Andreas Hofer
«Der Job hat mich ausgefüllt»

Er galt nicht nur als umsichtiger Gesamtleiter, sondern auch als aufmerksamer Zuhörer, als verständnisvolle Vaterpersönlichkeit. Vor allem andern war Andreas Hofer auf dem Neuhof – ein Mensch.

Drucken
Der Job hat mich ausgefüllt

Der Job hat mich ausgefüllt

Aargauer Zeitung

Peter Belart

Hektik ist ihm fremd. Andreas Hofer überlegt mit Bedacht, ordnet zuerst seine Gedanken, wählt die treffenden Worte, fasst sein Gegenüber ins Auge, und erst dann spricht er. Seinem Naturell muss jegliche Aufgeregtheit ein Gräuel sein. Dies mag auch mit seinem Bernerdialekt zu tun haben, mit seiner geografischen Herkunft vielleicht und auch mit seinem nicht mehr ganz stabilen Gesundheitszustand, ganz sicher jedoch mit seinem Interesse am Mitmenschen, an jedem Mitmenschen, egal, wer es nun sein mag. Seine jugendliche Klientel behandelte er kein bisschen anders als irgendwelche Amts- oder Würdenträger, nämlich mit Respekt und Empathie.

Die Autorität, die Andreas Hofer im Neuhof ausstrahlte, basierte nicht auf Barschheit oder altpreussischem Gehabe, sondern auf dem Vertrauen, das er vermittelte, auf seiner Ernsthaftigkeit und auf seinen klaren pädagogischen Überzeugungen, die er einforderte, denen er aber auch selber nachlebte. Es ist der Geist Pestalozzis, der hier nach wie vor spürbar ist.

Ungewöhnliche Biografie

Einem Wunsch seines Vaters entsprechend absolvierte Andreas Hofer eine Lehre als Maschinenmechaniker. An der Ecole Supérieure de Commerce in Neuenburg vertiefte er seine Kenntnisse der französischen Sprache und erwarb ein Handelsdiplom. Es folgten fünf Jahre im Aussendienst - auch in Frankreich - als Verkäufer für technisches Material. «Mir wurde aber immer klarer, dass dies nicht meine berufliche Bestimmung, nicht meine Welt ist.»
In dieser Zeit nahm die junge Familie Hofer einen «schwierigen Jugendlichen» auf. Dessen Betreuer, mit dem Hofer regelmässig in Kontakt stand, sagte einmal spontan: «Sie haben eine ausgesprochen hohe pädagogische Begabung.» Ein Satz, der das weitere Leben von Andreas Hofer bestimmen sollte.

Hofer trat eine Stelle als Erzieher im Kantonalen Jugendheim Aarburg an, liess sich zum Sozialpädagogen ausbilden und besuchte die Höhere Fachschule in Brugg. Ab 1980 arbeitete er als Gruppenleiter im Berufsbildungsheim Neuhof, avancierte 1983 zum stellvertretenden Heimleiter und wurde 1985 zum neuen Gesamtleiter gewählt.
Jetzt wird Andreas Hofer pensioniert. Rückblickend sagt er: «In meiner Zeit auf dem Neuhof kam es zu einschneidenden Entwicklungsschritten in organisatorischer und erzieherischer Hinsicht.»

Vielfältigste Ansprüche

Der Neuhof ist ein sehr komplexes Gebilde, und entsprechend vielfältig sind die Aufgaben, die dem Gesamtleiter zufallen. Stichwörter können hier die Planung, die Finanzen, die Berufsbildung, die Mitarbeiterführung und natürlich die Förderung und Festigung der Jugendlichen in ihrer Persönlichkeit sein. Befragt nach den wichtigsten Tätigkeiten hier im Neuhof weist Hofer auf Kontakte mit unterschiedlichsten Personen und Persönlichkeiten hin, auf namhafte bauliche Massnahmen mit einem Gesamtvolumen von ungefähr 18 Mio. Franken, auf die Festigung des «Labels Neuhof» sowohl bei kommunalen, kantonalen und eidgenössichen Behörden als auch bei Handwerksbetrieben und bei der Bevölkerung, die hier ja auch in geschäftlichem Sinne auftrat.

Hofer betont ferner, dass gerade in den letzten Jahren eine sehr sorgfältige Personal-Selektion betrieben wurde. Dies geschah aus der Erkenntnis, dass darin ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg in der Arbeit mit den Jugendlichen zu finden ist.
Und immer wieder Gespräche mit ebendiesen Jugendlichen. Diese Gespräche zählen für Hofer zu den Highlights. Seiner Einschätzung nach waren sie stets geprägt von Ernsthaftigkeit und Wertschätzung - gegenseitig! «Ganz besonders freute ich mich auch immer über Besuche von Ehemaligen, die im Leben den Rank gefunden hatten.»

Abschied mit einem Lächeln

Selbstverständlich gab es in diesen Jahren auch schwierige Momente. Hofer erzählt von drei Todesfällen, vom Kampf gegen Drogen und von einer Brandserie: «Es war wie verhext. Wie ein Fluch.» «Gott sei Dank kam es in der ganzen Zeit nie zu einem Suizid», sagt Hofer. Trotzdem hinterliess die hohe Last an Arbeitszeit und Verantwortung ihre Spuren. Hofer muss sich regelmässig medizinisch behandeln lassen.

Hofer fasst zusammen: «Der Job hat mich ausgefüllt.» Doch jetzt freut er sich auch auf eine andere Art von Erfüllung. Zwar steht er noch bis im September für besondere Aufgaben zur Verfügung, aber als Gesamtleiter trägt jetzt Jörg Scheibler die Verantwortung. Hofer betont, dass er seinen Nachfolger sehr schätzen gelernt hat und von der pädagogischen Kontinuität im Neuhof überzeugt ist. Er selber wird sich nun intensiv der Literatur widmen, er wird reisen, er wird beim Wandern etwas für seine körperliche Ertüchtigung tun und beim Fischen die gelassenen und beschaulichen Seiten des Lebens geniessen.

Hofer steht auf und lächelt. Dann verabschiedet er sich.