehr anpassungsfähig. Langsam breitet sich der Wolf auch bei uns wieder aus und ist immer noch kreuzungsfähig mit unseren Hunden. Deshalb gibt es Hybride.

Normal ist...

Fakten zum Wolf werden im Küefer-Martis-Huus in der parallel laufenden Wanderausstellung «Begegnungen mit dem Wolf» des Vereins CHWolf gezeigt. Der Verein erklärt, was ganz normal an einem Wolf ist: Normal ist, dass er Fleischfresser ist und sich von Hirschen und Rehen ernährt und Teil der natürlichen Nahrungskette ist. Normal ist, dass er im Winter den Rehen in Talgebiete folgt und dort ab und zu gesehen wird. Normal ist, dass ein Wolf einen ganzen Hirsch nicht auf einmal fressen kann und Reste auch anderen Tieren überlässt. Normal ist, dass der Wolf ein Opportunist ist und um Energie zu sparen und Verletzungen zu vermeiden, leichte Beute jagt. Deshalb müssen Schafe und Ziegen in Wolfsgebieten mit Herdenschutzhunden vor ihm geschützt werden.

Normal ist auch, dass sich ein Wolf durch Klatschen vertreiben lässt – in den letzten zwanzig Jahren, seit es in der Schweiz wieder Wölfe gibt, sind keine Situationen bekannt, in denen sich Wölfe aggressiv gegenüber Menschen verhalten hätten, schreibt CHWolf.

Küefer-Martis-Huus, Ruggell, Öffnungszeiten: Fr, Sa, So 14 bis 18 Uhr, bis 9. Oktober

Das Grimm'sche Märchen «Das Rotkäppchen» hat über Generationen ein negatives Bild eines bösen Wolfs geprägt, was mit Art und Wesen des hundeartigen Tiers nichts zu tun hat. (Bilder: Bruno Knellwolf)

Das Grimm'sche Märchen «Das Rotkäppchen» hat über Generationen ein negatives Bild eines bösen Wolfs geprägt, was mit Art und Wesen des hundeartigen Tiers nichts zu tun hat. (Bilder: Bruno Knellwolf)